Rickenbach

Eine Psychotherapeutin erzählt, weshalb ihre Praxis im Lockdown offen blieb

Die physische Nähe zum Therapeuten ermöglicht eine vertrauliche Beziehung, die es braucht für eine erfolgreiche Therapie.

Die physische Nähe zum Therapeuten ermöglicht eine vertrauliche Beziehung, die es braucht für eine erfolgreiche Therapie.

Die in Bern und Basel ausgebildete Brigitte Oswald hat eine Praxis in Rickenbach. Sie empfing auch in Zeiten von Social Distancing. Weil es ihr möglich war – und weil physische Nähe eine tiefere Vertrauensbeziehung schafft.

Das Vorlehnen beim Schildern einer Erinnerung. Das Pendeln auf dem Sessel, das Zucken einer Augenbraue, das Trommeln der Finger auf der Armlehne: unbewusste Zeichen des inneren Gemüts einer Patientin oder eines Patienten, die Brigitte Oswald in ihrer Erfahrung als Psychotherapeutin gelernt hat, zu deuten.

«Das Nonverbale ist bei menschlichen Interaktionen wichtiger als das, was gesagt wird», erklärt die Psychotherapeutin – per Telefon.

Trotz dem Corona-Lockdown offen

Unter anderem auch deshalb hat sie sich entschieden, ihre Praxis in Rickenbach in Tagen der Bewegungseinschränkungen zur Bekämpfung der Coronapandemie offen zu halten. Zwar bietet Oswald Therapie per Skype an – wegen des Coronavirus vermerkt sie auf ihrer Website auch, dass bei auftretenden Symptomen wie Husten und Fieber die Therapie telefonisch weitergeführt wird.

Psychotherapeuten setzen vermehrt auf Skype

In der ganzen Schweiz machen Psychotherapien in den letzten zwei Monaten vermehrt von Videochats und Telefonie Gebrauch. Die Behandlung durch Psychiater und Therapeuten wurde nicht per se verboten, jedoch gelten auch hier die Vorschriften, Körpernähe möglichst zu vermeiden. Die entsprechenden Berufsverbände haben sich deshalb auch beim Bund stark eingesetzt, damit auch die Ferntherapiestunden über das Krankenkassensystem abgerechnet werden können.

Der Kontakt ist nicht der gleiche

Unter den Patienten von Brigitte Oswald stiess jedoch das Angebot der Ferntherapie kaum auf Begeisterung. «Es gab wenige Leute, die sich darauf einlassen wollten», sagt Oswald. Die Verbindung des Therapeuten zum Patienten werde dadurch stark beeinträchtigt; das Spüren fällt am Telefon ganz weg, auf Skype sei es nur bedingt möglich. «Ich kann viele Sachen gar nicht wahrnehmen, die Atmosphäre nicht mehr spüren. Aus meiner Sicht gewährleiste ich dadurch nicht die gleiche Qualität.» Im Übrigen beruhe dies auf Gegenseitigkeit: «Auch für Patienten ist es wichtig, den Therapeuten wahrnehmen zu können», sagt Oswald.

Unproblematisch machbar dank Hygienemassnahmen

Die Hygienemassnahmen konnte Brigitte Oswald in ihrer Praxis gut einhalten: «Ich habe keinen Warteraum, wo sich Menschen gegenübersitzen, meine Patienten kommen direkt zu mir ins Behandlungszimmer, wo die zwei Meter Abstand problemlos eingehalten werden können.» Sie habe auch stets ausreichend Zeit zwischen zwei Behandlungen, um Stühle, Tisch und alles Notwendige zu desinfizieren. Während des Gesprächs trägt sie jeweils Maske und Handschuhe.

Das sei auch auf eine Art eine Distanzierung, aber die wurde gemäss der Therapeutin gut überwunden: «Am Anfang machen die Patienten schon ein etwas verblüfftes Gesicht, wenn sie mich mit Maske
und Handschuhen sehen. Aber danach können wir das gut mit Humor weg­stecken.» O tempora, o mores.

Brigitte Oswald sieht sich privilegiert, ihre Praxis trotz des Virus betreiben zu können. Sie habe sich auch in der Verantwortung gegenüber ihren Klienten gefühlt. «Die meisten meiner Patienten wollten ja nicht über Skype die Behandlung führen. Mir war es halt wichtig, meine Patienten auch in der schwierigen Zeit nicht im Stich zu lassen und die Behandlung weiterzuführen.» Gerade in einer solchen Zeit, ist Oswald der Überzeugung, ist die Betreuung bereits psychisch angeschlagener Menschen wichtig.

Die Distanz kann auch Vorteile haben

Gleichzeitig sieht Brigitte Oswald in der Ferntherapie auch Möglichkeiten. So kann diese ergänzend zur Therapie in der Praxis eingesetzt werden, etwa bei längeren Ferien- oder Auslandaufenthalten.

Weiter erklärt sie, dass die physische Distanz bei Skype-Therapien manchmal dem Patienten auch ermöglicht, sehr heikle Sachen anzusprechen  – wenn es wegen gewisser Persönlichkeitsstrukturen, bestimmter Störungen oder bei mit Scham besetzten Themen in direktem Kontakt eher schwierig ist. Eine Vertrauensbeziehung muss aus Sicht der Psychotherapeutin aber immer aufgebaut werden, um selbst über die Telefonlinien oder den Computerbildschirm über die Tiefen der menschlichen Seele sprechen zu können.

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