Historisch
Drei Frauen und ihre Geschichte: So kamen sie zur Kleiderfabrik A. Gemperle in Olten

Die Geschichte, wie drei junge Frauen als Näherinnen zur Kleiderfabrik A. Gemperle in Olten kamen. An der alten Aarauerstrasse 24, wo sich heute die Heilpädagogische Schule (HPSZ) befindet, standen bis vor wenigen Jahren die Villa Erika und dahinter die Fabrikgebäude der Firma A. Gemperle & Co.

Urs Amacher
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Die 1886 erbaute Vorstadtvilla «Erika», die Fabrikantenvilla von Alfred Gemperle an der Aarauerstrasse 24.

Die 1886 erbaute Vorstadtvilla «Erika», die Fabrikantenvilla von Alfred Gemperle an der Aarauerstrasse 24.

Bilder: zvg/Archiv

Die Herrenkleiderfabrik von Alfred Gemperle entwickelte sich seit der Gründung 1923 aus bescheidenen Anfängen zu einem bedeutenden Textilunternehmen. 1961 wurde die Firma geschlossen. In ihrer Blütezeit fanden in der Gemperle-Fabrik bis zu 200 Beschäftigte Arbeit und Broterwerb.

Als Au-pair ins Welschland statt Damenschneiderin

Eine von ihnen ist die inzwischen 90-jährige Dora Bärtschi-Ulrich. Sie wurde als zweitälteste Tochter von insgesamt fünf Kindern des Kleinbauern Edmund Ulrich in Lostorf geboren. Ihr Wunsch war eigentlich, Damenschneiderin zu werden. Damals musste man jedoch dem Lehrmeister ein Lehrgeld bezahlen, um eine Berufslehre machen zu können, und dazu waren ihre Eltern finanziell nicht in der Lage. Sie ging deshalb für ein halbes Jahr als Au-pair ins Welschland und half auf dem elterlichen Hof. Als eine Bekannte aus dem Dorf ihren Arbeitsplatz bei Gemperle aufgeben wollte, konnte Dora Ulrich deren Stelle im Frühjahr 1946 übernehmen. Sie wurde von ihrer Vorgängerin an deren Posten angelernt. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit, während der sie im Stundenlohn angestellt war, arbeitete sie im Akkordlohn.

Doras Vater kaufte ihr ein Occasions-Velo. So fuhr sie jeden Tag von Lostorf nach Olten; nur bei ganz schlechtem Wetter nahm sie den Bus.

Das Heft, welches den Lohn bestimmte

Die industrielle Fertigung einer Uniform oder eines Herrenanzugs war stark fragmentiert. Jede Arbeiterin war nur für einen einzelnen Arbeitsschritt zuständig. Dora Ulrichs Aufgabe bestand darin, bei den Vestons die Ärmel an die Achseln zu heften und die Achseln auszupolstern. Der Vorarbeiter Julius Stutz kontrollierte die fertigen Jacketts an der Büste. Für jeden Kittel gab es einen Coupon, den die Näherin in ein grosses Heft einklebte; mit diesen Coupons wurde dann der Akkord-Lohn abgerechnet.

Für das Ausrüsten der Vestons kam sie auf einen Stücklohn von etwa 50 Rappen. Davon wurden noch einige Prozente als Lohnausgleich abgezogen; Gemperle hatte – noch bevor die AHV eingeführt wurde – 1943 eine Personalfürsorgestiftung errichtet.

Die Arbeitszeit dauerte von 7 bis 12 und 13 bis 18 Uhr und wurde mit der Stempeluhr kontrolliert. «Wenn es aber viele Aufträge gab, arbeitete ich auch über Mittag oder begann schon um halb sieben, da der Hauswart ohnehin schon da war und mich hinein lassen konnte», berichtet Dora Ulrich. «Dadurch konnte ich meinen Lohn etwas aufbessern.» Sie hatte Anrecht auf 1 Tag Ferien pro Jahr, zusätzlich zu den Betriebsferien, in denen sie dann allerdings auch keinen Lohn hatte. Eine gewerkschaftliche Organisation gab es bei Gemperle nicht.

Mit dem «Chacheliwagen» nach Olten

Für die Verpflegung war jede Arbeiterin selber verantwortlich. Die Firma stellte einzig im Untergeschoss einen Essensraum mit langen Tischen und Bänken bereit. Dora Ulrichs Mutter kochte das Mittagessen zu Hause vor, meist eine Suppe, einen Hauptgang und ein «Chnucheli» (Tasse) Milchkaffee. Anschliessend füllte sie die warme Mahlzeit in Alugefässe ab, umwickelte diese zum Warmhalten mit Zeitungspapier als Isolation und packte alles in ein Holzkistchen. Dieses brachte sie bis spätestens 11 Uhr zur Sammelstelle bei der Lostorfer Bushaltestelle. Dort nahm Renggli, ein Lostorfer Kleinbauer, das Essen in Empfang und führte es mit seinem einspännigen, rotbraun angemalten Speisenwagen, den sogenannten «Chacheliwagen», nach Olten.

