Man mag sich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen der Weg in ein Alters- und Pflegeheim über eine lange Warteliste führte. Heutzutage findet man jederzeit in einem Alters- und Pflegeheim einen Platz. Deshalb sind neue derartige Heimprojekte nicht mehr unumstritten, wie diese Woche der Entscheid der Gemeindeversammlung von Rickenbach verdeutlichte. Sie lehnte es ab, dem Verein Haus zur Heimat für die Realisierung eines Pflegezentrums mit 75 Betten und 12 Alterswohnungen 90 Aren Bauland im Baurecht abzutreten, wie es der Gemeinderat beantragt hatte. Er vermochte die von 120 Personen besuchte Gemeindeversammlung nicht von der Notwendigkeit eines solchen Projekts zu überzeugen.

100'000 Franken pro Bett

Auch nach dem Rickenbacher Verdikt stellt sich einmal mehr die Frage: Hat es genug Pflegeplätze für betagte Menschen? Und wie hoch ist der Zusatzbedarf durch die demografische Entwicklung? Derzeit zählt der Kanton Solothurn in Alters- und Pflegeheimen um die 3000 Betten, von denen jedes pro Jahr rund 100 000 Franken kostet. Etwa 30 Prozent der Betten sind belegt durch Bewohner, die nicht oder nur leicht pflegebedürftig und damit grundsätzlich weitgehend selbstständig sind, während zirka 70 Prozent der Bewohner – hauptsächlich verbunden mit kognitiver Beeinträchtigung – als mittel bis schwer pflegebedürftig gelten.

Zurückhaltung ist angesagt

Wie ist die Zahl von 3000 Betten einzuordnen? In der vor vier Jahren erarbeiteten Pflegeheimplanung 2020 des Kantons Solothurn kam man zum Schluss, dass eine Erhöhung der Bettenzahl von 2750 (Stand 2014) auf theoretisch ermittelte 3500 Betten nicht nötig sei. Wie sich heute zeigt, stellten Regierung und Parlament mit gutem Grund das Planungsziel auf 3050 Betten ein. Das entspricht kantonsweit einer Zunahme von 300 Betten innert sechs Jahren bis 2020. Dabei eingerechnet sind 50 Betten der Solothurner Spitäler AG. Bei der Planung von Alters- und Pflegeheimen ist eine gewisse Zurückhaltung angesagt, weil verstärkt alternative Wohnmöglichkeiten wie Alterswohnungen mit Spitex, begleitetes und betreutes Wohnen usw. gebaut werden. Zudem sind die ambulanten Dienstleistungsangebote im Umbruch und werden ausgebaut. Im Weiteren ermöglichen Kurz- und Ferienaufenthalte sowie Tagesstätten pflegenden Angehörigen einen Moment der Entspannung und tragen dazu bei, dass betagte Menschen länger zu Hause bleiben können. Bereits jetzt ist festzustellen, dass das Eintrittsalter in ein Pflegeheim stetig steigt und heute im Durchschnitt bei rund 85 Jahren liegt. Dagegen nimmt die Aufenthaltsdauer ab und liegt derzeit durchschnittlich bei etwa zweieinhalb Jahren. Viele Aufenthalte dauern heute sogar wenige Wochen bis zu einem halben Jahr.

Mangel an Betten im Thal-Gäu

Nimmt man die Zahlen aus der kantonalen Pflegeheimplanung 2020 von 2013, die über das Bettenangebot in den 14 Sozialregionen Auskunft geben, so ist festzustellen, dass kantonsweit im Thal-Gäu das grösste Bettendefizit besteht. Auch in der Sozialregion Oberes Niederamt wurde eine Unterzahl ermittelt. Hingegen verzeichnete man für die Sozialregionen Olten/Trimbach sowie Unteres Niederamt Überzahlen. Diese Tatsache hat wohl beim Entscheid gegen das Pflegezentrum in Rickenbach eine wesentliche Rolle gespielt. Anderseits ist verständlich, dass die Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG) mit Sitz in Egerkingen ihr Angebot mit einem Demenzzentrum in Balsthal erweitern will.

Und die «Babyboomer»?

Eine besondere Herausforderung sind für die Planungsverantwortlichen die «Babyboomer», die bald scharenweise ins AHV-Alter kommen und über die Altersvorsorge hinaus die staatlichen Institutionen des Alters enorm fordern werden. Noch weiss man nicht genau, wie sich diese Generation mit dem «Älterwerden» auseinandersetzen wird. Soziologen und Entwicklungspsychologen gehen jedoch davon aus, dass die «Babyboomer» anders alt werden wollen als die Generation davor. Denn es sind Menschen, die gewohnt sind, aktiv, mobil, «jugendlicher» und vor allem selbstbestimmter zu sein. Letzterem sollte man aber bereits heute Beachtung schenken: Menschen sollten möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben führen können. Auch wenn sie bei der Behandlung von Spuren eines arbeitsamen Lebens im Alter auf Hilfe und Pflege angewiesen sind.

Vernunft ist gefragt

Wer heute eine Institution für betagte Menschen plant, muss all diese Faktoren im Auge behalten – und natürlich auch die Kosten. Menschen, die sich in einem VW wohler fühlen, soll nicht ein Rolls Royce oder Ferrari hingestellt werden. Schliesslich muss im Kanton Solothurn Usanz bleiben, dass der finanzielle Aspekt für niemanden ein Hinderungsgrund für einen eventuellen Heimeintritt bedeuten darf. Das soll nicht bedeuten, dass es hier keine Eigenverantwortung gegenüber der Gemeinschaft gibt. Wer absichtlich Vermögenswerte durch fragwürdige Machenschaften einem möglichen Vermögensverzehr für einen Aufenthalt in einem Alters- und Pflegeheim entzieht und dafür Ergänzungsleitungen in Betracht zieht, handelt unwürdig und trägt dazu bei, dass der Ruf nach einer Pflegeversicherung immer lauter wird. Vernunft ist auch hier gefragt, nicht nur bei der Planung und Realisierung von Alterseinrichtungen.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch