Sein Name ein Gedicht, sein Auftreten Drama: Wer Amtsgerichtspräsident Pierino Orfei in Aktion erlebt hat, vergisst ihn so schnell nicht mehr. Und das nicht des klingenden Namens wegen. Denn wenn Orfei Regie führt, wird jede Gerichtsverhandlung zum Schauspiel, bricht sich sein italienisches Blut Bahn. Ein entnervtes «Mamma mia!»nimmt sich da noch als harmlose Äusserung aus: Scharf, barsch, unwirsch wird zurechtgewiesen, wer ungebührlich in sein Drehbuch eingreift. Er gibt da am Gericht ein Bild ab, wie wenn in alten Zeiten die Götter zürnten.

Besuch bei Pierino Orfei zu Hause in Starrkirch-Wil. Hund Sunny kommt freudig schwanzwedelnd über den Rasen gelaufen, Orfei schreitet hinterher. Durch den Wintergarten bittet er ins Wohnzimmer. Schwere Holzmöbel, Ledersessel, orientalische Nippes fallen ins Auge. Und kunstvoll gearbeitete klassische Gitarren, mehrere davon, verteilt im Raum. Sie überraschen nicht, lassen doch Orfeis lange Fingernägel auf die musische Betätigung schliessen. «Mein Elternhaus, ich bin hier geboren», sagt der 61-Jährige, und bittet zu Tisch. 

Mit seinem italienischen Vater habe er früher italienische Lieder gesungen, meint er, die Muse betreffend. «Er sang sehr gut», erinnert er sich. Er begibt sich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Beim Zurückkommen hängt er noch an: «Ich bin aber Schweizer durch und durch – im Denken, Handeln und Arbeiten.» Seine Mutter sei schliesslich aus dem aargauischen Freiamt. Aber ja, was die Emotionen angehe, habe er vielleicht das italienische Temperament des Vaters geerbt: «Ich reagiere relativ schnell», gibt er zu.

Von den hochgehenden Emotionen ist im Gespräch mit ihm nichts zu spüren. Orfei platziert Erdbeertörtchen und Kaffee auf dem Tisch. «Nehmen Sie eins, ich habe sie extra beim Bäcker geholt», ermuntert er das Gegenüber. Als Zeuge seiner zornigen Persona vor Gericht ist man beinahe überrascht ob so viel aufmerksamer Höflichkeit. Das Bangen vor dieser Begegnung war wohl umsonst.

Da hört sein Mitgefühl auf

Seine Art, Recht zu sprechen, sei speziell? Orfei, der nach dem Jus-Studium im Jahr 1989 erst das Untersuchungsrichteramt in Olten antrat, später Amtsgerichtspräsident wurde, horcht auf. Er scheint erst nicht zu begreifen, wovon die Rede ist. «Ich interveniere schon, wenn die Dinge nicht nach meinen Vorstellungen laufen», räumt er ein. Da spiele es auch gar keine Rolle, wer das sei – ob Staatsanwalt, Zeugin oder Angeklagter. «Ich lasse mich nicht beirren – ich will kein Puff und keinen Mix», sagt er. Damit es nicht am Schluss noch einen Verfahrensfehler gebe. «Das wäre eine Schande.» Das sei ihm aber seines Wissens noch nie passiert. Und er habe immer gut geschlafen, nach jedem Fall.

Obschon: «Es gibt Bilder und Eindrücke, die schockieren und entsetzen. Furchtbares Zeug, das lässt einen nicht kalt.» Er verfüge wohl über die Gabe, angesichts von Gräueltaten nicht abzustumpfen. Und dann erlebe er Fälle, wo einfach das Schicksal zugeschlagen habe. «Eine fahrlässige Tötung etwa, die belastet die Betroffenen schwer.» Bei Sexualstraftaten höre sein Mitgefühl aber auf: «Ich kann nicht nachvollziehen, wie es so weit kommen kann», sagt er. Allerdings seien in solchen Fällen meist psychische Störungen im Spiel. Welcher Fall ihm besonders in Erinnerung geblieben ist? «Der Raserfall von Schönenwerd im Jahr 2010.» Das sei sein aufwendigster Fall, und das Medieninteresse nie grösser gewesen.

Die Arbeit kann Orfei aber auch ablegen: «Ich habe einen Hund und Hobbys, um abzuschalten.» Sein Refugium sei dort, wo sich seine Gitarren befänden. Obschon er glaubt: «Ich spiele gar nicht so gut. Wenn ich höre, wie gut manche Musiker sind, denke ich: Es ist hoffnungslos, das kannst du nicht.» Früher habe er zudem zwanzig Jahre lang Handball gespielt. «Aber ich habe das Interesse daran verloren, heute sind mir andere Dinge wichtiger», sagt er. Seine Zeit verbringe er gerne mit Leuten, die ihm etwas bedeuten: seiner Frau, seinen Kindern, Freunden. Und er sei gerne zu Hause: «Ich reise nicht gerne.»

Orfei sagt, er glaube an Gott: «Man sollte sich stets bewusst sein, was gut ist und was böse», ist er überzeugt. Demnach versuche er, sich stets dem Recht entsprechend korrekt zu verhalten. Aber er ist sich bewusst: «Ich bin nur ein Mensch – ich bin auch schon zu schnell gefahren.»