Ich danke den Verantwortlichen der Gesellschaft Oltner Kabaretttage von Herzen, dass sie es mir ermöglicht haben, einmal wie die Queen vom Balkon des Buckingham Palace zu winken, oder gar wie der Papst von seiner Loggia über dem Petersplatz Benediktion zu erteilen. Diese Ehre wurde mir in meiner zwölfjährigen Tätigkeit als Regierungsrat des Kantons Solothurn nie zuteil. Für einen Politiker muss das doch purer Genuss sein. 

Auf dem republikanischen Pflaster von Olten ist Bodenhaftung allerdings die viel bessere Wahl. Selbst Könige begnügen sich hier mit schlichten Denkmälern. Wenn es solche überhaupt gibt, dann sind es allerhöchstens gemeine Hauskatzen, bei denen auch schon mal das Krönchen auf dem Haupt eine Provokation darstellen kann.

Ich bin  froh, dass dieser Turm noch steht. Kürzlich hat ja die «Alte Brücke» gebrannt. Der Brand hätte leicht auf die Altstadt übergreifen können. Die Beschädigungen waren tiefgreifend. Was in den Meldungen der Polizei nicht zu lesen war, ist, dass diese offenbar sicher ist, dass es dieses Mal nicht die Berner waren, die 1798 die Brücke in Brand gesetzt hatten, um den Vormarsch der Revolutionstruppen aus Frankreich zu stoppen. Darüber ist der Stadtrat vermutlich erleichtert. Er hätte sonst wohl einen weiteren Vorstoss behandeln müssen, der nun 220 Jahre nach dem ersten Brand Reparationszahlungen durch die Stadt Bern verlangt.

Gerüchteweise gab es Leute, die hingegen einen Nachahmungstäter des Brandstifters in der St. Ursenkathedrale in Solothurn in Betracht zogen. Dieser hatte damals den Altar angezündet. Dass darauf hin auch noch der Bischof vor den Flammen nach Rom flüchtete, dafür konnte er nichts. Mittlerweile weiss man, dass hier in Olten eine weggeworfene Zigarette am Brückenbrand schuld war. Es kam aber alles gut. In Solothurn, Rom und Olten. Der Solothurner Brandstifter hat seine Strafe verbüsst, die Kathedrale erstrahlt in neuem Glanz, der Bischof wurde Kardinal, -  und, die Renovation der alten Brücke ist zwar noch nicht fertig, es hat aber bereits neue Aschenbecher. Die wurden vermutlich mit dem Geld bezahlt, welches das Oltner Parlament bei der Renovation der christkatholischen Stadtkirche eingespart hatte.

Männerfrisuren wie Donald Trump

Trotz der schönen Aussicht von hier oben ist nicht alles nur aufregend, was man sieht. So sind beispielsweise Sturmfrisuren , allerlei Köpfe mit schütterem Haarwuchs und vereinzelt auch ganze Lichtungen einsehbar, die sich mit dem Redner solidarisch zeigen. - Noch vor kurzer Zeit hätte ich mich nicht getraut, dies zu sagen. Es ist ein grosses Verdienst von Donald Trump, wenn nicht das Grösste seiner bisherigen Präsidentschaft, dass man heute Männerfrisuren erwähnen darf, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, politisch unkorrekt zu sein.

Man sieht von hier auch Dinge, die im täglichen Umgang miteinander und auf Augenhöhe meistens nicht besonders auffallen. Man kann beispielsweise in Wohnungen sehen. Und, je höher man auf dem Turm ist, desto mehr Einblick hat man. Ein Einblick, der manchmal gewöhnungsbedürftig ist. Man bekommt vielleicht zufällig Privates mit, von dem man denkt, dass man es eigentlich gar nicht wissen will.

