Er hat das Abitur geschafft, das Leben liegt vor ihm, doch er ist schon geschafft: Der 19-jährige Marc (Lukas Schöttler) hängt erst einmal rum im Hotel Mama – und treibt damit seine Eltern zur Weissglut. Bettine (Ulla Wagener) und Gerd, leitender Bauingenieur eines internationalen Konzerns (Martin Lindow), ticken nämlich völlig anders als ihr Sprössling: Sie sind lösungsorientiert und erfolgsverwöhnt – und dabei wissen sie immer haarklein, was nicht nur sie, sondern auch andere zu tun haben. Das führt zwangsläufig zu Konflikten mit dem pubertierenden Sohn. „Genauso könnte man einen Pudding nach dem Sinn des Lebens fragen“, ärgert sich der Vater. Doch alles wird anders, als Marc Selma (Josepha Grünberg) kennenlernt, die nicht nur das Abitur an der Abendschule nachholt, sondern daneben auch noch zwei mies bezahlte Jobs hat, um sich und ihre psychisch labile Mutter Heidrun (Katharina Heyer) durchzubringen.

Alles gut? Nein, denn eines Tages verkündet Selma, dass sie schwanger ist. Was tun? Marcs Eltern stürzen sich sofort in ein Abenteuer, das ungefähr so umschrieben werden könnte: „Wir wissen, was für unseren Sohn gut ist; wir sorgen und besorgen alles; wir haben die Lage im Griff.“ „Nun lasst doch die beiden entscheiden“, hält Bettines Schwester Katrin (Claudia Wenzel) dagegen – vergeblich. Und so endet „Wunschkinder“, ein Gemeinschaftswerk von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, bittersüss. Denn ein Happy End mit Versöhnung und rosigen Zukunftsaussichten bietet das erfolgreichste deutschsprachige Dramatiker-Duo dem Zuschauer nicht. Der soll sich die Zukunft der Figuren selbst ausmalen. Deswegen lässt Regisseur Volker Hesse am Ende die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler ins Parkett blicken – und prompt hat jeder das Gefühl: Ich bin gemeint, ich muss mir jetzt etwas überlegen.

So endet ein kurzweiliges Schauspiel – das zwar viele Pointen birgt, aber dennoch nicht in erster Linie eine Komödie ist – mit leisen Tönen. Mit solchen akzentuiert Hesse seine temporeiche, aber nie überhastete Inszenierung immer wieder. Und das passt wunderbar zu einem Stück, das mit dem Thema Generationenkonflikt leicht und spielerisch umgeht. Auch „Wunschkinder“ reiht sich damit in die lange Reihe so genannter Gebrauchsstücke von Hübner und Nemetz ein, die Pointen und dramaturgische Kehrtwendungen nachtwandlerisch sicher setzen.

Um den leichten, spielerischen Drive aber erst zu ermöglichen, braucht es eine entsprechende Raumgestaltung. Rolf Spahn hat eine metallene, unterschiedlich gestufte Tribüne gebaut. Mal werden die Stufen von den Schauspielern rasch, mal mit plötzlicher Verlangsamung genommen, sodass die Bewegungen gleichsam einfrieren. Gerade dieser Effekt macht Spass. Er nutzt sich auch nie ab, da Hesse sensibel mit dem Tempo variiert. Die Tribüne ist zugleich eine Assoziationsfläche. Steht der Vater zuoberst und blickt auf seinen Sohn runter, wird einem „das Nervenspiel der Generationen“ – so ein deutscher Journalist über das Stück – ganz klar: Der Vater hat (noch) das Sagen; der Sohn ist (noch) auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft.

Kurzum: Lutz Hübners und Sarah Nemetz‘ „Wunschkinder“ funktioniert bestens – vor allem deshalb, weil Volker Hesses geschmeidige Inszenierung ein feines Ensemble leuchten lässt. Man denke nur – um ein Beispiel herauszugreifen – an die angstvollen Worte von Selmas junger, labiler Mutter. Auch diese Szene kommt ganz leicht daher – wie eine Traumsequenz. Und provozierte zu Recht langen Applaus im ausverkauften Stadttheater.