Hägendorf
Ein neuer Ring um die Dorfgeschichte

Die Nummer Sieben der «Hägendörfer Jahrringe» von Hans A. Sigrist ist soeben erschienen: «Es ist ein Heft der Superlative, umfangreicher als alle, die bisher erschienen sind.»

Irène Dietschi
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Hans Sigrist präsentierte am Mittwochabend im Hägendörfer Oberdorf-Schulhaus die mittlerweile 7. Ausgabe der Hägendörfer Jahrringe.

Hans Sigrist präsentierte am Mittwochabend im Hägendörfer Oberdorf-Schulhaus die mittlerweile 7. Ausgabe der Hägendörfer Jahrringe.

Bruno Kissling

In der vollbesetzten Aula des Schulhauses Oberdorf feierten die Hägendörfer am Mittwochabend eine neue Ausgabe ihrer «Jahrringe»: dieser etwas besonderen Dorfchronik, die im Fünf-Jahres-Turnus immer wieder neue Schlaglichter auf das Dorfleben von früher wirft und diesmal in leuchtendem Orange daherkommt.

«Es ist ein Heft der Superlative, umfangreicher als alle, die bisher erschienen sind», sagte ein sichtlicher stolzer Herausgeber Hans A. Sigrist. Der ehemalige Bezirkslehrer hat das «Jahrringe»-Unterfangen vor 30 Jahren gestartet und zu einer respektablen, mittlerweile sieben Bände zählenden Serie ausgebaut.

Stolz zeigte sich auch Gemeindepräsident Albert Studer, der als grosser Liebhaber von Ortsgeschichten und überlieferten Anekdoten bekannt ist. Mit einem Kapitel über die «Handlung Albert Studer» sind seine Vorväter zudem selbst in den jüngsten Jahrringen vertreten.

200 Seiten stark

«Der Mensch sieht sich gern in der Vergangenheit», sagte Laudator Hans Brunner (Winznau), der ehemalige Leiter des historischen Museums Olten. In der Tat: Nummer Sieben versammelt auf rund 200, von Josef Rippstein sorgfältig gestalteten Seiten nicht weniger als 17 Geschichten.

Da ist etwa die «Reise an die Riviera», in der Robert Hiltbrunner von einem Abenteuer der Musikgesellschaft Hägendorf-Rickenbach aus dem Jahr 1936 erzählt: Mitten in dieser krisengeschüttelten Zeit machten sich damals 200 Reiselustige in einem Extrazug der SBB auf den Weg nach Antibes-Juan-les-Pins an der Côte d’Azur, wo sie in sechs Tagen zahlreiche Konzerte gaben, Nächte durchtanzten und sogar vor dem Fürstenpalast in Monaco offiziell empfangen wurden. Die Riviera-Reise, so steht da, sorgte in Hägendorf viele Jahre für Gesprächsstoff und wurde zur Legende.

In «Die Freuden und Leiden eines Postboten» beleuchtet Urs Brunner das Berufsleben seines Vaters, des Landbriefträgers Paul Brunner (1908-1986). «Als Fortbewegungsmittel stand meinem Vater lediglich das Postvelo zur Verfügung», schreibt der Verfasser, «je nach Gelände, Witterung und ‹Ladung’ musste das schwere Vehikel zeitweise geschoben werden.»

Vor allem die Touren zu den entfernten Höfen waren für den Briefträger sehr beschwerlich. Urs Brunner hat ausgerechnet, dass sein Vater in 40 Jahren rund 130 000 Kilometer zu Fuss zurücklegte, also dreimal die Erde umrundete.

Haushaltsbuch als Trouvaille

Für Hans Sigrist war besonders das «Haushaltsbuch des Christian Vögeli» eine Trouvaille: Das alte Buch aus dem Jahr 1906 sei ihm von einem Bewohner aus dem Gnöd zugespielt worden, der es seinerseits mehr zufällig denn absichtlich aus einem Abbruchcontainer geborgen hatte.

Beim Eintauchen in die handgeschriebenen Einträge des damals 45-jährigen Försters erschloss sich dem Autor eine vergangene Welt, und hinter den Zahlen und Kolonnen wurden die Lebensumstände der sechsköpfigen Familie lebendig: wie viel man für Petrol und Kerzen ausgab – elektrisches Licht gab’s noch keines –, was die Stoffe für die Aussteuer der ältesten Tochter Julia oder das Kommunionskleid der jüngeren Tochter Rosa kosteten, und welche Beträge für die Wallfahrt der Ehefrau nach Mariastein, aber auch für den erheblichen Schnaps- und Tabakkonsum des Hausherrn draufgingen.

Weitere Geschichten widmen sich den Hägendörfer Wirtshäusern, dem Autobahn- und Tunnelbau, den Umwälzungen der Waldwirtschaft oder den Bräuchen rund ums Sterben. Berührend auch die Geschichte von Spitalschwester Johanna Kamber (ursprünglich Klara), die «in aller Stille enorm viel geleistet und bewegt hat», wie Hans Sigrist sagte.

Die Hägendörfer Jahrringe 2016 sind von der Einwohnergemeinde finanziert worden. Interessierte können das Buch ebenso wie frühere Ausgaben kostenlos auf der Gemeindeverwaltung beziehen.