Von Modellbauern behauptet der Volksmund gelegentlich, sie seien ein bisschen «Spinner». Absonderlich, merkwürdig, schräg, seltsam, sonderbar, spleenig, skurril, verrückt, verschroben.

Marcus Aebersold muss darüber ein bisschen lachen; empfindet die Bemerkung womöglich als sympathisch wirkende Wertschätzung. «Vielleicht trifft das tatsächlich zu», sagt der 55-Jährige dann. Aebersold nämlich wird deswegen etwas der Verschrobenheit verdächtigt, weil er in über 500 Stunden Olten nachgebaut hat. Nein, nicht das Zeitgenössische, das jüngst Vergangene; Aebersold hat sich des römischen Olten angenommen, besser noch der 400 Jahre der römischen Siedlungsgeschichte auf diesem Fleck an der Aare; beginnend im ersten Jahrhundert n. Chr. mit dem Vicus, einer von Kelten und Römern durchmischten Siedlung mit kleinstädtischem Charakter, endend mit dem Castrum im ausgehenden 4. Jahrhundert. «Ich bin am Ursprünglichen interessiert», reicht er auf die Frage nach seiner Motivation nach. Die sei in all den Wochen und Monaten, in denen das römische Modell entstand, nie abgeflaut.

Bilder materialisieren

«Wissen Sie», sagt er, «ich habe Bilder im Kopf, die sich vor meinen Augen aufbauen.» Die müsse er umsetzen, materialisieren. «Klar hätte ich mir für das römische Olten ein Amphitheater oder gar einen Jupitertempel gewünscht«, gesteht er, «aber solche Fragmente hat man nie gefunden», zügelt Aebersold seine Fantasie. Die Bauten hätte er wie alles andere im Massstab 1:400 nachempfunden und in seiner Modelllandschaft integriert. Die Ausgrabungen dienten ihm als Ankerpunkte der damaligen Topografie und diese wiederum der möglichen Bebauung.

Als Bub schon faszinierten ihn die Römer. Nicht die Schlachten und Kriege, sondern Lebensweise und Kultur. Im Zusammenhang mit den Ausgrabungen an der Baslerstrasse 15, als die Archäologie auf Fragmente stiess, die über mehrere Jahrhunderte eine Besiedlung nachwies, wurde seine Motivation im wahrsten Sinn des Wortes weiter gestärkt und er wurde immer mehr Gefangener seiner sich vor ihm auftürmenden Bilder.

Allerdings: Aebersold lässt sich zwar von Fantasien inspirieren, aber nicht leiten; er hatte in Zusammenhang mit seiner Arbeit auch die Unterstützung von der Kantonsarchäologie, die ihm auch versicherte, es gebe Funde am östlichen Aareufer, die auf einen einst bestehenden Brückenkopf hindeuteten. Für den Modellbauer Grund genug, einen Aareübergang in sein Modell zu integrieren. «Es gibt zwar Stimmen, die sich dem widersetzen», sagt Aebersold, aber wenn man die Römer etwas studiert hat, liegt es auf der Hand, dass eine zumindest offene Holzbrücke zum Castrum geführt haben «muss». Zumal Olten schon damals wichtiger Verkehrsknotenpunkt war und die Römer als Brückenbauer und hervorragende Architekten bekannt sind. Obwohl von der römischen Siedlung, aus der später Olten hervorging, das weiss Aebersold, nur wenig bekannt ist.

In Kleinarbeit hat der gelernte Visual Merchandiser eine Anlage des römischen Oltens gefertigt, die Dutzende von Details erkennen lässt: Latrinen und Erdgruben, Töpfereien, Mühlen und Gärten. Auch an der heutigen Baslerstrasse standen mit Sicherheit sogenannte Streifenhäuser. «Dieses typische, lange Gebäude mit dem Giebel zur Strasse, um möglichst vielen Grundstücken innerhalb eines römischen Vicus einen Zugang zur Durchgangsstrasse zu gewähren. Davor war ein ‹Porticus›, eine gedeckte Laube mit offenen Verkaufsständen oder Eingänge zu Tavernen oder dergleichen», sagt Aebersold. Hinter den Häusern waren die Gärten mit Kleinvieh und Gemüse für die Selbstversorgung oder den Verkauf. Die Häuser konnten, so verraten die Geschichtsbücher, bis zu 30 Meter lang sein, waren dabei aber nur zwischen 10 und 16 Meter breit.

Aus Holz, Ton und Stevalin

Jetzt steht die über 20 kg schwere Modellanlage, aus Holz, Ton und Stevalin geformt, in Aebersolds Atelier, nimmt knapp einen Quadratmeter in Anspruch und harrt der Dinge, die da kommen sollten. Eigentlich hätte sich der Mann mit dem Hang zur Ordnung gewünscht, sein Modell würde Platz im örtlichen historischen Museum finden; um der Bevölkerung ein Bild zu präsentieren, auf welch historischem Terrain sie sich befindet. Aber bislang ist es noch nicht soweit gekommen.

Das bedauert der Oltner, der mit seinem Werk im Grunde genommen nichts anders will als die Fantasie beflügeln. «Es ist doch gut, wenn wir ein Bild unserer Stadt gezeigt bekommen», meint er. Nicht wie sie war, die Stadt, sondern wie sie mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte sein können.

Item: Als nächstes Projekt schwebt ihm die Villa Rustica auf der Römerwiese in Olten vor. «Nicht die Ruine», sagt er, «sondern das Gebäude als Ganzes.» Und schon baut sich vor seinen Augen auf, was auf den alten Fundamenten zu liegen kommen wird.