Der Mann ist um keine Antwort verlegen und auf die Frage, wo man ihn im Dorf finde, sagt er: «Wo? Na gleich beim Flugplatz rechts.» Roman Brenn lacht. Mit «Flugplatz» meint er die Dorfstrasse, denn unmittelbar rechts davon, beim Dorfeingang, findet sich auch die Liegenschaft Brenns, Stiervas letztem Gemeindepräsidenten. Nur einmal holt er während des folgenden Gesprächs den kämpferischen Bergler raus.

Das darf er, denn er ist zusammen mit all den Farrérs, Candreias und Thönis eine waschechte «Ziege», wie man die Bewohner Stiervas in der Region früher nannte. «Das ist vorbei», sagt er lachend. Dass Stierva ausgerechnet den Kopf eines Schafbocks im Wappen führt, ist auch vorbei. Schluss mit dieser kleinen Verwerfung der Geschichte. Mit 1. Januar 2015 hört Stierva (deutsch Stürvis), seit 1964 Partnergemeinde Oltens, als Körperschaft auf zu existieren, fusioniert mit sechs andern Gemeinden (Mon, Tiefencastel, Surava, Alvaneu, Alvaschein und Brienz/Brinzauls) zur neuen Gemeinde Albula/Alvra.

Das ist übrigens nicht der Grund, weshalb Brenn kämpferische Töne anschlägt. Die Fusionsverhandlungen seien harmonisch verlaufen und im Dorf habe die Gemeindeversammlung die Fusion ohne Gegenstimme befürwortet, was ihm den Rücken stärke, wie er sagt. Vielmehr beschäftigt ihn die Frage, wie lange die Post ihren Dienst noch aufrechterhalten wird und Briefe, Zeitungen, Pakete ins 1375 m hoch gelegene Dorf anliefert. «Ja, wenns dann so weit kommt, behalten wir einen Teil der Bundessteuer zurück», sagt er. «Immer nur von Service public reden ist schon gut, aber der ist dann auch wahrzunehmen.»

Kristallisationspunkte im Dorf

Ja, die Post – und der Dorfladen. Das sind die Kristallisationspunkte des gesellschaftlichen Lebens in der 140-Seelen-Gemeinde. Und dann noch die Ustareia Belavista, wo man gemäss Brenn die besten Capuns im ganzen Bündnerland bekommt. «Das wollte ich unbedingt noch erwähnt haben», sagt er schon fast spitzbübisch. Probieren lässt sich das Bündner Traditionsgericht derzeit aber nicht. Das Restaurant bleibt wegen Umbaus vorerst geschlossen.

Und sonst? Die Menschen aus Stierva machen wenig Lärm, jedenfalls an diesem heissen Julitag. Nur dumpf sind die geländegängigen Mähmaschinen zu hören, die beeindruckende Steilhänge zu bezwingen vermögen. «Die sind am Heuen. Heuwetter war bislang rar», sagt Brenn. Einer der insgesamt neun Landwirte aus dem Dorf ist dann aber doch zu sprechen, weil er draussen vor dem Haus auf seine Tante wartet, die übrigens – wie sich später im Gespräch herausstellt – auch Mitglied des Gemeindevorstands (Gemeinderats) war und in dieser Funktion Olten besucht hat. «War schön damals», sagt sie darüber.

Ja schon, aber die Schule!

Und die Fusion? «Ja, die Fusion. Wir waren dafür», sagen beide. Es habe doch keine Alternative gegeben. Bald jeder in der Gemeinde sei mal im Laufe seines Lebens im Gemeindevorstand oder einem andern öffentlichen Amt gewesen. «Die Posten waren kaum mehr zu besetzen.» Nur die Sache mit der Schule, die sei sehr bedauerlich. «Das wird die Atmosphäre im Dorf bestimmt negativ beeinflussen», meinen beide. Bislang nämlich besuchten die 26 schulpflichtigen Kinder die Gesamtschule im Dorf.

Schulhaus und Turnhalle, 1984 eingeweiht, wirken noch heute fast wie neu, der Sportplatz ebenso. Das kommende Schuljahr starten sie auf der andern Talseite, in Lantsch/Lenz, einem romanischsprachigen Schulstandort mit freien Kapazitäten und monetärer Potenz. Lantsch jedenfalls wollte beim Fusionsprojekt nicht mitmachen. Man habe das nicht nötig, tönte es von der andern Talseite.

Euphorie verflogen

Ein neues Schulhaus vor 30 Jahren? «Ja, Mitte der 80er-Jahre, da war eine ganz andere Stimmung; schier euphorisch, man glaubte an eine touristische Entwicklung, an Aufschwung, mehr Arbeitsplätze, an verstärkte Industrieansiedlungen im Tal», erinnert sich Brenn. Nichts von alledem kam. Im Gegenteil. Selbst der Kanton Graubünden stellte Überlegungen an, Teile seiner Dienstleistungen nicht mehr in Tiefencastel, sondern andernorts anzubieten. «Wir mussten einfach was machen.» Brenn wünscht sich mehr Familien ins Dorf, um das Damoklesschwert der Abwanderung loszuwerden. Die Fusion scheint der richtige Weg zu sein.

Ein Anliegen Stiervas würde in Chur doch anders aufgenommen als ein solches aus der künftigen Gemeinde Albula/Alvra, die mit rund 1600 Einwohnern aufwarten könne. Und das brachliegende Schulhaus? «Wir suchen noch nach neuen Nutzungsmöglichkeiten», klärt Brenn auf. Sanfter Tourismus sei eine Option. Mehr kann der Mastral, wie der Gemeindepräsident heisst, auch nicht sagen.

Dorfladen: quersubventioniert

Der nachmittäglichen Stille zum Trotz: So zwischen 9 und 11 Uhr, da feiert die Gemeinde High Noon, trifft sich tout Stierva, wo Mann und Frau übrigens Rätoromanisch parlieren (Idiom Surmiran), im Laden oder vor den unmittelbar angrenzend gelegenen Schliessfächern im Freien. «Den Laden mit Poststelle können wie über eine Querfinanzierung im Dorf halten», sagt Brenn. Und der werde auch gut besucht, was Markus Foppa, der den Laden im Teilamt führt, später bestätigt. Er hat das Geschäft kurz nach 12.30 Uhr extra noch einmal geöffnet. «Es ist ja noch nicht abgerechnet», sagt er. Vielleicht 90 Prozent der Dorfbevölkerung würden den Laden, der seine Nutzer mit einem «Bavegni» (Willkommen) begrüsst, regelmässig nutzen, weiss Foppa, in Surava wohnhaft, aber in Sumvitg aufgewachsen. «Wissen Sie, mir kommt das alles vor wie früher. Ich fühle mich hier ungeheuer wohl», sagt er, der auf der Lenzerheide noch als Masseur arbeitet. Denn vom Ladenbetrieb allein liesse es sich nicht leben.

Trotz allem: Leben in Stierva sei angenehm, sagt die Dame, die kurz nach 13 Uhr ihren Hund ausführt. Sie sei zwar nicht hier aufgewachsen, aber mit dem Dorf verbunden, habe in Zürich eine Berufslehre absolviert, im Unterland gelebt. Hier oben, sagt sie, habe die Hektik noch wenig Platz, aber man müsse schon ein bisschen für die Verhältnisse geboren sein. Das soziale Umfeld sei eben klein, sehr überschaubar. Ja, den Dorfladen nutze sie regelmässig. «Das versteht sich doch von selbst», meint sie mit schon fast ernster Miene. Das Selbstverständnis der «Ziegen» lebt.