Das soll künftig nicht mehr stören. Versicherungen sollen nach dem Willen des Bundesparlamentes die Erlaubnis erhalten, Garten, Balkon, Wohn- und gar Schlafzimmer zu observieren, solange diese von einem öffentlichen Ort her einsehbar sind. Versicherungsdetektive können dann jeden Tag sehen, was ich von hier oben sehe.  Sogar zuhören dürfen sie. - Die wollen das tatsächlich auch. - Man könnte sich vorstellen, dass es zum Beispiel von grossem öffentlichen Interesse ist, ob der oder die zu Beobachtende es trotz ärztlich bezeugter Arbeitsunfähigkeit wegen Rückenschmerzen geschafft hat, sich gestern Abend nach üppigem Nachtessen und Koordinationsproblemen aufgrund ausschweifenden Weingenusses die Beine zu rasieren.

Häufig ist das Argument zu hören, wer nichts zu verbergen habe, der oder die bekomme damit auch keine Probleme. Wer sich einem allfällig verbleibenden Restrisiko nicht aussetzen will, müsste sich deshalb überlegen, Vorhänge zu kaufen. Am besten eignen sich Verdunkelungsvorhänge, die nicht besonders auffallen. Sie müssen deswegen nicht Angst haben, dass die Polizei Sie wegen Verdunkelungsgefahr verhaftet. Die hat mit Paparazzi nichts am Hut. - Die Vorhänge sollten hingegen nicht allzu viel kosten. Es könnte sonst der Eindruck entstehen, der Vorlage komme tatsächlich eine gewisse volkswirtschaftliche Bedeutung zu, weil sie, so dürfte es dann im Bundesbüchlein zu einer allfälligen Volksabstimmung zu lesen sein, auch dem Lädelisterben von Vorhangateliers entgegenwirken soll.

Drohne statt Selfiestick

Zur Überwachung können auch Drohnen eingesetzt werden. – Nicht, dass diese jetzt stören würden. Die meisten Menschen lieben Drohnen. Vor allem, wenn sie an einem lauschigen Sonntag im Garten das heimatliche „Gesummse“ der Bienen verstärken und so das natürliche Gefühl vermitteln, sie würden in luftiger Höhe mithelfen, Obstbäume zu befruchten. - An warmen Frühlings- oder heissen Sommertagen muss dann auch niemand extra seinen Selfiestick hervorkramen, um sich in der Badehose oder im Bikini zu fotografieren. Wer Glück hat bekommt ein Luftbild, das mit einem knackigen Kommentar direkt auf Instagram gepostet, oder, wenn Sie schon etwas älter sind, wie ich es bin, in der Glückspost, dem goldenen Blatt oder der Schweizer Illustrierten veröffentlicht wird. –

Umso mehr ist es zu bedauern, wenn sich Drohnen in Ästen verfangen oder sich beim Runterfallen gar die Flügel brechen. Darum sollte es etwa Drohnenführerkurse mit Bewilligungspflicht geben. Auch registrieren sollte man sie. Damit man sie wiederfindet und nach einem Absturz wiederbeleben kann. Man könnte sich sogar eine Drohnennotfallgruppe überlegen, oder die Feuerwehr dafür ausbilden.

Drohnen kämpfen auch darum, in der Gesellschaft weiterhin mit dem Recht auf freien Flug anerkannt zu bleiben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diesem wertvollen Anliegen mit der Gründung einer Drohnenpartei Rechnung getragen werden könnte.  So würde auch die Vielfalt der politischen Meinungsäusserung und damit der Meinungsbildungsprozess gefördert. Es wäre sogar möglich, dass damit einer der Grundsteine für eine gesamtschweizerisch grösste Partei gelegt werden könnte.

