Max Flückiger

Einst der Einzige in halb Europa: Rickenbacher testete neuerstellte Eisenbahnbrücken

Max Flückiger war einmal der Einzige in halb Europa, der das Testfahrzeug für Eisenbahnbrücken steuerte. Dafür fuhrt man anfang des 20. Jahrhunderts mit mehreren schweren Fahrzeugen auf das Bauwerk. Der Rickenbacher hatte die Eisenbahn im Blut.

Dieser Beruf ist einmalig in der Schweiz. Der Rickenbacher Max Flückiger übte ihn aus. Er arbeitete als Maschinenschlosser bei der SBB-Werkstätte in Olten. Zusätzlich aber war er der Spezialist für die Steuerung und Bedienung des Brückenbelastungswagens der SBB. Mit diesem Sonderfahrzeug war er nicht bloss in der Schweiz im Einsatz. Er wurde auch aus andern Ländern, vorwiegend aus Deutschland oder Frankreich angefordert, wenn es galt, neuerstellte Eisenbahnbrücken auf ihre Tragfähigkeit hin zu testen.

Mit mehreren schweren Fahrzeugen geprüft

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die damaligen Eisenfachwerkbrücken geprüft, indem man mit mehreren schweren Fahrzeugen auf das Bauwerk fuhr. Dabei ging es nicht um die Frage, ob die Brücke dem Gewicht standhalten würde. Solche Berechnungen hatten die Kon­strukteure schon bei der Planung angestellt. Vielmehr überprüfte man, wie stark sich die Eisenträger unter der Last durchbogen und dehnten. Durch die Messung erhielt man Aufschlüsse über die Qualität der Tragkonstruktion, insbesondere die Gewissheit, dass keine offenkundigen Mängel vorhanden waren.

Im Jahre 1918 bauten die SBB einen eigens für die Belastungsproben vorgesehenen Brückenbelastungswagen. Seine Bezeichnung lautete ursprünglich X3 99711. Diese wurde später auf XTm 91510 geändert, X steht für Sonderfahrzeug, T für Traktor und m für Antrieb mit Diesel- oder Benzinmotor. Das Fahrzeug wog 29 Tonnen, mit Ballast beschwert hatte es ein Gesamtgewicht von ungefähr 36 Tonnen. Der Brückenbelastungswagen bestand aus einem Rahmen, in welchem drei Achsen gelagert waren, und zwar vorn und hinten zwei normale Wagenachsen und in der Fahrzeugmitte die Lokomotivachse zum Antrieb. Die Vorder- und Hinterachsen konnten hochgezogen werden, sodass die 36 Tonnen Gesamtgewicht einzig auf der Mittelachse lasteten.

Die Zug- und Stossvorrichtungen waren so ausgebildet, dass der Brückenbelastungswagen jedem beliebigen Zug angehängt werden konnte. Um den Wagen selbstständig zu manövrieren, war für den eigenen Antrieb ein 10-PS-Benzinmotor eingebaut. In der Mitte des Wagens war der luftige Sitz angebracht, von wo aus der Fahrer die Schalthebel zum Steuern der verschiedenen Bewegungen und der drei Geschwindigkeitsstufen bediente. Die Federführung bei den Belastungsproben lag bei der Sektion Brückenbau der SBB-Generaldirektion. Der Brückenbelastungswagen wurde 1984 /85 in einen Hebebühnenwagen umgebaut. Vorher war er noch in der SBB-Werkstätte in Olten stationiert. Hier war bis zu seiner Pensionierung Max Flückiger für den speziellen Wagen zuständig.

Max Flückiger entstammte einer wahren Eisenbahnerfamilie. Sein Vater Gottfried Flückiger arbeitete seit 1883 in der SBB-Reparaturwerkstätte Olten und führte im Nebenerwerb einen kleinen Bauernhof in ­Rickenbach. Desgleichen waren seine beiden älteren Brüder bei den Bundesbahnen; Ernst ebenfalls in der Werkstätte, Gottfried junior war Lokomotivführer.

Flückiger hatte die Eisenbahn im Blut

Der am 8. Oktober 1908 geborene Max Flückiger machte nach der Bezirksschule in der SBB-Werkstätte in Olten eine Berufslehre als Dreher. Noch während der Lehrzeit baute er in seiner Freizeit einen Radioempfänger, für welchen er 1925 die Konzession für eine radioelektrische Empfangsstation erhielt. Nach der Lehre, die er im April 1928 erfolgreich abschloss, folgten Wanderjahre. Dabei arbeitete er unter anderen bei der Maschinenfabrik Louis ­Giroud AG in Olten.

1935 erwarb er den Fahrausweis für Motorlastwagen. Bei der Blechprodukte-Firma Heer & Cie. absolvierte er 1936 bis 1939 eine Zusatzlehre als Maschinenschlosser. Anfang März 1939 trat er eine neue Stelle in dieser Funktion bei der Werkstätte SBB an, wo er zum Spezialhandwerker und schliesslich 1968 zum Chef der Traktorenabteilung, der sogenannten «Traktori», aufstieg. Als Meister bildete er auch Lehrlinge aus. Hier blieb er bis zur regulären Pensionierung 1973.

In der Freizeit engagierte es sich in verschiedenen Vereinen, so im Turn- im Samariter- und im Gartenbauverein. 1933 wurde er Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs SAC Olten. Zusammen mit den Kameraden unternahm er Berg- und Skitouren; dabei fotografierte er eifrig Landschaften, Menschen und Blumen.

Tochter weiss um die Fähigkeiten des Vaters

«Die Wetterfestigkeit, die er sich auf den Touren sommers und winters erwarb, dürfte den Ausschlag gegeben haben, dass Max Flückiger das Führen des Belastungswagens übernehmen konnte», erklärte seine Tochter Marlis Keller-Flückiger. «Über die technischen Voraussetzungen und die Fähigkeit, ein schweres Fahrzeug zu steuern, verfügte er ja. Aber um das schwere Gefährt vom ausgesetzten Sitz aus zu manövrieren, musste man doch einige Unbill an Wind und Wetter aushalten können.»

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