Wangen bei Olten
Ein Stück New Yorker Kultur- und Sozialleben zieht in Wangen ein

Ins frühere Fabrikgebäude der Arthur Frey AG in Wangen kommt bald Leben. Die Halle wird nach dem Konzept des Living Museums in New York zu einem Museum und einer Tagesstätte für psychisch beeinträchtigte Menschen sowie Senioren und Seniorinnen.

Karin Schmid
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In der früheren, 1500 Quadratmeter grossen Nähhalle sollen künftig Events wie Foto- oder Plakatausstellungen stattfinden, die an die Geschichte der Vorzeigefirma erinnern. bruno kissling

In der früheren, 1500 Quadratmeter grossen Nähhalle sollen künftig Events wie Foto- oder Plakatausstellungen stattfinden, die an die Geschichte der Vorzeigefirma erinnern. bruno kissling

Bruno Kissling

Die Basler Pensionskasse Stiftung Abendrot hat im August 2012 das alte Fabrikgebäude der ehemaligen Arthur Frey AG (Kleider Frey) in Wangen gekauft, um es nach Jahren der Zwischennutzung und des Leerstandes wiederzubeleben.

«Ziel ist, dass ein interessanter Mix zwischen Wohnen und Arbeit, Freizeit und Kultur entsteht und zum Wohl von Quartier und Gemeinde nachhaltige Werte geschaffen, erhalten und vermehrt werden», heisst es auf der Internetseite des Liegenschaftsprojekts «Freyraum».

Allerdings hat sich bisher die Suche nach geeigneten Mietern schwer gestaltet. Klar ist erst, dass die Gemeinde Wangen dort einen Jugendtreff einrichten wird und dabei zurzeit in der Planungsphase steckt.

Projekt «Kunst-Freyraum» Bald ein belebtes Kunstmuseum

In New York gibt es das «Living Museum/Creedmoor Psychiatric Center», ein Kunstmuseum und gleichzeitig eine kostengünstige Tagesstätte für psychisch beeinträchtigte Menschen sowie Senioren und Seniorinnen. Der Living Museum Verein aus dem sanktgallischen Wil will mit dem Kunst-Freyraum-Projekt in Wangen psychisch kranken und betagten Menschen aus den Kantonen Solothurn, Aargau, Zug und Basel-Stadt und Basel-Land, die durch einen Hausarzt/eine Hausärztin, einen Psychiater/ eine Psychiaterin oder eine Institution für Senioren und Seniorinnen zugewiesen werden, eine Ergänzung zur stationären sowie ambulanten Behandlung und Betreuung bieten. Kreatives Arbeiten im Bereich der Bildenden Kunst soll zur psychischen Stabilisierung und zur Unterstützung bei der Alltagsbewältigung beitragen, die Autonomie fördern und Schwächen der Kunstschaffenden uminterpretieren, da Eigenartigkeiten an diesem Ort zu wertvollen Besonderheiten werden. Im Kunst-Freyraum soll ein bunt durchmischtes soziales Netzwerk über mehrere Generationen hinweg entstehen, das der sozialen Isolation und Vereinsamung entgegen wirkt.
Über die Organisationsstruktur des Kunst-Freyraums, innerhalb dessen nach Angaben des Living Museum Vereins «sehr wenig Personal benötigt wird, kann dieses Projekt sehr kostengünstig verwaltet werden. Ziel sind Kosteneinsparungen für die Gesellschaft durch Reduktion von stationären/ambulanten Behandlungsinterventionen». Konkret: 150 Stellenprozente sind für die Projektleitung vorgesehen, 50 Prozente fürs Sekretariat. Dazu kämen Praktikanten, bildende Künstler/-innen und ehrenamtliche Mitarbeitende.
Der Kunst-Freyraum soll von der Öffentlichkeit besichtigt werden können. Die vor Ort arbeitenden Künstler erhalten die Möglichkeit, ihr Werk vor Ort zu erklären und verkaufen und auf diese Weise in Dialog mit Kunstinteressierten zu treten. Durch regelmässige Ausstellungen und Veranstaltungen könnten sie Anerkennung erhalten. Die Verantwortlichen zeigen sich sicher, dass «durch das kulturelle Engagement, die Anziehungskraft und die internationale Ausstrahlung des Projektes ein wesentlicher Beitrag zu einem Imagegewinn der Gemeinde Wangen geleistet werden kann». Der Kunst-Freyraum soll laut vorliegendem Konzept des Living Museum Vereins pro Halbtag 40 Plätze für betagte oder psychisch kranke Menschen oder durch wechselnde Nutzung bis
80 Personen Platz bieten. Der Halbtagestarif beläuft sich auf 45 Franken pro Person. (kas)
www.freyraum.ch

Nun spielte der Zufall der Stiftung Abendrot eine scheinbar für alle Seiten ideale Lösung in die Hände: Der Living Museum Verein mit Sitz im sanktgallischen Wil war auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein Living Museum im Raum Zürich und wandte sich dafür an «Abendrot».

