Hans Derendinger
«Eigentlich wollte er nicht Politiker werden» – Oltens alt Stadtammann wäre 100-jährig

Hans Derendinger war nicht nur 26 Jahre Oltner Stadtammann, sondern auch Autor, Musiker und Kulturvermittler – am Sonntag würde der Ehrenbürger der Stadt Olten 100 Jahre alt.

Jürg Salvisberg
Drucken
Teilen
Hans Derendinger in jüngeren Jahren mit seiner Frau Germaine (Aufname undatiert).
9 Bilder
Hans Derendinger im Garten
Hans Derendinger schrieb Gedichte und Aphorismen
Hans Derendinger war ein begeisterter Geiger und Bratschist, hier karikiert vom Tschechen Jan Novotny.
Hans Derendinger griff auch gerne zum Pinsel und schuf mit 19 Jahren im Jahr 1939 dieses Selbstporträt.
Bei den Wengianern
Beim Stadthausfest 1976
Hans Derendinger (rechts) am Eidgenössischen Jodlerfest 1961 in Luzern.
Geschwister; Jürg, Rosmarie und Hans.

Hans Derendinger in jüngeren Jahren mit seiner Frau Germaine (Aufname undatiert).

zvg

«Wenns im Herbscht Motione haglet, chunnts im Früelig cho wähle.» Mit dieser politischen Bauernregel schaffte es Hans Derendinger auf der Liste der Lieblingszitate bei Politikern sowie Journalisten und Kolumnisten weit nach vorne. Oltens Stadtammann von 1957 bis 1983 war beides: Politiker mit träfen Sprüchen und auch Beobachter von Politik und Gesellschaft.

Sein freies und vorausschauendes Denken, sein enormes Wissen, sein sachliches Wesen und sein Blick fürs Wesentliche, sein gesunder Menschenverstand, seine Toleranz und sein facettenreiches kulturelles Wirken beeindruckten Mitbürgerinnen und Mitbürger und strahlten über Olten und den Kanton Solothurn hinaus. Gottlieb F. Höpli, von 1994 bis 2009 Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», bezeichnete Hans Derendinger einst als einen der farbigsten Stapis, welche die Schweiz in der Nachkriegszeit vorzuweisen hatte. Derendinger, der am 29. November 1920 als ältestes von drei Geschwistern in Olten geboren wurde, würde am Sonntag 100 Jahre alt.

Jürg, Rosmarie und Hans:

zvg

Das Amt hatte er nicht gesucht: Sein Bruder war zuerst vorgesehen

Obwohl er aus einer politischen Familie stammte – seine Mutter war die Schwester von Bundesrat Walther Stampfli –, war der Weg zum Oltner Stadtammann nicht unbedingt vorgespurt. Eigentlich hatte die Freisinnig-demokratische Partei auf seinen jüngeren Bruder Jürg Derendinger gesetzt. Doch nachdem dieser 1956 im Alter von 33 Jahren an Krebs verstorben war, wuchs der Druck auf Hans Derendinger, in dessen Fussstapfen zu treten.

Der 37-jährige promovierte Jurist schaffte 1957 die Kampfwahl gegen den 15 Jahre älteren Sozialdemokraten Hermann Berger mit Bravour (2805 gegen 1619 Stimmen). «Doch eigentlich wollte er nicht Politiker werden», sagt Hans Brunner, der als Konservator des Historischen Museums in Olten 13 Jahre mit ihm zusammenarbeitete. Vor seiner Wahl ins Stadtpräsidium arbeitete er nach seinem Studium in Zürich zuerst als Anwalt und dann fünf Jahre als Redaktor beim «Oltner Tagblatt».

Einmal im Amt entpuppte sich Hans Derendinger als gründlicher Politiker, aber stets auch als Humanist. Die Strenge des neuen Stadtammanns liess viele Halbheiten nicht mehr durch. Architekturpläne wurden nicht mehr im Wirtshaus verhandelt. Seine Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit erwartete er auch von anderen. Stadthaus-Angestellte, die auch wegen der anfänglich noch dezentralen Verwaltung gerne mit zehn oder fünfzehn Minuten Verspätung am Arbeitsplatz eintrudelten, kanzelte er bei Bedarf ab.

