World Vision Schweiz
Ein Oltner kümmert sich um Boliviens ärmste Kinder

Gewalt an Kindern, Mädchen, die nicht zur Schule dürfen, Dörfer ohne Trinkwasser – Emile Stricker war für das Kinderhilfswerk World Vision drei Monate in Bolivien und hat viele Anekdoten mitgebracht.

Jakob Weber
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Emile Stricker in Bolivien
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 Patenkind Davis (8) leidet an Leukämie. Emile Stricker (rechts vorne) hat ihn besucht und ihm Ergänzungsnahrung für die Therapie mitgebracht. Die Sonderspende stammt von einem Schweizer Paten.
In Bolivien gehören Meerschweinchen zum Speiseplan.
Es gibt sogar eine Messe für die kleinen Nager.
In Bolivien feiert Stricker den Vatertag mit Schnauz.
Panflöten-Begrüssung. Wenn sich ein Ausländer wie Stricker in die abgelegenen Bergdörfer verirrt, wird er von den Einheimischen festlich begrüsst.
Stricker posiert mit einigen Dorfbewohnern aus der Region Cochabamba
Bolivien liegt im Herz von Südamerika.

Emile Stricker in Bolivien

ZVG/Emile Stricker

Emile Stricker (61) ist beim Kinderhilfswerk World Vision Schweiz verantwortlich für die Entwicklungsprogramme in Lateinamerika. Der Oltner war von Januar bis April erstmals ein Vierteljahr am Stück in Bolivien vor Ort. Mit unzähligen Geschichten im Gepäck ist er zurückgekehrt.

Rausgeworfen mit 15: Neun von zehn bolivianischen Kindern sind Opfer von Gewalt. Auch Anita (15) wurde von ihrem Stiefvater regelmässig geschlagen. Weil sie «nichts macht und zu viel isst» wollte er die 15-Jährige sogar rauswerfen. Am meisten schmerzte Anita, dass ihre Mutter nichts dagegen unternahm. World Vision konnte durch Gespräche den Familienfrieden wieder herstellen. In einem Jugendnetzwerk lernte Anita ihre Rechte und Pflichten kennen und weiss jetzt, was sie will: Linguistik studieren.

Patenkinder: Rund 100'000 bolivianische Kinder aus ärmsten Verhältnissen haben einen Paten. 4000 von ihnen kommen aus der Schweiz. Die Paten zahlen einen monatlichen Beitrag an das Kinderhilfswerk. Dafür bekommen sie den Namen und ein Bild ihres Patenkindes und werden regelmässige darüber informiert, wie es dem Kind geht. Oft entsteht ein Briefwechsel, gelegentlich kommen die Paten sogar für einen Besuch nach Bolivien. Paten haben so die Möglichkeit, die Entwicklung ihres Patenkindes vor Ort mitzuverfolgen.

 Patenkind Davis (8) leidet an Leukämie. Emile Stricker (rechts vorne) hat ihn besucht und ihm Ergänzungsnahrung für die Therapie mitgebracht. Die Sonderspende stammt von einem Schweizer Paten.

Patenkind Davis (8) leidet an Leukämie. Emile Stricker (rechts vorne) hat ihn besucht und ihm Ergänzungsnahrung für die Therapie mitgebracht. Die Sonderspende stammt von einem Schweizer Paten.

ZVG/Emile Stricker

Mädchen dürfen nicht zur Schule: In Bolivien ist es alles andere als selbstverständlich, dass Mädchen einen Schulabschluss machen. Sie werden oft nicht ernstgenommen. Auf Geschwister oder auf Schafe aufzupassen, ist in vielen Familien wichtiger als die Schule. Durch Weiterbildungen für Lehrer, Jugend- und Leseklubs soll im Bewusstsein aller verankert werden, dass jedes Kind ein Recht auf Bildung und Gesundheit hat und mitbestimmen kann.

Wasser für die Bergdörfer: Viele Bolivianer leben auf einer Höhe von über 4000 Metern in Bergdörfern, die nicht mal Google Maps kennt. World Vision sucht gemeinsam mit der Bevölkerung und der lokalen Politik Lösungen, deren Leben zu verbessern. «Wenn wir in den Dörfern nachfragen, was ihnen fehlen würde, sagen sie oft: Einen Willkommens-Bogen am Ortseingang. Erst später sehen sie ein, dass eine Trinkwasseranlage vielleicht doch nachhaltiger wäre», sagt Stricker. Wichtig ist, dass die Trinkwasseranlage gemeinsam installiert wird. World Vision liefert das Know-how, die lokale Politik beteiligt sich an den Kosten und die Bevölkerung hilft beim Aufbau. Acht Kilometer Leitungen zu graben, ist keine einfache Arbeit. Das dauert ein Jahr. Wenn die Trinkwasseranlage installiert ist, gibt es ein grosses Fest. «Weil die Bergdörfer selten von Ausländern besucht werden, freuen sich die Bewohner besonders über Besuche und empfangen mich mit Panflötenmusik», sagt Stricker.

Smartphones überall: Auch in den ländlichen Gebieten verfügen die meisten Bolivianer über ein Smartphone. Deswegen sollen Hochland-Bauern jetzt per Info-Video auf dem Handy geschult werden. Ein Aufklärungs-Video über den «Gorgojo de los Andes», einen kartoffelvernichtenden Käfer, wurde bereits per Whatsapp in den Umlauf gebracht.

400 Mitarbeiter

hat das World-Vision-Büro in Bolivien. Stricker ist der einzige Schweizer. Weil es Bolivien wirtschaftlich immer besser geht, sinkt auch das Budget für das Hilfswerk. Waren es vor vier Jahren noch 25 Millionen Dollar, sind es heute nur noch 18

Reiche Bolivianer: Auch die gibt es. Santiago zum Beispiel kommt aus wohlhabenden Verhältnissen. Sein Vater exportiert Quinoa, sein Onkel ist Generalimporteur von Bayer. Der 18-Jährige geht auf eine Privatschule. In seinen Kreisen gilt es als Statussymbol, 60 Franken – den Wochenlohn eines Arbeiters – für den Eintritt zu einer Party zu zahlen. Erst ein Schüleraustausch nach Deutschland hat ihm die Augen geöffnet. Obwohl Santiago reicher ist als viele Schweizer Paten, können Bolivianer aus Angst vor der Gefährdung der angestrebten Aufbauarbeit zur Selbsthilfe noch keine Patenschaften übernehmen.

Vetterliwirtschaft: Weil Stricker zum ersten Mal länger in Bolivien war, wird ihm bewusst, dass dort so vieles über «Vetterliwirtschaft» läuft. Es gibt massenhaft arbeitslose Studenten. «Viele Junge ohne gute Kontakte sind demotiviert, weil sie wissen, dass es nicht ohne geht», sagt Stricker.

Meerschweinchen-Verzehr: Es stimmt. In Bolivien gehören Meerschweinchen zum Speiseplan. Daran will World Vision nichts ändern. Im Gegenteil. Weil die Aufzucht einfach ist, die Weibchen viermal jährlich Junge kriegen und es vor allem ärmeren Familien erlaubt, die Ernährung ihrer Kinder zu verbessern, fördert das Hilfswerk die Meerschweinchenzucht.