Da die Stiftung zu jenem Zeitpunkt aber keine geeignete Liegenschaft anbieten konnte, schlug sie dem Verein die früheren Kleider-Frey-Fabrikräumlichkeiten in Wangen bei Olten vor – und landete damit einen Volltreffer. «Wir spielten schon länger mit dem Gedanken, in der Region Mittelland ein Projekt zu lancieren», erzählt Ruth «Rose» Ehemann, Präsidentin des Living Museum Vereins. «Erst war zwar geplant, im Raum Zürich etwas zu machen, doch dann haben uns diese attraktiven Fabrikräumlichkeiten in Wangen so begeistert, dass wir fanden: ‹Jetzt stellen wir dort etwas auf die Beine›.»

«Als Living Museum gut geeignet»

Der Living Museum Verein hat ein Konzept ausgearbeitet für das Wangner Projekt. Der «Kunst-Freyraum», wie das Vorhaben genannt wird, soll nach dem Konzept des Living Museums in New York zu einem Museum und gleichzeitig einer Tagesstätte für psychisch beeinträchtigte Menschen sowie Senioren und Seniorinnen werden – Menschen aus den Kantonen Solothurn, Aargau, Zug, Basel-Stadt- und Basel-Land, die nicht (mehr) am aktiven Erwerbsleben teilnehmen (können) und auf eine Tagesstruktur angewiesen sind (siehe Kontext).

Die alten Fabrikationsräume von Kleider Frey sind laut Alexandra Allan, Mitarbeiterin der Abteilung Liegenschaften bei der Stiftung Abendrot, «von der Stimmung und Grösse her als Living Museum sehr gut geeignet. Die Ateliers haben eine Tagesnutzung und abends ist es wieder ruhig. Die Liegenschaft grenzt direkt an ein Wohngebiet, weshalb man sie nicht jeder Nutzung zuführen kann». Von Vorteil für den Living Museum Verein sei zudem die zentrale Lage von Wangen und damit verbundene gute Erreichbarkeit per öffentlichem Verkehr.

Einen konkreten Zeitplan können zurzeit weder der Living Museum Verein noch die Stiftung Abendrot nennen. Zuerst muss nach Angaben von Alexandra Allan die sanierungsbedürftige Gebäudehülle und die funktionsuntüchtige Installation renoviert werden. «Die Stimmung der alten Fabrik» will man aber nicht «wegrenovieren». «Wenn man das Gebäude mit verschiedenen Nutzungen wiederbeleben könnte, wäre das perfekt», findet die Eigentümervertreterin. «Dann könnten sich die Wangner wieder damit identifizieren.»

Die Stiftung Abendrot sei «startbereit. Sobald wir einen Nutzer haben, können wir entsprechend planen». Es gehe ja nicht nur um das Living Museum, das nur ein Teil des Gebäudes ausmachen werde. «Für einen Teil der Räumlichkeiten suchen wir immer noch Mieter. Ein paar Interessenten sind vorhanden, aber noch keine ausgereiften Vorhaben.» Die Raumgestaltung und Nutzung des alten Fabrikgebäudes soll nämlich «zusammen mit den Mietern» geplant werden».

«Wir sind bereit»

Nach Angaben von Living-Museum-Vertreterin Ruth «Rose» Ehemann könnte «mit einem kantonsübergreifenden, belebten Museum ein spannender kleiner Mikrokosmos entstehen, der den Ort auch für die Öffentlichkeit attraktiv macht». Dafür steht sie unter anderem in Kontakt mit dem Anker-Verein für psychisch Kranke im Aargau und der Klinik Königsfelden. Die Verantwortlichen dieser Institutionen würden laut Ehemann «Leute nach Wangen schicken».

