Was bin ich? Ich habe einen urbanen Charakter, liege direkt an einem Fluss, habe einen historischen Kern, mehr als 10 000 Einwohnende? Genau – ich bin eine Stadt. Am liebsten bin ich natürlich eine solothurnische Stadt, wie Olten, Solothurn oder Grenchen.

Doch ich verkörpere nicht nur die Städte an der Aare – ich komme auch in vielen weiteren Namen vor. Denn das neuhochdeutsche Wort Stadt, schweizerdeutsch Statt sowie die Ableitung Stätte bedeuten ursprünglich nichts anderes als «Stelle, Ort, Platz, Raum, Wohnstätte». Es handelt sich dabei um das Substantiv zum althochdeutschen Verb stān, stēn «stehen».

Oft wird in Flurnamen auch der Dativ Plural verwendet, also «In den Stetten». Das Wesen einer mittelalterlichen Stadt bestimmten hauptsächlich drei Merkmale: ein eigenes Stadtrecht, das die Selbstverwaltung und Rechtsprechung regelte, eigene Mauern und ein eigener Markt.

Stadt und Stat(t) verweist in Örtlichkeitsnamen demnach auf die Lage im Stadt- beziehungsweise Siedlungskern oder auf den Besitz einer Stadt.

Bei der Wohnstätte des …

Die Bedeutung «Hofstätte, Wohnstätte» muss sehr alt sein, wie die zahlreichen mit Personennamen und -stat oder -stetten gebildeten Namen zeigen. Im Kanton Solothurn gibt es nur zwei Gemeindenamen mit der Endung -stetten: Hofstetten und Kriegstetten. Der älteste Beleg von Hofstetten im Leimental ist aus dem Jahr 1194 und lautet «Huhostetten».

Der Name muss daher nicht unbedingt «bei den Hofstätten» sondern bedeutet wohl eher «bei der Niederlassung einer Person namens Huho (Hugo)». Der Gemeindename Kriegstetten im Wasseramt hat nichts mit einem Krieg zu tun, auch kann der Gemeindename nicht auf einen Kriechbaum (Obstname mit mehrfacher Bedeutung, unter anderem Schlehdorn, Pflaumenschlehe, Haferschlehe oder Haferpflaume) zurückgeführt werden.

Als älteste Namenform ist althochdeutsch za diem Chriachstetim anzusetzen, was «bei der Niederlassung einer Person namens Chriach» bedeutet.

Die Stelle, wo …

Zu diesen beiden Gemeindenamen kommt eine grosse Anzahl aktueller oder noch historisch belegter Quartier-, Weiler- und Flurnamen mit dem Grundwort -statt oder -stetten. Statt oder Stett bezeichnet Stellen, die spezifisch genutzt werden, zum Beispiel Hofstatt, Richtstatt oder Mülistatt.

Die alte Bedeutung «Stelle» gilt auch in folgenden Flurnamen: Brandstetten «Gebiet, das brandgerodet wurde» (so in Hauenstein-Ifenthal, Kienberg, Olten, Trimbach), Bleuestatt «Gebiet mit einer Hanfreibe» (Aedermannsdorf), Burstetten(acker) wohl «Baustätte» (Wisen), Gnöllstettenmatt «Gebiet mit einem Berggipfel» (Wisen), Hofstetten (Boningen, Hägendorf, Herbetswil, Kappel, Winznau), Mülistatt (Stüsslingen), Mülistetten (Däniken, Gretzenbach, Niedererlinsbach, Schönenwerd), Riedstatt «Gebiet mit feuchtem Boden» (Stüsslingen), Statt (Fulenbach), Vorstadt (Niederbuchsiten, Egerkingen), Vorstatt (Dulliken, Laupersdorf, Obergösgen), Weierstatt (Balsthal). Stette(n) als Grundwort verweist dabei meist auf eine grössere Siedlungsstelle.

Kulturland beim Hof

Zu obiger Namengruppe gehört auch die verbreitete Bezeichnung Hofstatt, meist auch verkürzt zu Hostet, aus mittelhochdeutsch «hovestat» für «kleine Wiese» oder «Baumgarten» in der Nähe des Hauses. Als Flurnamen bezeichnen die zahlreich belegten Hofstatt, Hostet und Hofstetten, aber auch die Verkleinerungsform Ho(f)stettli meist das unmittelbar bei einer Hofstatt gelegene Kulturland oder eine (ehemalige) Hofstatt selbst, also ein Bauernhaus mit Stall und Scheune.

In Olten-Gösgen und Thal-Gäu gab es zahlreiche Hofstatt-Belege, oft in Verbindung mit einem Familiennamen, zum Beispiel Gassers Hofstatt (Kienberg), Heiners Hofstatt (Lostorf) oder Mangolts Hofstatt (Laupersdorf). Des Weiteren sind in vielen Gemeinden die Flurnamen Hostattacker, Hofstattland, Hofstattmatt und Hofstattrain historisch belegt.

Auch in Nordamerika war das Element stat noch im 19. und 20. Jahrhundert sehr fruchtbar, wo die europäischen Siedler am Rande der Zivilisation ihre Höfe in den neuen Rodungen als homestead «Heimstätte» und sich selber als homesteader bezeichneten.

Ebenso gibt es in Skandinavien und im Südosten Englands entsprechende Namen mit den Endungen -stad oder -sted. Sie bezeichnen meistens Siedlungen mit grossem Umschwung, was auf ein hohes Alter hinweist.

Das althochdeutsche Grundwort oder Simplex stat entspricht gemäss dem aktuellen Forschungsstand inhaltlich den althochdeutschen Wörtern hofen, hūsen, heim und dorf, bisweilen wurde es mit mittelhochdeutschen stade «Gestade, Ufer» verwechselt.

Landeplatz an Fluss und Bach

Schweizerdeutsch Stad bedeutet «Gestade, Ufer» und geht zurück auf das mittelhochdeutsche Wort stat, «Gestade, Ufer, Landeplatz» und althochdeutsch stad «Ufer, Küste». Es hat also überhaupt nichts mit einer Stadt zu tun.

Als Ortsnamen in der Schweiz bekannt sind beispielsweise Stansstad in Nidwalden «Ufer, Anlegeplatz bei Stans» und Alpnachstad in Obwalden «Ufer, Anlegeplatz bei Alpnach». Noch bekannter dürfte das bei James Bond alias Roger Moore und anderen Promis beliebte Gstaad im Saanenland sein.

Als Flurname bezeichnet Stad ein Fluss- und Bachufer, insbesondere Abschnitte, die auch als Landeplätze dienen, sowie Grenzböschungen. Belegt sind hierfür die Flurnamen Stad (Olten, Schönenwerd), Stadach (Hauenstein-Ifenthal), Stadacker (Hägendorf, Kappel, Oensingen, Schönenwerd, Wangen, Balsthal), Stadackermatt, Stadackerstrasse (Oensingen), Stadmatt (Boningen, Olten, Wangen) und Stadrain (Trimbach, Olten, Wangen). Davon abgeleitet ist der Flurname Gstad in Wisen.

Der Stadrain in Olten ist Anfang des 19. Jahrhunderts letztmals als solcher belegt, die Örtlichkeit dürfte aber den Einwohnern von Olten durchaus noch bekannt sein.

Es handelt sich nämlich um den Hausmattrain und bezeichnet heute die Strasse, die das Kleinholz- und das Bornfeldquartier mit der Stadt verbindet. Die Strasse wurde 1911 amtlich umbenannt, die Gründe dafür sind nicht bekannt.