Die Szenerie ist bewusst schlicht gehalten. Scheinwerfer in Rot und Grün beleuchten den dunklen Vorhang im Hintergrund der Bühne, die Stühle für die Musiker des Casal Quartetts sind im Halbrund angeordnet, links sitzt Katja Riemann. Digitale Notenständer ersetzen die üblichen Pulte, das hektische Blättern entfällt.

Das Publikum kann sich auf die Musik und den Text konzentrieren, denn der Bratschist Markus Fleck hat in einem längeren Epilog darum gebeten, nur beim Auftritt der Künstler, nach dem letzten Stück vor der Pause und ganz am Schluss zu applaudieren.

Musikalisch-literarische Reise

Mit je einem Lied aus dem Zyklus «Winterreise» beginnt und endet die musikalisch-literarische Schubertiade: Den Auftakt macht «Im Dorfe», der «Wegweiser» beendet den Abend, die Liedtexte werden gesprochen, die Melodien anschliessend gespielt. Franz Schubert (1797–1828) komponierte die «Winterreise»-Lieder ein Jahr vor seinem frühen Tod und sie sind wie die meisten seiner gut 600 Lieder eigentlich für eine Singstimme und Klavier eingerichtet. Gespielt von einem Streichquartett klingen sie völlig anders, der volksliedhafte Ton ist verschwunden.

Das Zürcher Casal Quartett zeigt mit intensivem Spiel, welch grosse kammermusikalische Qualitäten Schuberts Kompositionen haben. Doch der musikalische Höhepunkt des Abends ist die kraftvolle Interpretation des grandiosen Allegros, dem ersten Satz aus dem Quartett in G-Dur (D 887). Es ist der einzige Teil des wuchtigen Werks, der noch zu Schuberts Lebzeiten aufgeführt wurde.

Schubert hatte es nach dreimonatiger Schaffenspause in nur elf Tagen im Juni 1826 komponiert und sich stark von Beethoven beeindrucken lassen. Das Allegro illustriert den Satz aus einem Brief Schuberts: «Denke dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu Nichte geworden sind, dem das Glück der Liebe u. Freundschaft nichts bieten als höchstens Schmerz.»

Sprachgewaltige Mimin

Diese und andere Stellen aus Briefen an und von Schubert, aus Zeitzeugnissen, Zeitungsnotizen und Tagebucheintragungen hat Markus Schleck zusammengetragen und ergänzt mit vielen anderen dokumentarischen Zitaten. Er gibt so mit Text und passender Musik – mit Ausnahme eines Andantes von Mozart durchweg Schubertkompositionen – Einblicke in ein Künstlerleben mit all seinen Freundschaften und finanziellen Nöten.

Katja Riemann als Sprecherin ist für das Casal Quartett ein Glücksfall, ist sie doch seit fast 30 Jahren eine der herausragendsten Bühnen- und Filmschauspielerinnen Deutschlands. Sie spricht die Texte und interpretiert sie mimisch, verändert den Tonfall je nach Quelle, weiss Ironie und Tiefsinn geschickt einzusetzen. In dieser Schubertiade verbindet sich Musik auf hohem Niveau mit schauspielerischer Raffinesse, witzig und dennoch nachdenklich, berührend und intensiv.