Ideelle Unterstützung erhält der Living Museum Verein auch von der Solothurner Solodaris-Stiftung. «Es ist unsere grosse Vision, dass das ‹Living Museum› in Wangen wahr wird», hält Ruth «Rose» Ehemann fest. «Die Voraussetzungen sind gut, das Projekt hat eine breite Unterstützung gefunden. Die Kulturszene und Wangen als Ort würden sehr bereichert damit und auch überregionales Interesse wecken».

Der Living Museum Verein steht in den Startlöchern. «Wir sind bereit«, sagt die Präsidentin. «Die Stiftung Abendrot baut erst einmal die Räumlichkeiten um und wenn die Finanzierung gesichert und die Beteiligung von Kantonen und Gemeinden klar ist, kann es rasch losgehen».

Fotoausstellung und Co.: Gebäude mit Events wiederbeleben

Neben dem Living Museum Verein hat die Stiftung Abendrot für die Wiederbelebung der ehemaligen Kleider-Frey-Fabrik einen weiteren Trumpf in der Hand: Stefan Frey. Der in Wangen aufgewachsene Frey betreibt in Olten ein Kommunikationsbüro für Kultur, Umwelt und Entwicklung und ist zurzeit an der Planung von Events, die in der 1500 Quadratmeter grossen, ehemaligen Nähhalle stattfinden sollen.
«Ich habe zwar nie bei Kleider Frey gearbeitet, doch der Name ist ein fester Begriff aus meiner Kindheit und Jugend», erzählt Stefan Frey. Der Kontakt zur Stiftung Abendrot, der Besitzerin des Fabrikationsgebäudes, kam durch einen Bekannten im Stiftungsausschuss zustande. Frey stiess letztes Jahr zum Projekt «Freyraum», als die Stiftung Abendrot während der Planung und Ideenentwicklung feststellte, dass, «wenn etwas Spezielles gemacht werden soll, es jemand von der Basis aus machen muss und nicht von Basel aus», so Stefan Frey.
Ein Projekt, an dem der Oltner planerisch beteiligt ist, ist das «Living Museum» (siehe Kontext oben). Von der konzeptionellen Seite her ist dies fertig. Nun geht es laut Frey darum, «für einen Teil der Investitionssumme Geldgeber zu finden».
Im letzten Gäuanzeiger hat die Stiftung Abendrot per Inserat eine Fotosuche gestartet. Angesprochen sind ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arthur Frey AG. Gesucht werden «Bilder vom Schneidern, Nähen und Glätten aus Ateliers und Nähhalle seit der Firmengründung von 1911. Die Fotos sollen in einer grossen Aktion - Musik, Theater, Show - die Nähhalle wiederbeleben und sie zu einem Frey-Raum für die Zukunft machen». Auch Uniformen, die bei Frey produziert wurden, werden gerne entgegen genommen. «Kleider Frey hat über 20 Jahre lang die Uniformen für Olympia hergestellt. Eine solche Ausstellung gäbe eine wunderbare Zeitreise», findet Stefan Frey.
Die Bilder von Menschen und Situationen am Arbeitsplatz sollen «in geeigneter Art und Weise geplottet werden, um daraus eine Art Dokumentation schaffen». Die Ausstellung soll laut Stefan Frey «als Gesamtkunstwerk ins Gebäude mit eingebaut und mit dem Living Museum verknüpft werden». Solange die Räumlichkeiten im früheren Fabrikgebäude nicht vermietet seien, sei es «denkbar, dass man einen Teil der Räume für Events wie beispielsweise eine Plakatausstellung nutzt». Zu diesem Zweck ist der Oltner Kommunikationsfachmann in Kontakt mit «Künstlern, die die Lehre bei Kleider Frey absolviert haben». Vorschläge und Kopien von Archiv- und Fundstücken nimmt Stefan Frey bis 28. Februar unter den Adressen Postfach 355 in 4603 Olten und E-Mail stefan_frey@bluewin.ch entgegen.
Im Projekt «Freyraum» will Stefan Frey «Kunst, Soziales und Gesundheit zusammenbringen». Er möchte «ganz bewusst die Brücke machen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Firma Kleider Frey hat unternehmerisch viele Sachen aufgegleist, die in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren völlig neu waren».
Nach Angaben von Stefan Frey sollen die ersten «kleineren Veranstaltungen» schon im März/April stattfinden. Mit «etwas Grösserem» will der Oltner die interessierte Wangner Bevölkerung im Zeitraum Mai/Juni überraschen. (kas)