«Liste Rösti»

Eine solche Partei träfe auf eine beinahe historisch-europäische Freude an neuen Bewegungen. Es müsste ja nicht gleich so sein, wie bei unserem östlichen Nachbarn, wo die Österreichische Volkspartei kurzerhand in «Liste Kurz» umgetauft wurde. «Liste Gössi», «Levrat», «Pfister» oder «Ritz» beispielsweise, vermöchten, zumindest auf den ersten Blick, «marketingmässig» nicht gleich alle von den Sitzen zu reissen. Anders könnte es mit «Liste Rösti» sein. Da scheint durchaus Potenzial vorhanden, dass der Name den Wähler und die Wählerin einprägsam auf ein einheimisches Gericht und damit auf die nationale Verbundenheit der betreffenden Partei  hinweist. Das, obwohl die Kartoffel ja ursprünglich aus Südamerika zugewandert ist.

Zugewandert ist auch die Europäische Menschenrechtskonvention. Die hat das Parlament zwar ratifiziert, aber man wusste damals ja nicht, dass deren Unterzeichnung nicht nur deklaratorische Wirkung hat, sondern von den einheimischen Gerichten auf allen Stufen tatsächlich angewendet wird. Darum gibt es nach der Masseneinwanderungsinitiative jetzt auch die Selbstbestimmungsinitiative. Damit die Schweizerinnen und Schweizer selbst darüber bestimmen können, was Menschenrechte sind. Es wäre ja nicht so, dass diese danach nicht mehr gelten würden. Aber ein bisschen diversifizieren müsste man schon. Zwischen Menschen und Menschen.

Mit Diversifikation kämpfen zur Zeit vor allem traditionelle Parteien. Nicht nur «ennet dem grossen Teich». Sie haben seit langem mit Programmen angeschrieben, was drin ist. Einige meinen aber, einfach nicht rasch genug zu wachsen. Darum gibt es Bestrebungen, genauer herausfinden, welches die Wählergewohnheiten oder – wünsche sind und wie sie sich entwickeln.

Das tun sie auf unterschiedliche Art und Weise. Viele Politikerinnen und Politiker machen das nach wie vor ganz traditionell. Sie reisen beispielsweise mit dem Zug, wenn sie zur Arbeit oder an Sitzungen fahren. So kommt man mitten unter die Leute. Besonders empfehlenswert ist das, wenn man an einem Eisenbahnknotenpunkt wohnt, wo viele Leute aus- und zusteigen und die Züge darum voll sind. Um mit dem «Vis-à-vis» ins Gespräch zu kommen, kann man ihm oder ihr ein «WhatsApp» schicken, damit sichergestellt ist, dass diese oder dieser merkt, dass noch jemand anders im Abteil sitzt. Sprechen ist dann nicht nötig und niemand muss seine Kopfhörer entfernen. Es reicht, wenn jede und jeder aufs sein Smartphone schaut, um Interessantes sofort zu beantworten. Man stört dann auch niemanden anders, der keine Kopfhörer trägt. Im schlimmsten Fall kann man dem Gegenüber eine Sprachnachricht für später schicken.  Die kann nach dem Aussteigen angehört und beantwortet werden. Das kann jede und jeder machen, wie er oder sie will. Wenn man will. Das ermöglicht eine individuelle Gesprächsführung, ist zudem rücksichtsvoll und trotzdem volksnah. 

Wähler erwarten Meinung

Auch Umfragen sind eine gängige Methode. Die sind aber nicht immer zuverlässig. Mittlerweile gibt es andere tolle Möglichkeiten, inhaltlich genauer auf die Wählerinnen und Wähler zuzugehen. Man kann bei Facebook oder zugewandten Firmen Auswertungen über Wählerinnen- und Wählergewohnheiten bestellen. Das erleichtert es, die Programme flexibel anzupassen und die richtigen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten zu finden, die dem Wählergeschmack entsprechen. - Es ist zwar wichtig für jeden Politiker und jede Politikerin, dass man sofort eine Meinung hat und diese kundtut, auch wenn man noch nichts Genaues weiss. Über Twitter beispielsweise, damit gleich auch alle Journalistinnen und Journalisten auf einen zugehen können. Mit regelmässiger Inszenierung kann man seine Bekanntheit natürlich verbessern. Besser wäre es aber schon, zu wissen, welche Meinung der Wähler- oder die Wählerin in diesem Moment genau von einem erwartet. Das sollte man auch wissen, um Fehlinvestititonen zu vermeiden. Einer hat zum Beispiel in Basel eine grosse Zeitung gekauft, aber vorher nicht damit gerechnet, dass die Leute etwas anderes lesen wollen, als er schreiben liess. Das ist ihn teuer zu stehen gekommen.