Hans Derendinger stellte das nahe, menschenbezogene Wirken in seiner Stadt über die Parteipolitik. Er habe das Zeug zum Regierungsrat oder Nationalrat gehabt, glaubte jedoch, dass sich die höhere Politik nicht zu Gunsten der Stadt auswirke, schildert Hans Brunner. Für die Freisinnigen sass er zumindest im Kantonsrat, dies von 1961 bis 1977.

Hans Derendinger war ein Kulturmacher und -förderer

Umso markanter waren die Spuren, die er in der Kleinstadt hinterliess. «Hans Derendinger gab der Stadt Olten ein Gesicht», bilanziert Hans Brunner. Unter ihm sei die Stadt nicht nur architektonisch gewachsen (siehe Box unten), sondern auch kulturell. Seine Kulturförderung hatte ihren Ursprung einerseits in seinen vielseitigen Begabungen, gründete aber auch im Bewusstsein, dass ein breites Kulturleben zu einer Stadt gehören muss. Schon in der Gymnasialzeit fiel Hans Derendinger durch sein Zeichentalent auf, das ihm in der Studentenverbindung Wengia den Namen «Stift» eintrug.

Von seinen Karikaturen lebte auch eine Oltner Fasnachtszeitung, die als humorvoll und gescheit galt. Mit seinen Gedichten und Aphorismen, die auch in der Satirezeitschrift «Nebelspalter» erschienen, reihte er sich in die Tradition der Verseschmiede vom Jurasüdfuss ein.

Verzauberung

Morgens in beschwingter Frühe
schreit ich durch die stille Stadt,
die sich mit des Himmels Mühe
wunderlich verwandelt hat:

Strassen, Plätze, Giebel, Bogen,
alles ist von einem Hauch
feinsten Zuckers überzogen
wie zu innerem Gebrauch.

Und so will ich dich zum z’Morgen,
liebe Stadt, wie Hauskonfekt
heimlich – schwupp –
hinunterworgen,
ehe dich ein anderer schleckt.

Denn du bist trotz mancher Seite,
die nicht lauter Zucker hat,
wenn ich so dich jetzt durchschreite,
eine zuckersüsse Stadt.

Kulturvermittler Peter André Bloch, der als früherer Kantonsschullehrer Hans Derendinger auch als Inspektor kennenlernte, beschreibt dessen lyrische Art als feinsinnig humorvoll, (selbst)kritisch, ironisch und parodistisch. Seinerzeit brachte er Derendingers «Bauernregeln» als Schülertheater auf die Bühne der Kanti Olten. Obwohl die Verpflichtungen des Amtes sehr an der Ressource Zeit nagten, liess es sich Hans Derendinger nicht nehmen, im privaten Rahmen und im Stadtorchester Geige und Bratsche zu spielen.

«An ihm ist ein Musiker verloren gegangen», sagt sein ältester Sohn Martin Derendinger, der als Zeichnungslehrer wie Schwester Marianne (Kindergärtnerin, Schauspielerin, Bildhauerin) und Bruder Ueli (Lehrer für Querflöte und Shakuhachi) von den musischen Genen des Vaters profitieren konnte. Mit Gedichten und Aphorismen machte er bis in die letzten Monate vor seinem Tod auf seine sprachlich feine und zeitkritische Feder aufmerksam. Für seine Leistung als Kulturförderer und Literat erhielt er 1971 den Kunstpreis des Kantons Solothurn und wurde 1984 zum Ehrenbürger der Stadt Olten ernannt.

Die Kulturförderung schlug sich in der Stadt bei zahlreichen Neubauten in der Kunst am Bau nieder. Unter der Ägide des Kunst- und Schallplattensammlers Derendinger brachte die Stadt die Museen voran, was ihm viel Freude entlockte, aber auch Kritik eintrug. Dabei war der Klassikfan und Theaterbesucher laut Hans Brunner gar nicht einseitig. Aus politischer Notwendigkeit zeigte er Einsicht, Kultur in ihrer Vielfalt zu fördern. Abgesehen von Skirennen interessierte ihn indes Sport wenig. «Hans Derendinger war absolut kein Sportler», erzählt Hans Brunner. An einem Eishockeymatch habe er keine Freude zeigen können; doch sei er überzeugt gewesen, dass auch ein solcher Anlass zu einem vielfältigen Gesicht der Stadt zwingend gehört.

