Er verewigte Olten in seinem Werk: Der 1917 geborene Schriftsteller Gerhard Meier, der morgen 100 Jahre alt würde. Der Niederbipper, der nach wie vor als «bekanntester Unbekannter» der Schweizer Literatur gilt, hat sich insbesondere durch seine «Amrain»-Romane einen Namen gemacht. Amrain: So nannte er das bernische Niederbipp – das Dorf, wo er sein ganzes Leben verbrachte.

Aber zurück nach Olten. Hier unternahm Meier am Wochenende zuweilen einen Stadtspaziergang. Ihm gefiel besonders das Industriequartier, die «Schönheit der Hässlichkeit», die er hier vorfand. In der Dreitannenstadt ist auch sein Roman «Toteninsel» von 1979 angesiedelt: Die Protagonisten Baur und Bindschädler spazieren darin an einem Novembertag durch Olten. Unterhalten sich, erinnern sich an früher und an Bekannte aus dem Dorf Amrain. Weiter geschieht nichts im Roman. Das war Meiers Ansinnen: ein «Buch über nichts» zu schreiben. Was die Geschichte zusammenhält, ist der Spaziergang durch Olten und das Fliessen der Aare.

Eine Lokomotive pfiff, nicht eine Dampflokomotive natürlich. Erneut war der Aufprall zweier Waggons zu vernehmen, wobei sich Abgase dreinmischten von der Gösgerstrasse her, Modergeruch vom Aarebord herauf. Vier, fünf Möwen trieben auf der Aare vorüber (...). (aus dem Roman «Toteninsel»)

In Olten hat auch Meiers 75-jähriger Sohn Peter «Pedro» Meier ein Atelier. An der Industriestrasse, wo früher in der alten Berna Lastwagen hergestellt wurden. Pedro Meier ist spätberufener Künstler – früher einmal war er Antiquar. «Abstrakten Expressionismus würde man das wohl nennen, was ich mache. Aber über die Jahre hat sich mein Stil natürlich entwickelt», erklärt er. Das Atelierin der alten Berna habe er seit 2001.

Baur blieb stehen, steckte die Hände in die Hosentaschen, schaute zu den Werkhallen der BERNA hinüber, dann zum Kugeltank. «Eine feindliche Gegend, eigentlich», sagte Baur.

«Es ist schon komisch, mein Vater schrieb von der Berna, und jetzt bin ich hier. Du wirst es nicht glauben, aber das ist reiner Zufall. Als ich bei einem Grossbrand in Roggwil-Wynau um mein Atelier kam, schaute ich mich hier um. Olten liegt verkehrstechnisch ideal, das ist für mich eine reine Zweckangelegenheit. Ich habe im Atelier auch einige Jahre gewohnt, obwohl ich nie offiziell angemeldet war. Aber ich kenne nicht viele Leute hier. Im Sommer gehe ich abends gerne über die Holzbrücke und in die Badi.»

In Olten vergessen gegangen

Dass vor einem Jahr der Oltner Schriftstellerweg eingeweiht wurde, ist ihm indes bekannt. «Das habe ich als absoluten Scherz empfunden, dass Gerhard Meier auf diesem Schriftstellerweg nicht erwähnt wird!» Die Entrüstung steht ihm ins Gesicht geschrieben. «Er war ja der erste, der einen literarischen Stadtspaziergang durch Olten unternahm.» In Niederbipp, wo derzeit in seinem Elternhaus noch die Ausstellung «100 Jahre Gerhard Meier» laufe, sei temporär ein Gerhard-Meier-Literaturweg mit 21 Stationen eingerichtet worden. Wenn finanziell möglich, solle dieser permanent installiert werden. Dass Meier in Olten aber vergessen gegangen ist, stösst ihm sauer auf.

Olten ist nicht Solothurn

Über die Stadtspaziergänge in Olten habe sein Vater nicht viel erzählt. «Die Stadt lag ihm eigentlich nicht besonders nahe, das war eine rein literarische Sache», erinnert sich Pedro Meier. «Baur, das war eigentlich mein Vater, und Bindschädler, das war ein Jugendfreund von ihm, aber der hiess natürlich anders. Dass er als Kulisse eine nichtssagende Kleinstadt wählte, also Olten und nicht etwa die Patrizierstadt Solothurn, hat eine tolle Sprengkraft. Olten war literarisch noch nicht abgehandelt. So konnte er seine morbide Geschichte in diese Landschaft reinsetzen, die wahnsinnig viel offen lässt. Wenn einer in Deutschland das Buch liest, denkt er wahrscheinlich, Olten sei eine Erfindung.»

Die Liegenschaft Dampfhammer an der Industriestrasse erinnert mich immer wieder an Russland (...), bringt mir streikende Eisenbahner vor Augen, um die sich ein Stadtviertel Moskaus formiert, durch dessen Gassen eisige Winde gehn. Und die Leute tragen schwarze Mäntel. Und über dem Viertel liegt Dämmerung, Schrecken. In den Werkstätten schlägt man sich tot. Ja! – Ich liebe diese Vorstadt-Landschaften, obgleich sie etwas Unmenschliches haben (...).

«Den Dampfhammer mochte er sehr gern, das war für ihn wie ein russischer Bahnhof», weiss Pedro Meier. «Russland war ja sein Heimwehland. Auch die Trimbacherbrücke erwähnt er mehrfach im Roman. Er hat zwei oder drei Semester Architektur studiert und musste das Studium aufgeben, als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Seine Romane haben viel mit Architektur und Musik zu tun.» Was übrigens keiner wisse, sagt er, und zieht die spitze Waffe aus der Scheide: Dass Gerhard Meier auf seinen Stadtspaziergängen immer einen Dolch in der Rocktasche getragen habe.

Unter dem Eindruck, dass in der EPA Olten alles glatt, weiss, hoch, sehr überschaubar sei, beinahe steril eben, wobei vermutlich die Plastiklampen oben im Restaurant und im ersten Stock der Stand mit den künstlichen Iris, Chrysanthemen, Blütenzweigen der Rosskastanie diesen Eindruck bestärkten, schritt man also Richtung Aare oder Bahnhof (...).

«In der EPA gegenüber dem Stadttheater hatte es ein grosses Café. Nachmittags gab es da fast keine Leute. Dort hat er immer Kaffee getrunken. Zum Bahnhof hin steht ja dann diese Reiter-Plastik. Die fand er signifikant für eine Kleinstadt, da hocken dann die Vögel und lassen ihren Kot drauf fallen – das ist fast lebensunwirklich.»

Dieses Provinzielle war Gerhard Meier vertraut: Er selbst sah sich als Weltbürger in der Provinz. «Mein Vater propagierte Sesshaftigkeit», sagt Pedro. Er selbst sei das genaue Gegenteil. «Ich bin ein Reisender.» Nebst Olten und dem heimatlichen «Bipp» hat er seit 40 Jahren ein Atelier in Bangkok. Alle drei Monate gehe er jeweils einen Monat runter. Er ist nicht verheiratet, hat keine Kinder. Er macht vieles anders als Gerhard Meier, der sesshafte Familienvater, der seine langjährige Frau Dorli anbetete. Pedro Meier: Den Namen gab er sich schon vor Jahrzehnten, um sich vom Vater abzugrenzen.