Olten
Ein Oltner Wüstling flüchtet nach Mexiko

Das rasante Theaterstück «Harry Widmer junior» nach einem Roman von Alex Capus wurde am Sonntag erstmals in Olten aufgeführt – auf der kleinen Bühne in der Galicia-Bar.

Peter Kaufmann
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In der Galicia-Bar in Olten wurde die Casanova-Geschichte von Harry Widmer aufgeführt.

In der Galicia-Bar in Olten wurde die Casanova-Geschichte von Harry Widmer aufgeführt.

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Die Hände will er sich nicht schmutzig machen mit Arbeit im Velogeschäft seines Vaters: Der junge Oltner Harry Widmer junior (Ladislaus Löliger) liebt die schönen Seiten des Lebens, konsumiert Frauen ebenso fleissig wie Alkohol und besucht täglich den Stamm im «Rathskeller».

Harry ist ein Wüstling und gibt dies auch zu – doch seine naive Ehrlichkeit, gepaart mit etwas jungenhaftem Charme, macht ihn unwiderstehlich. Als jedoch seine thailändische Freundin schwanger wird, flüchtet Harry vor der Ehe, der Verantwortung, seinen Schulden und nicht zuletzt auch vor seinen Freunden, den miteinander verbandelten «Sauhunden».

Er zieht nach Mexiko, wo er erfolgreich einen Surfbrettshop eröffnet. Und dann packt ihn nach sechs Jahren Sonne, Meer und Strand halt doch wieder die Sehnsucht nach seiner Freundin, seinem kleinen Sohn und seiner Heimatstadt Olten.

Dramatisierter Roman

Die wundersame Wandlung des Harry Widmer beschrieb der Oltner Erfolgsautor Alex Capus 2003 in seinem Roman «Glaubst du, dass es Liebe war?». Der Titel des Buches ist denn auch einer der letzten Sätze im Theaterstück «Harry Widmer junior», in dem Olivier Keller und Patric Bachmann die sozialkritisch eingefärbte Casanova-Geschichte dramatisiert haben.

Sie erzählen nicht wie Capus chronologisch, sondern öffnen abrupt Rückblenden oder führen Handlungsstränge parallel. Mit einer Woche Verspätung erfährt Harry beispielsweise am Strand in Mexiko jeweils das Neueste aus seiner Schweizer Heimat und allen Klatsch über die «Sauhunde» – aus dem Tagblatt, das er abonniert hat.

Deshalb mischen sich in die humorvollen Geschichten aus der mexikanischen Ferienidylle frisch und frei allerlei Skandälchen aus dem Alltag des Aarestädtchens. Bis Harry dann nach einem dramatischen Zwischenfall mit einem Oltner Touristen, der im Meer ertrinkt, plötzlich vom Heimweh ergriffen wird: Er läutert sich, lernt intensiv Thailändisch und fliegt ein Jahr später nach Hause.

Die im November letzten Jahres uraufgeführte Produktion des Aargauer Theaters Marie wurde bereits erfolgreich in Zürich und Aarau gespielt und ist nun erstmals in Olten zu sehen.

Auf der kleinen Bühne im Theaterraum der Galicia-Bar stehen vier Velos ohne Hinterräder, dafür mit eingebautem Mixer vor der Lenkstange. Die vier Schauspielerinnen Judith Cuénod, Emilia Haag, Nadine Schwitter und Sandra Utzinger strampeln sich mit viel Elan auf den Fahrrädern fast durchs ganze Stück hindurch, turnen auf ihren halben Velos, schlüpfen abwechslungsreich in die verschiedensten Rollen, sprechen ihre Texte im Höllentempo oder singen lieblich im Quartett zu Playback-Melodien.

Im grossen Kühlschrank lagern nicht nur Bierflaschen und Mixbecher voller Früchte, sondern Harrys mexikanischer Freund kann sich dort auch vor seiner dominanten Frau verstecken, die ebenfalls aus Thailand stammt und ihrer Körperfülle wegen gleich von drei der Darstellerinnen gespielt werden muss.

Das vielfältige Stück läuft gleichzeitig auf mehreren Ebenen ab: Einige deftige Pointen unter der Gürtellinie sind recht realistisch geraten, die Abrechnung mit den politischen «Sauhunden» wird satirisch zugespitzt erzählt und ein paar stillere Momente sind poetisch, liebevoll und anrührend geraten. Und schliesslich das Fazit: Man kann dem Oltner Wüstling Harry einfach nicht böse sein.