Als Familienmensch auf Distanz

Trotz oder wegen seines öffentlichen Amtes und seines gesellschaftlichen Engagements habe Hans Derendinger immer auch seine private Atmosphäre geschützt, meint Peter André Bloch. Dazu gehörte zuerst seine Frau Ger maine, die er als Untermieter im Elternhaus Tatarinoff in Solothurn kennen
gelernt hatte. In der Familie suchte er Ruhe und Distanz. «Er trug den Beruf nicht in die Familie, wenn ihn nicht gerade ein Wutbürger-Telefon zu Hause erreichte», erinnert sich Martin Derendinger.

Den Familienangehörigen blieb trotzdem nicht verborgen, dass ihm die Politik oft auf dem Magen lag und gesundheitlich ihren Tribut forderte. Noch vor dem 50. Lebensjahr kämpfte er mit Darmkrebs, der ihn in den Neunzigerjahren erneut einholte und am 13. November 1996 schliesslich zu seinem Tod führte. Ein längeres Leben als ihren Brüdern ist Schwester Rosmarie beschieden, die heute noch mit 93 Jahren in einer Aarauer Altersresidenz wohnt.

Als es um Süd-West statt SüdWest ging

Während der ersten Phase von Hans Derendingers Amtszeit war die Entwicklung Oltens von einem starken Wachstum gekennzeichnet. Nach 1970 erreichte die Stadt zwischenzeitlich über 22 000 Einwohner. Viele markante Neubauten ergänzten das Stadtbild. Dazu gehörten Bannfeld-, Gewerbe- und Sälischulhaus, neue Sportanlagen sowie das 1966 eingeweihte Stadthaus.

Die Zentralisierung der Verwaltung war Hans Derendinger ein grosses Anliegen. 1973 erfolgte der von ihm ebenfalls geförderte Umstieg auf die ausserordentliche Gemeindeorganisation mit Stadträten und Gemeindeparlament statt der Gemeindeversammlung, die bei abnehmender Beteiligung immer wieder von Interessensgruppen vereinnahmt wurde.

Die Regionalplanung nannte Hans Derendinger «eines der dringlichsten Erziehungsanliegen». Sie war ein schwieriges Geschäft wie die Behebung der Verkehrsprobleme. Der Nicht-Autofahrer und bekennende Geher und Wanderer wurde dabei oft als Bremser dargestellt. 1974 scheiterte das geplante Basisdreieck zur Verkehrsentlastung der Innenstadt an der Urne. Ebenfalls Schiffbruch erlitt ein Gewerbe- und Industriezentrum im Kleinholz.

Mit dem Projekt «Olten Süd-West» hatte die Stadt 1968 im Raum Kleinholz, Erlimatt, Bornfeld und Gheid einen Planungswettbewerb lanciert, um Wohnraum für 8000 bis 10'000 Einwohner zu schaffen. Neben Wohnungen, Gewerbe- und Industrieflächen sollten eine Primarschule mit 30 Klassenzimmern, zwei Doppelkindergärten, zwei Turnhallen sowie ein römisch-katholisches und ein protestantisches kirchliches Zentrum entstehen.

Negative Volksentscheide, die Ölkrise und die Rezession ab 1974 beendeten die Planungseuphorie. Statt, wie in den 1960er-Jahren erwartet, auf 30'000 Einwohner zu steigen, fiel die Bevölkerungszahl bis 1990 auf 18 000 Einwohner. Neue Herausforderungen kennzeichneten die zweite Phase von Derendingers Amtszeit. Als Zuständiger fürs Polizeiwesen musste er sich mit der Drogenszene rund um den «Hammer» herumschlagen. Rund um die Anti-AKW-Demo 1977 musste er gegen geplante Camps einschreiten. 1978 setzte er sich vergeblich für den Erhalt der Spanischen Weinhalle in der Oltner Altstadt ein. (js)