Olten
Eine Sensation, lauwarm serviert

Das Berliner Renaissance-Theater hatte mit «Entartete Kunst» ein Gastspiel in Olten zum Fall Gurlitt.

Isabel Hempen
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Boris Aljinovic, Udo Samel und Anika Maurer (von links) vom Ensemble des Renaissance-Theaters Berlin überzeugten, die langfädigen Dialoge weniger.

Boris Aljinovic, Udo Samel und Anika Maurer (von links) vom Ensemble des Renaissance-Theaters Berlin überzeugten, die langfädigen Dialoge weniger.

Bruno Kissling

Was hätte man aus dem Stoff nicht alles machen können: Ein alter Herr, verhuscht, unauffällig, wird 2010 im Eurocity von Zürich nach München zufällig von deutschen Zollfahndern kontrolliert. In der Folge stellen die Ermittler fest, dass Cornelius Gurlitt an seiner Wohnadresse nicht gemeldet ist, über keine Bankverbindung verfügt und keine Rente bezieht.

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, kursiert die Causa Gurlitt doch seit November 2013 in den Medien: Bei einer Durchsuchung von Gurlitts Wohnung in München wegen vermuteter Steuerhinterziehung beschlagnahmen die Fahnder 1280 Kunstwerke. Weitere 238 Kunstgegenstände werden in seinem Zweitwohnsitz in Salzburg sichergestellt. Die Sammlung war von Cornelius’ Vater Hildebrand Gurlitt zusammengetragen worden. Jenem Kunsthändler mit jüdischen Wurzeln, der mit von den Nazis beschlagnahmter «entarteter Kunst» handelte und als Chefeinkäufer Adolf Hitlers für dessen geplantes Führermuseum in Linz tätig war. Der millionenschwere Kunstfund elektrisierte nicht nur die Kunstwelt. Auch die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen rückte wieder in den Fokus.

Stimmig inszeniert

Aktuell ist der Fall ausserdem. Im Kunstmuseum Bern ist Anfang November die Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt» angelaufen, die eine Auswahl von Kunstwerken aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt präsentiert. Die Vorlage also ist schlicht sensationell. Aber dem britischen Drehbuchautor Ronald Harwood ist es nicht gelungen, sie in ein Stück zu verpacken, das der Wirklichkeit das Wasser reichen könnte. «Entartete Kunst», vom Ensemble des Renaissance-Theaters Berlin am Donnerstagabend im Oltner Stadttheater aufgeführt, köchelt lediglich lauwarm dahin.

An Regie und Besetzung liegt das nicht: Regisseur Torsten Fischer inszeniert stimmig zurückhaltend. Aussagekräftig etwa die Anfangsszene, in der ein die Bühne verhüllender schwarzer Schleier gelüftet wird. Darunter taucht Protagonist Cornelius Gurlitt auf. Den von Drehbuchautor Harwood gezeichneten Gurlitt gibt Hauptdarsteller Udo Samel überzeugend. Dass dieser als frivoler Alter dargestellt wird, der immerzu nur ans «Fuppen» denkt und mit einer Modelleisenbahn spielt: Das hat mit dem echten Gurlitt wohl wenig gemein, kann aber als künstlerische Freiheit verbucht werden.

Über Gurlitt, der 2014 verstarb, ist wenig bekannt. «Ich bin doch etwas ganz Stilles», hatte er von sich gesagt. Jahrzehntelang hatte er allein und zurückgezogen gelebt. Dass er plötzlich ins mediale Rampenlicht gerückt wurde, beelendet ihn. Er verkraftete nicht, dass ihm seine Bilder weggenommen wurden. Sie waren seine Gefährten und die Liebe seines Lebens.

Zu wörtlich interpretiert

Das Problem des Stücks «Entartete Kunst» liegt woanders: Dem Drehbuchautor gelingt es nicht, Wahrheit und Dichtung harmonisch zu verknüpfen. In langfädigen Erklärpassagen rollt er den Fall in seiner Gesamtheit auf, von A bis Z wird dieser vor den Zuschauern ausgewalzt. So wirken die Dialoge zwischen Gurlitt und den Beamten teilweise leblos, dienen sie doch oftmals nur der chronologischen Berichterstattung. Diese ist angesichts der Dauerpräsenz des Falls Gurlitt in den Medien schlicht nicht notwendig.

Ausserdem muss ein Theaterstück nicht den Job des Chronisten erledigen. Harwood hat die Story zu wörtlich genommen. Es wäre besser gekommen, wenn er sich von den Fakten gelöst und etwas Neues geschaffen hätte. Theater ist ohnehin Fiktion.