Härkingen
Eine Härkinger Kiesgrube als wertvolle Ökozone

Die Wyss Kies und Beton AG in Härkingen hat im letzten Jahr einen WWF-Preis für ihr Engagement für die Biodiversität erhalten. Das Unternehmen engagiert sich aber nicht erst seit der Auszeichnung für die Natur.

Erwin von Arb
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Betriebsleiter Rolf Wyss von der Wyss Kies und Beton AG eva
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Sorgfältiger Umgang mit schwerem Gerät: Hier werden mit einem Bagger neue Feuchtzonen geschaffen.eva
Lieben die Wärme: Blauflügelige Sandschrecken.
Geburtshelferkröten finden in Kiesgruben neue Lebensräume
Gelbbauchunken leben in temporären Kleingewässern.
Die Kreuzkröte ist eine auf Offenlandschaften spezialisierte Art.
Kiesgrube in Härkingen

Betriebsleiter Rolf Wyss von der Wyss Kies und Beton AG eva

«Dass wir vom WWF mit dem Preis für Naturvielfalt im 1. Rang der Kategorie ‹Unternehmen› ausgezeichnet wurden, kam für uns überraschend. Damit haben wir nicht gerechnet», sagt Rolf Wyss, Betriebsleiter des Familienunternehmens Wyss Kies und Beton AG in Härkingen im Rückblick auf den 2010 vom WWF im Rahmen des Jahres der Biodiversität lancierten Preises. «Ein schönes Erlebnis, verbunden mit der Genugtuung, dass unser Wirken für die Natur auch wahrgenommen wird.»

Mit Fachleuten am Werk

Mitgemacht am WWF-Wettbewerb hat das Härkingen Unternehmen eher zufällig, wie Doris Hösli vom Fachverband der Schweizerischen Kies- und Betonindustrie (FSKB) erwähnt. FSKB-Leiter Beat Haller habe den Vorschlag gemacht, weiss sie zu beichten. Die eidgenössisch anerkannte Umwelt- und Naturfachfrau weilt derzeit mit einem Praktikanten im Kieswerk, um zusammen mit der Wyss Kies und Beton AG darüber zu beraten, in welchen Arealen Hand angelegt werden soll, um gute Voraussetzungen für heimische Flora und Fauna zu schaffen.

Erhalten oder sogar ausbauen

Kiesgruben bilden für die Steigerung der Artenvielfalt in der immer mehr verarmenden Kulturlandschaft eine ideale Grundlage, wie Hösli dazu ausführt. So werden durch die Abbautätigkeit immer wieder neue Lebensräume geschaffen, in welchen sich bedrohte Tierarten nach kurzer Zeit erfolgreich ansiedeln. In der Kiesgrube in Härkingen sind das die selten vorkommenden Gelbbauchunken, Kreuzkröten, Blauflügeligen Sandschrecken und Geburtshelferkröten.

Mit gezielten Eingriffen sorgen FSKB-Teams zusammen mit Betriebsangehörigen dafür, dass diese wertvollen Ökozonen erhalten oder im Idealfall sogar ausgebaut werden können. Gemessen an der Gesamtfläche der Kiesgrube, welche rund 20 Hektaren gross ist, werden 10 bis 15 Prozent des Areals der Natur gezielt zugeführt.

Auch unerwünschte Neuansiedler

Beim jüngst durchgeführten Einsatz wurden verschiedenste Arbeiten ausgeführt. Eine wichtige Aufgabe bildet in der Winterzeit jeweils das Zurückschneiden des Buschwerkes, welches die unzähligen Tümpel und Weiher ohne menschliches Eingreifen überwuchern würde. In einigen Fällen wird auch schweres Gerät eingesetzt, um verschlammte Tümpel und Teiche auszubaggern oder neue Feuchtgebiete anzulegen. «Wir spielen quasi den Fluss, der in früheren Zeiten bei Hochwasser die Landschaft stetig veränderte», meint Hösli zu den mit dem Bagger behutsam vorgenommenen Eingriffen.

In neu geschaffenen Ökozonen siedeln sich in den ersten Wochen und Monaten oft Pionierpflanzen an. Dazu gehört zum Beispiel das Rosmarin-Weidenröschen, welches bevorzugt an kiesigen und sandigen Standorten wächst. Allerdings gibt es auch unerwünschte Eindringlinge, so genannte Neophyten. Darunter versteht man Pflanzen, Neophyten ist die Bezeichnung für Pflanzen, die erst seit der Entdeckung Amerikas (1492) bei uns vorkommen. Wörtlich übersetzt bedeutet Neophyten «neue Pflanzen». Einige Arten verhalten sich äusserst invasiv, indem sie sich stark ausbreiten und die einheimische Flora verdrängen.

Ein fast hoffnungsloser Kampf

In der Härkinger Kiesgrube bereitet insbesondere der Sommerflieder, eine in Gärten sehr beliebte Zierpflanze, solche Probleme, wie Doris Hösli berichtet. Der Kampf gegen die sich schnell ausbreitende Pflanze lässt sich indessen nicht gewinnen, er fängt vielmehr Jahr für Jahr immer wieder von neuem an. Beim Rundgang durch die bewachsenen Zonen der Grube kommt das deutlich zum Ausdruck. Überall schiessen Jungpflanzen dieser schnellwüchsigen Pflanze aus dem Boden. Praktikant Dominik Bohnenblust reisst die jungen Triebe einzeln aus dem steinigen Untergrund. Eine mühsame Arbeit, aber wertvoll für die heimische Flora, meint der 26-Jährige.

Betriebsleiter Rolf Wyss weiss die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem FSKB zu schätzen. Von den jeweils zweimal jährlich durchführten Einsätzen profitiere nicht nur die Natur, sondern auch das Kieswerk als Unternehmung. «Das ist aktive Imagepflege», meint Wyss mit dem Verweis, dass auf diesem Weg der Natur etwas zurückgeben werden könne. Die Wyss Kies und Beton AG engagiere sich seit 1997 freiwillig für die Schaffung und Erhaltung von Lebensräumen für seltene Pflanzen und Tiere. Jährlich werden dafür zwischen 10000 bis 12000 Franken eingesetzt.

Auch Beton wird produziert

Im 1959 gegründeten Familienunternehmen arbeiten insgesamt acht Personen, sechs im Kieswerk, zwei im Büro. Ferner werden im Jahresschnitt sechs bis acht Lastwagenfahrer von Fremdunternehmen beschäftigt. Rund 90000 Kubikmeter Kies werden jährlich abgebaut und aufbereitet. Davon werden pro Jahr rund 35000 bis 50000 Kubikmeter Frischbeton hergestellt, welcher in einem Umkreis von durchschnittlich sechs Kilometern ausgeliefert wird. Das restliche Kiesmaterial wird im Hoch-, Tief- und Gartenbau eingesetzt sowie in benachbarten Belagswerken verarbeitet.