Olten
Ehemaliger schenkt Kinderkrippe zum 100-Jährigen 100'000 Franken

Zu ihrem 100-jährigen Bestehen erhält die Kinderkrippe Schürmatt ein unerwartetes Geburtstagsgeschenk. Ein dankbarer Ehemaliger spendete 100 000 Franken – einfach so, aus Dankbarkeit für eine trotz Schicksalsschlägen schöne Jugend in Olten.

Karl Lüönd/Urs Huber
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Robert Heuberger verbrachte einen Teil seiner Kindheit in der Kinderkrippe Schürmatt.

Robert Heuberger verbrachte einen Teil seiner Kindheit in der Kinderkrippe Schürmatt.

LANDBOTE

Robert Heuberger ist 93 Jahre alt und immer noch fit. Immer häufiger führen ihn seine Spaziergänge zurück an die Stätten seiner Jugend. Neulich war er in Olten und fand die Stätte, in der er als Kind trotz schwerem Familienschicksal glückliche Jahre erlebt hatte: die private Kinderkrippe Schürmatt. Was er sah, gefiel ihm, darum hat er dem Trägerverein vor einigen Tagen 100 000 Franken gespendet – einfach so, ohne Bedingungen. Der einstige Waisenknabe Heuberger ist gemäss «Bilanz» einer der dreihundert reichsten Schweizer geworden – mit klugen Immobiliengeschäften, vor allem in der Region Winterthur/Uster/Effretikon.

Heubergers Vater war Jurist gewesen und hatte bei der Generaldirektion der Schweizerischen Bundesbahnen in Bern gearbeitet. Aber 1925 starb er im Militärdienst an einer Lungenentzündung und hinterliess eine Frau mit vier kleinen Kindern. In den damaligen Zeiten bedeutete ein vorzeitiger Tod auch für gesetzte mittelständische Familien einen jähen sozialen Abstieg.

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Robert Heuberger: «Wir waren nicht versichert, und da mein Vater erst gerade eingetreten war und noch in einem provisorischen Arbeitsverhältnis stand, gehörte er der Pensionskasse der SBB noch nicht an, als er starb. Diese eigentlich skandalöse Deckungslücke wurde damals sozusagen als Schicksalsschlag demütig hingenommen. Die junge Witwe mit ihren vier Kindern wurde allein gelassen. Ich war der Jüngste im Quartett. Die zwei älteren kamen bei den Grosseltern in Aarau unter. Heinz (geb. 1919) und ich (geb. 1922) konnten bei unserer Mutter bleiben. Sie war eine junge Frau von 35 Jahren, als ihr Mann starb, und hatte fortan ein schweres Leben. Um sechs Uhr früh brachte sie meinen Bruder und mich in die Kinderkrippe Schürmatt; um 18 Uhr holte sie uns dort wieder ab. Tagsüber arbeitete sie als Chefköchin bei der Usego, um Geld für die Familie zu verdienen. Nach dem kurzen Nachtessen und dem Gute-Nacht-Kuss verliess sie manchmal das Haus nochmals, um im Stadttheater Olten an der Kasse und an der Garderobe zu arbeiten. Und am nächsten Morgen um fünf Uhr ging dieses harte Leben weiter.»

Beste Erinnerungen

An den Kinderhort Schürmatt hat Robert Heuberger nur die besten Erinnerungen: «Ich war manchmal einsam und traurig, aber unglücklich waren wir, über alles gesehen, eigentlich nicht, mein Bruder und ich. Wir gingen sehr gern in die Kinderkrippe, denn dort waren viele andere Kinder, und bei schönem Wetter konnten wir im Garten spielen. Die Schwestern, die uns betreuten, waren sehr lieb und unternahmen oft Spaziergänge mit uns der Aare entlang. Mein Bruder und ich verbrachten etwa vier Jahre in der Kinderkrippe.»

Im Frühjahr 1929 trat eine Wende im Leben der Familie Heuberger ein. Die Mutter heiratete ein zweites Mal: einen ehemaligen Schulkameraden. Man zog in sein Einfamilienhaus am Mattenweg in der Nähe der Friedenskirche. «Es war ein grosses Haus, umgeben von einem schönen Pflanzgarten, in dem ich später Bohnen, Kartoffeln, Kabis und Brombeeren pflanzte. Das taten damals alle. Es war Krise und Mangelzeit.»

Banklehre und offene Augen

Robert Heuberger machte eine Banklehre und hielt die Augen offen. In den 1950er-Jahren nützte er als einer der Ersten einen Mangel im Bankensystem aus. Die Banken gaben den vielen Bauwilligen nur erste Hypotheken bis 65 Prozent der Bausumme. 2. Hypotheken waren verpönt. Heuberger mobilisierte zuerst wohlhabende Anleger, dann Versicherungsgesellschaften und füllte die Lücke.

Er realisierte grosse Überbauungen und Einkaufszentren in Winterthur, Effretikon und Uster. Seine Siska AG (Sichere Schweizer Kapitalanlagen) steht für eine nachhaltige und sozialverträgliche Form des privaten Immobiliengeschäfts. Was das Unternehmen verdient, geht heute zu einem beträchtlichen Teil in eine Stiftung, die pro Jahr bis sechs Millionen Franken an gemeinnützige Zwecke ausschüttet. Robert Heuberger hat auch den entwicklungskritischen Think Tank «Club of Rome» nach Winterthur geholt und verleiht den bestdotierten Preis für Jungunternehmer in der Schweiz.

Perplex und hoch erfreut

Rita Borner-Oswald, Präsidentin des privaten Trägervereins der Kinderkrippe Schürmatt, sagt, sie sei «perplex und hoch erfreut» über die unerwartete Zuwendung. «Wir hatten urplötzlich 100 000 Franken ‹zu viel› auf unserem Konto», lacht die Präsidentin. Das habe für einige Aufregung im Vorstand gesorgt. «Erst drei Tage danach haben wir brieflich von der Spende erfahren», so Rita Borner.

Zwar gehörte Robert Heuberger stets regelmässig zu den Unterstützern der Krippe, aber mit einer Zuwendung in dieser Grösse habe wirklich niemand gerechnet. Was man mit dem Geld anfängt, ist noch nicht bestimmt. «Wir werden es sorgfältig einsetzen für Projekte und Wünsche, die bis jetzt nicht finanzierbar waren.» Vor allem aber will man erst mal die Geburtstagsfeier vorbeiziehen lassen, eh man sich konkret der Verwendungsziele annimmt. Die Schürmatt arbeitet mit einem Jahresbudget von rund 500 000 Franken. Am Wochenende feiert sie ihr hundertjähriges Bestehen.