Abhilfe schaffen könnte man diesem Problem, indem man die Wählerinnen und die Wähler mit «GPS-Trackern» versieht. Damit man ihre täglichen Gewohnheiten «live» über ein Webportal anschauen, sichern und besser auf sie eingehen kann. Möglicherweise übernimmt diese Bürde eine private Gesellschaft gegen Bezahlung. Aber das müsste politisch wohl noch diskutiert werden. Darum ist es auch verständlich, dass man in einem ersten Schritt, - um Erfahrungen zu sammeln,  - mithilfe privater Firmen - zuerst nun versuchsweise das Verhalten einer kleineren Gruppe, nämlich der Bezügerinnen und Bezüger von Sozialversicherungsleistungen, mit solchen «GPS-Trackern» beobacht, um Missbräuche aufzudecken.

Sie können aber auch schon selbst bürgerinnen- und bürgernah ein bisschen üben, was dabei rauskommen kann. Mit ihrem Smartphone und der App «Freunde finden». Bei gegenseitiger Freigabe in der Familie oder unter Freunden, und unter Einschaltung der Ortungsdienste, können sie sehen, wo diese gerade sind. Im Laufsport beispielsweise, gibt es das schon länger. Man sieht dann, wo sich die Läuferin oder der Läufer auf der Laufstrecke befindet. Manchmal beobachtet man auch, dass der eine oder die andere mit der Zeit, die er oder sie laufen will, etwas angegeben hat. Falls die Verwendung der App auch innerhalb von Familien und Freunden komplikationslos bliebe und man niemanden dort vorfindet, wo er oder sie nicht sein sollte, - was nicht von vorneherein auszuschliessen ist, - können sie ihre Erfahrungen an die geeignete Stelle weitermelden.

Sollte die Auswertung der Erfahrungen mit den Beobachtungsmöglichkeiten auch sonst positiv sein, kann man alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger einbeziehen. Weil man die Datenschutzeinstellungen in Smartphones und Computern neu so machen kann, dass viel weniger sichtbar ist, als es Einigen lieb ist, wird schon jetzt über über künftige Möglichkeiten nachgedacht. Am wenigsten Umstände machen würde die Implantierung eines Chips, der aufzeichnet und bei Bedarf einfach aktiviert werden kann. Um zukünftig Missbräuche der Wählerinnen und Wähler zu verhindern. Nämlich, dass sie sich in aller Freiheit und ohne sich rechtfertigen zu müssen, selbst eine Meinung bilden, falsch abstimmen oder gar falsch wählen. Auch wenn das privat sein könnte.

«Gefällt mir»

Erschrecken Sie jetzt nicht und löschen Sie auf keinen Fall gleich Ihre Facebook- und Twitter-Profile, und schon gar nicht den Instagram-Account, wenn Sie nach Hause gehen. Ich mache das auch nicht. Das wäre schade, - jedenfalls für die meisten. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie auch diese Rede bald online auf Facebook, Twitter und vielleicht sogar Bilder auf Instagram sehen. Klicken Sie dort auf «gefällt mir» oder kommentieren Sie, dass es Ihnen nicht gefallen hat, - wenn es unbedingt sein muss. Ein paar «Cookies» auf den Medienkanälen müssen Sie vielleicht in Kauf nehmen. Die Verantwortlichen der Kabaretttage aber haben versichert, dass sie selbst über ihre Webauftritte keine Daten sammeln. Ihr Programm sei auch so toll. Das kann ich natürlich bestätigen. Gut, - vielleicht mit Ausnahme des Turmredners in diesem Jahr.