«Ich bin doch kein Triebmonster», meinte der angeschuldigte Lehrer aus der Region, nachdem ihn Amtgerichtspräsident Pierino Orfei am Dienstagnachmittag in die Enge getrieben und ihm unersättliche Gier nach ausgelebter Sexualität vorgehalten hatte.

Gleich mit zwei Knaben unter 16 Jahren habe er zwischen Herbst 2006 und Oktober 2008 gleichzeitig sexuelle Kontakte unterhalten; während der eine in der Wohnung des ehemaligen Lehrers einschlägige Pornostreifen zu sehen bekommen habe, habe er, der Angeschuldigte, sich mit dessen Bruder im Schlafzimmer vergnügt. «Sie begreifen einfach nicht, dass jeder Mensch ein Recht auf sexuelle Integrität hat», schleuderte Orfei dem Mann an den Kopf.

Buben misshandelt: Seit Dienstag steht der ehemalige Lehrer vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen.

Buben misshandelt: Seit Dienstag steht der ehemalige Lehrer vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen.

Peinliche Stille

Es gab am ersten Verhandlungstag vor den Schranken des Amtsgerichts Olten-Gösgen immer wieder mal peinlich anmutende Momente, wenn sich eisernes Schweigen im Saal breitmachte, Orfei vor sich hinstarrte, der beschuldigte Lehrer (heute in einem Bürojob tätig) dabei den Kopf gesenkt hielt und dessen Ensemble aus säuberlich geschnittener Frisur, gepflegten Halbschuhen, einer korrekt umgebundenen und zum Hemd passenden Krawatte das Bild des mittleren Biedermannes vermittelte. Der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind und der mehrfachen Pornografie angeklagt, gab sich der Beschuldigte meist kleinlaut, erklärte sich ausweichend oder nichtssagend, bejahte einerseits aber im Wesentlichen die gegen ihn erhobenen Vorhalte, bestand andererseits jedoch immer wieder darauf, bei all den Vorfällen nicht allein die treibende Kraft gewesen zu sein.

Die Jugendlichen, von Kindern mochte der knapp 40-jährige Angeklagte nicht sprechen, hätten durchaus ihren Aktivpart gespielt. Bemerkungen übrigens, die Orfei auch schon mal – wenigstens minimal – in Rage brachten, was er mit der Frage koppelte, wer denn hier die aktive Figur sein könne: der damals 30- oder der 14-Jährige? Der Angeklagte gestand, sich zu jenem Zeitpunkt nicht über die Tragweite seines Wirkens im Klaren gewesen zu sein. Ein Satz, der mehrfach fiel. «Ich wusste zwar, dass ‹es› nicht erlaubt war, aber ich realisierte nicht, dass ich damit jemanden verletzte», so der Beschuldigte weiter. Dies habe er nämlich nie gewollt, er sei sogar davon ausgegangen, dass die Jugendlichen ihn gemocht hätten. «Ich jedenfalls empfand sehr viel Sympathie für die drei», schob er hinterher.

Erhellende Aussagen

Dass die drei Opfer, heute allesamt zwischen 22 und 24 Jahre alt, zum Zeitpunkt der strafbaren Vergehen aber jünger als 16 Jahre, am Prozess als Privatkläger auftraten und zu den Vorkommnissen von damals befragt wurden, wirkte zumindest für Aussenstehende erhellend: Klar wurde, wie sich der Kontakt zwischen Täter und Opfer ergeben hatte: im Hallenbad Entfelden, rund um den dortigen Sprungturm nämlich. Irgendwelche Sprünge vom Einmeterbrett waren Auslöser. Man befragte sich, fachsimpelte wohl über Kopfsprünge und Salti ins Wasser und dann kam das «eine zum andern», wie man so schön sagt. Relativ früh schon erfuhren die Buben dann auch vom Beruf des Beschuldigten.

Ein Umstand, den der damalige Lehrer gemäss Aussagen eines Privatklägers dazu nutzte, sich als Nachhilfelehrer anzubieten. Allerdings wurde bereits die zweite Lektion für sexuelle Handlungen genutzt; dies nachdem der Beschuldigte seinem Schützling ein gewisses Quantum Bier – über welches an der Verhandlung widersprüchliche Angaben gemacht wurden – hatte zukommen lassen. Auch die Frequenz der Besuche beziehungsweise die Häufigkeit der sexuellen Kontakte blieb umstritten: Während das eine Opfer von 100 bis 150 Übergriffen innert eines Jahres sprach, dementierte der Beschuldigte und sprach allenfalls von 12 bis 15 Fällen. Just beim Versuch der Verifizierung dieser Frage wollte Orfei ein Lächeln im Gesicht des Beschuldigten ausgemacht haben, worauf er ihn anfuhr: «Was lached Dir so saublöd?!»

Unterbruch wegen Tränen

Wie sehr übrigens die jungen Männer an den seinerzeitigen Erlebnissen zu leiden haben, wurde bei der Befragung des zweiten Privatklägers deutlich. Der brach dabei nämlich in Tränen aus und verliess den Saal spontan, was zu einem mehrminütigen Verhandlungsunterbuch führte. Er wars denn auch gewesen, der unter anderem im Herbst 2006 vom Beschuldigten unter der Dusche im Hallenbad Entfelden an Geschlechtsteilen und zwischen den Beinen berührt worden war, wie die Anklageschrift ausführt. Dessen Bruder gehörte als «Sexualpartner wider Willen» ebenfalls zur Privatklägerschaft. Für die sexuellen Handlungen wurde der auf seinen Wunsch hin auch mit Geld (angeblich jeweils 60 Franken) belohnt.

Was denken die Eltern?

Ans Tageslicht gefördert wurde am ersten Prozesstag auch die Tatsache, dass die Erziehungsverantwortlichen der Opfer durchaus um die Bekanntschaft ihrer Kinder mit dem Lehrer wussten, logischerweise nichts aber von den sexuellen Kontakten. Zumindest im Fall des Privatkläger-Bruderpaares wars gar so, dass sich die Kontakte zwischen Beschuldigtem und der Familie verdichteten. Und beim andern Privatkläger? «Meine Eltern konnten davon ausgehen, dass ich verantwortungsbewusst mit meiner Freizeit umgehe», antwortete der auf die Frage Orfeis, was die Eltern denn zur verhängnisvollen Bekanntschaft gemeint hätten. Sie hätten nicht viel gesagt, allenfalls bemerkt, dass der Beschuldigte wohl ein Homosexueller sei. «Das haben sie aus dessen Gestik geglaubt, ablesen zu können», führte das Opfer weiter aus.

Am heutigen zweiten Verhandlungstag folgen die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der Rechtsvertreter der Privatklägerschaft und der Verteidigung. Das Urteil wird am 27. März erwartet.