Olten

«E söttige Gring hesch sälte vor dr Staffelei»

Regierungsrätin Esther Gassler mit ihrer Porträtistin Marie Theres Amici. Zwischen beiden ist so etwas wie Freundschaft entstanden.

Regierungsrätin Esther Gassler mit ihrer Porträtistin Marie Theres Amici. Zwischen beiden ist so etwas wie Freundschaft entstanden.

Porträtiert werden und porträtieren sind Ehre und Verpflichtung zugleich. Im Oltner Kunstmuseum kamen diesbezügliche «Täter und Opfer» gleichsam zum Wort.

«Jedes Porträt, das mit innerer Anteilnahme geschaffen wurde, ist das Porträt des Malers, nicht des Modells.» Das soll Oscar Wilde, der irische Schriftsteller, einst von sich gegeben haben. Vielleicht hatte er nicht ganz unrecht damit. Aber bestätigt darin wurde er nur teilweise gestern Abend. Regierungsrätin Esther Gassler und der Kunstmaler Franz Anatol Wyss (Porträtierte) hatten sich im Kunstmuseum Olten mit den Porträtierenden Marie Theres Amici und Martin Ziegelmüller zum Austausch getroffen. Hinzu kam ein Dialog zwischen Dorothee Messmer und Katja Herlach (beide Leitung Kunstmuseum) mit der Künstlerin Daniela Keiser über deren etwas spezielle Art des Porträtierens. So viel steht fest: Oscar Wildes Gedanke blieb zumeist aussen vor.

Warum eigentlich

Also: Austausch worüber? Gute Frage. Vielleicht über Porträtstile, bekannte Porträtisten, die Geschichte des Porträts. Vielleicht warum man porträtiert oder sich porträtieren lässt. Genau. Bei Esther Gassler wars so etwas wie amtliche Pflicht. «Als Landammann wird man so verewigt», meinte sie. Die Regierungsrätin fand über Umwege ihre Porträtistin in Marie Theres Amici. Bei Martin Ziegelmüller, so schien es, muss es die Lust sein auf Linien und Farbflächen, die schliesslich im ziegelmüllerschen Naturalismus aufgehen. Ähnliches mag für Daniela Keiser gelten, die fast zufällig, wie sie sagte, auf die Idee des in hiesigen Sphären sogenannten Stoffobjekts, des «Oltner Wickels» gekommen war. Eine Idee, die zu haben für Genuss sorgt, sowohl beim kunstverständigen Publikum wie bei der Künstlerin selbst. Die Idee nämlich, ein entbehrliches Kleidungsstück eines Oltners oder einer Oltnerin zu einem handlichen Paket zu knittern, falten und zu legen. Voilà. Und: «Jedes Paket erzählt eine Geschichte», so Daniela Keiser. Insofern halt auch ein Porträt, wenn auch der andern Art. Abgerechnet übrigens wird jeweils nach Gewicht. Schliesslich zahlt man Bohnen und anderes auf dem Markt und anderswo auch nach diesem Prinzip.

Da entsteht was

Es war in dieser lockeren Abendstimmung eines mit Sicherheit herauszuspüren: Beim Porträtieren entsteht was. Freundschaft vielleicht? Jedenfalls begegnen sich Esther Gassler und Marie Theres Amici, beide Frauen hatten sich vorher gar nicht gekannt, auch nach Beendigung der Porträtsessions noch immer. Irgendwie auch ein ideales Paar: Amici, die sich gelegentlich die Aufgabe gar nicht zutraute, liess sich von Esther Gassler immer wieder die Zweifel zerstreuen. «Ich wollte Esther Gassler nicht naturalistisch wiedergeben, das hätte ich auch gar nicht gekonnt», sagte sie. «Aber irgendwie muss man beim Betrachten des Bildes doch auch sagen können: Ah, das ist Esther Gassler.» Jetzt komme sie zum Schluss, die Bilder seien ein Produkt ihrer beider Wesen. Aha, da war er doch ansatzweise: der Geist von Wilde, der mit Amicis Satz ein bisschen durch die Gänge des Kunstmuseums wehte.

«Dich will ich mal porträtieren»

Freundschaft unter Männern hat offenbar etwas zu tun mit dem Anmelden von Bedürfnissen. «Dich will ich mal porträtieren», will Ziegelmüller seinerzeit zu Wyss gesagt haben. Natürlich hatte man sich vorher schon gekannt. Im Palais Besenval in Solothurn soll die erste Anfrage erfolgt sei, wie sich Franz Anatol Wyss erinnerte. Er habe nichts dagegen gehabt. Aber die Sache ging erst einmal vergessen. Ziegelmüller erkundigte sich ein zweites Mal nach der Verfügbarkeit Wyss’. Schliesslich fand man Zeit. «E söttige Gring hesch sälte vor dr Staffelei», sagt Ziegelmüller über die Porträtfestigkeit von Wyss, der wie selten einer immer wieder porträtiert wurde und wird. Ziegelmüller behielt das Werk schliesslich für sich, arbeitete immer wieder daran und hat dieses nun, zusammen mit einem weiteren seiner derzeit ausgestellten Bilder, dem Kunstmuseum vermacht.

Nach einer guten Stunde war das bislang bestehende Geheimnis der Porträtiererei gelüftet, während andere Fragen auftauchten oder allenfalls unbeantwortet bleiben. Sind porträtieren und porträtiert werden wirklich Ehre und Verpflichtung zugleich, wie zu Beginn im Artikel kolportiert wird? Und meint der auch spannend, der spannend sagt? Das Wort erlebte an diesem Abend nämlich eine ungeahnt hohe Inflationsrate.

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