«Wie gahts ächt Ihrem Nachber? Hät Ihre Nachber ächt Dräck am Stäckä? Er chönnt e Liich im Chäller ha!» Die Zuschauer mussten am Samstagabend in der «Schützi» nicht lange werweissen, wovon das gezeigte Stück handeln würde: «Nebenan» drehte sich um die Nachbarschaft, um das Zusammenleben und ja, um etwaige Leichen im Keller. Gespielt wurde es von der Theatergruppe Tocca unter der Leitung von Esther Dietrich.

«Heieiei, so vill Nachbere! Das gseht ja us wie im verdichtete Wohne!», rief Lola aus. Sie hatte es sich abseits vom Geschehen in ihrem Sessel gemütlich gemacht und beobachtete durch den Feldstecher unverfroren das Publikum.

Dann wendete sie sich wieder der Bühne zu, wo sich die Schauspieler einer nach dem anderen vorstellten: Buchhalter Ernst, der nur Zahlen im Kopf hat und der berechnet hat, dass ihm heiraten viel zu teuer zu stehen käme, Professor Dreistein, der «besser als Einstein» ist und eine Essensmaschine erfunden hat.

Der betrunkene Hauswart, der Pfarrer, bei dem keiner mehr in die Kirche kommt, die eingebildete Zürcherin, die Klatschtante Rosa, die einsame Dame mit Hund… und die vier jungen Leute, die gemeinsam in einer WG leben. Alle wohnen im selben Block.

Laienschauspieler mit Handicap

Nach ihren Einsätzen warteten die Darsteller hinten im Halbdunkel der Bühne, klopften einander auf die Schultern, lachten, wenn einer eine Rolle besonders witzig vorgetragen hatte. Und sie übertrugen ihr eigenes Vergnügen aufs Publikum. Allen war klar: Dieses Stück war keine todernste Angelegenheit, im Gegenteil. Tocca ist eine Gruppe von Laienschauspielern, von denen manche ein Handicap haben.

Esther Dietrich, die selbst Heilpädagogin ist und über Weiterbildungen im Bereich Theater und Tanz verfügt, gründete die Theatergruppe 1992. «Zuerst ganz klein in der Färbi und ursprünglich nur mit Menschen mit Behinderung», wie sie sagt. Seit 1997 treten sie alle zwei Jahre in der Schützi auf, das meiste macht Dietrich in Eigenregie.

Etwa zwei Drittel der Darsteller sind Menschen mit psychischer oder geistiger Beeinträchtigung, mit Down-Syndrom, einer ist blind. «Man muss diesen Leuten eine Bühne geben», ist Dietrich überzeugt. Es sei eine ganz andere Art von Theater: «Sprachlich kann man nicht das Gleiche erwarten, es ist immer auch Improvisation dabei. Es gibt Menschen, die haben schon für einen Satz ganz lang.»

Etwa Hauswart Georgio, der während der Aufführung eben genau einen Satz sprach, diesen aber mehrmals und urkomisch. Die Nachbarn tauschten sich im Gemeinschaftsgarten aus, wetterten gegen die WG und wurden von der Dame vom Bund wiederholt dazu angehalten, an Umfragen zum Thema Nachbarschaft teilzunehmen: «Chrüzled sie a! Chrüzled sie a!»

Schliesslich kam dann zwar doch noch besagte Leiche im Keller zum Vorschein. Das hinderte die «Chrüzlitante» aber nicht, die Mitteilung zu verkünden: «Sie haben eine ideale Nachbarschaft! Sie sind jetzt vom Bund ISO-zertifiziert!»

Tocca entlockte den Zuschauern das ganze Stück hindurch immer wieder spontane Lacher. Die wunderbar schrullige Aufführung wurde mit begeistertem Applaus und Bravo-Rufen belohnt.