Als Drittklässlerin wollte sie noch Primarlehrerin oder Nonne werden. Sibylle Wyss lacht bei der Erinnerung wider Erwarten noch nicht einmal auf. Es kam schliesslich anders, wie meist in solchen Fällen. Vor 25 Jahren wurde sie als Hauptlehrerin für Englisch und Französisch an die Kantonsschule Olten gewählt. An sich ist dies noch keine spektakuläre Notiz. Etwas pointierter wird es, wenn man weiss: Die damals knapp 40-Jährige wollte seit ihrer eigenen Gymnasialzeit an die Kanti gewählt werden, um zu unterrichten. Als 27-Jährige mit dem Lizenziat und dem sogenannten Oberlehrerausweis in der Tasche hatte sie in den Fächern Französisch und Englisch am damals noch existierenden Wirtschaftsgymnasium, der Handels- und Verkehrsschule, am Gymnasium und am Seminar ihren Oltner Einstand gegeben.



Es sollten Vorboten einer lange währenden Karriere sein. Deshalb muss man einfach fragen: Wie ist diese innere Beseeltheit für die Kanti und Olten eigentlich entstanden? Sibylle Wyss ringt nicht um Worte. «Als knapp 18-jährige Gymnasiastin erlebte ich die neue Kanti im Hardwald mit all ihren Fächern und der guten Infrastruktur als etwas Wunderbares, ja Paradiesisches. Stellen Sie sich vor: Hallenbad, Mediothek, Terrassen, Turnhallen, Turnplätze; alles auf einen Schlag. Davon hätten wir zuvor noch nicht mal zu träumen gewagt. Solch ein Ort war faszinierendes Neuland für mich.» Wer sie das so sagen hört, denkt: «Eigentlich wahr. Und dies alles 1973.»

Und so wars eben um die zierliche Person geschehen, die mal, wie sie verrät, auch leichtathletischen Fünfkampf betrieb und nicht bloss Schulfächer im eigentlichen Sinne des Wortes im Kopf hatte. Als Sechstklässlerin erreichte sie 4,80 Meter im Weitsprung. Das weiss die Rektorin noch ganz genau. «Sie können sich vorstellen: Kugelstossen war nicht meine Paradedisziplin.» Sie sagt das mit unerhört trockenem Schalk. Oder soll man es die Nüchternheit blosser Erkenntnis nennen?

Bruder als Schicksalsmacher

Egal: Der Rückblick auf Sibylle Wyss’ Karriere zeigt: Olten forever! So, wie es sich die leidenschaftliche Zigarettenraucherin immer vorgestellt hatte. Olten, das ist für die Rektorin Wohn- und Arbeitsort, Stadttheater, Schützi, Badi, Galerien, Kunstmuseum, die Altstadt und die Kirchgasse; Reihenfolge beliebig. Sie sei überall anzutreffen, lebe in der Stadt. Aber: Sie gehöre da oben im Hardwald schier zu einer der Letzten ihres Standes, sagt sie. Und dabei wehrt sie sich noch nicht einmal gegen den Begriff «Berufsoltnerin», sondern relativiert diesen höchstens mit der Bemerkung, auch in Niedergösgen und Trimbach aufgewachsen zu sein, in Basel und im europäischen Ausland studiert zu haben.

Vielleicht wirkte dabei ihr Bruder – wenn auch unbewusst – ein bisschen als Matchmaker dieser Entwicklung. Als Schülerin ans Gymnasium kam die kleine Sibylle mitunter auch deshalb, weil sie keinesfalls wie ihr Bruder an die Bezirksschule in Trimbach gehen wollte. Unterstützt von ihrer Mutter. «Sie war äusserst bildungsfreundlich und machte für mich als Mädchen keinen Unterschied», sagt die einstige Direktorin. Heute nennt sich deren Amt übrigens wieder Rektorin und bedeutet nichts anderes als: oberstes Mitglied der Schulleitung. Das bislang Unerzählte aus ihrer Laufbahn: Nach der Matura, dem Studium von Englisch, Französisch, Pädagogik und Psychologie als Werkstudentin, doktorierte sie 1986 und wurde vor elf Jahren zur Direktorin der Kantonsschule gewählt.

Veränderungen – Teil des Lebens

Es ist müssig, mit Sibylle Wyss über die prägendsten Veränderungen in ihrer langen Karriere als Gymnasiallehrerin zu reden. «Die bedeutendste?», fragt sie. «Die schwierigste?», hakt sie nach, um dann zu erklären: «Wissen Sie: Veränderungen sind Bestandteil des Lebens, das gilt auch für die Schule.» Natürlich sei die Maturitätsreform eine bedeutende gewesen, damals, als man den Maturitätstypus aufgegeben und zu den Schwerpunktfächern gewechselt habe. «Das war schon ein grosser Gewinn, bedeutete die Gleichberechtigung der Fächer untereinander – insbesondere auch der musischen Fächer», sagt die scheidende Rektorin. Auch der Sek-I-Reform mit neuen dezentralen Sek-P-Standorten, welcher sie erst ablehnend gegenüberstand, vermag sie heute Sinn abgewinnen. «Auch wenn das für die Kanti als gymnasialer Bildungsträger ein riesiger Einschnitt war», wie sie sagt. Aber die bedeutendste, die schwierigste? Mit solchen Begrifflichkeiten kann die Rektorin nicht viel anfangen.

Was danach kommt

Und jetzt? Loslassen. All die jetzigen und einstigen Schüler. Von letzten sagt sie, viele würden relativ oft schnell wieder vorbeikommen, um das Flair des Kanti-Idylls einzuatmen. All die Lehrkräfte, mit denen sie den Schulalltag und auch manchen Sonntag erlebt hat. «Sonntagsarbeit hat mich nie geniert», meint sie überzeugt. Sie, die sich mit der Kanti in hohem Masse identifiziert hat und wohl noch lang identifizieren wird. Manchmal gebe es einfach zeitliche Abschnitte, die besondere Einsätze erforderten. «So etwas weiss man doch.» Wen wunderts da noch, dass die 64-Jährige ihre Pensionierung als «ziemliche Zäsur» bezeichnet. Das Bedauern darob ist gross.


Wenige Wochen bleiben ihr noch bis Ende Juli. Bislang habe ihr die Schule so etwas wie den Lebenstakt vorgegeben, sei das Metronom der Sibylle Wyss gewesen. Was den Trennungsschmerz mildert? Disziplin, Struktur, Organisation. Eigenschaften der Sibylle Wyss. «Ohne die lässt sich ein solches Amt gar nicht bestreiten», meint sie. Ob sie jetzt mehr Akkordeon spielen, mehr Bücher – auch in Deutsch – lesen werde, mehr zum Schwimmen in die Badi gehe oder vermehrt die Region erwandern wird, bleibt vorläufig noch offen. «Das kann ich jetzt noch nicht sagen», meint sie und ist gespannt darauf, wie sich der eigene Ruhestand entwickeln wird.