Seine Tour führte über den Dampfhammer der SBB-Werkstätte – die «Strubi» – bis zur Gemperle-Fabrik. «Das Maul verbrannte man sich natürlich nicht, aber immerhin war es ein warmes Mahl», erinnert sich Dora Bärtschi-Ulrich. «Und damit die andern nicht ‹gueneten›, was für ein Menu man hatte, baute man Zeitungen zur Abschirmung um seinen Essensplatz.»

Auf Ende des Jahres 1950 kündigte Dora Ulrich bei der Firma Gemperle und wechselte zu Kleider Frey in Wangen. Nach ihrer Heirat 1951 mit Max Bärtschi, arbeitete sie vorerst noch zwei Jahre bei Kleider Frey weiter, um die Möbel abzuverdienen. Erst bei der Geburt des ersten Sohnes 1953 gab sie die Stelle auf.

Wie die Cousine zur Anstellung verhalf

Josefine «Fini» Annaheim, eine andere junge Frau aus Lostorf, arbeitete einige Jahre früher als noch Dora Ulrich bei Gemperle. Sie wurde am 3. März 1921 als drittes Kind des Ehepaares Maria Josefa und Johann Annaheim-Birrer geboren. Ihr Vater war Wagner. Den Eltern fehlte das Geld, um Josefine eine Berufslehre zu ermöglichen. Nach der Primar- und Bezirksschule in Lostorf ging sie deshalb, wie viele aus dem Niederamt, in die Bally-Schuhfabrik arbeiten.

Eine Cousine jedoch war Handarbeitslehrerin. Von ihr erhielt Fini einige Fertigkeiten im Nähen beigebracht. So konnte sie 1941 doch eine Stelle bei Gemperle in Olten annehmen. Den Arbeitsweg absolvierte sie entweder zu Fuss oder mit dem Bus. Das Mittagessen musste ihre Mutter vorbereiten und mit dem «Chacheliwagen» nach Olten bringen lassen. Bei Gelegenheit wechselte sie zur Unterwäsche-Firma Zimmerli, wo sie eine Anlehre als Weissnäherin machen konnte.

Wieder bei der Kleiderfabrik, spezialisierte sich Josy Wyser-Annaheim, wie sie nach der Heirat 1947 mit Franz Wyser hiess, auf das Nähen von Knopflöchern an Uniformen und Hemden. Hier hatte sie auch die Möglichkeit, die Aufträge in Heimarbeit zu erledigen. Ihre Tochter Lisbeth erinnert sich, wie sie als Kind ihre Mutter nach Olten in die Fabrik begleitete, wo Josefine die fertigen Kleidungsstücke jede Woche hinbrachte und neue Arbeit abholte. Sie erlebte den Niedergang der Firma Gemperle hautnah mit. Inzwischen war sie dreifache Mutter; sie widmete sich der Familie und engagierte sich im sozialen Bereich.

Zeitzeuge der Textilindustrie in Olten: das Fabrikgebäude der A. Gemperle.

Zeitzeuge der Textilindustrie in Olten: das Fabrikgebäude der A. Gemperle.

Bilder: zvg/Archiv

Fünf Rappen mehr Lohn pro geleistete Stunde

Eine Generation jünger als Josefine Annaheim ist Lea De Nobili. Ihre Geschichte ist beispielhaft für den Wandel in der Firma. Bis in die Fünfzigerjahre bot die Kleiderfabrik Gemperle Arbeitsplätze an, die ideal für die unverheirateten jungen Frauen der ländlichen Regionen um Olten waren. Die Löhne bewegten sich jedoch im Textilsektor in eher niedrigem Bereich. Deshalb wurden ab Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Stellen durch Gastarbeiterinnen besetzt.

So auch Lea De Nobili. Sie wurde 1938 als Lea Gozzi in Udine geboren. Im August 1957 heiratete sie Giovanni De Nobili und folgte ihm im September gleichen Jahres in die Schweiz nach. Bereits nach einer Woche in Olten konnte sie einen Arbeitsplatz bei Gemperle übernehmen. Sie wurde durch ihre Vorgängerin an jener Stelle angelernt.

Sie arbeitete in der Einzelanfertigung und nähte vorwiegend Gilets. In der Massschneiderei schlug sie zugeschnittene Stoffstücke, die mit Kreide angezeichnet waren, zu Faden, bevor diese in die Nähabteilung kamen.

Mein Stundenlohn betrug 1.50 Franken. Mein Mann verdiente als Schlosser 2.70 Franken.

(Quelle: Lea De Nobili-Gozzi)

Nach einiger Zeit bei Gemperle sprach ich einmal meine Vorarbeiterin Liliane, auch eine Italienerin, darauf an. Sie reagierte zuerst empört, gewährte mir dann aber doch eine Lohnerhöhung um 5 Rappen». Leas Arbeitskolleginnen waren alle aus Italien, die Umgangssprache war italienisch, wenn auch mit dialektalen Färbungen, weswegen Lea wegen ihrer hörbaren Herkunft aus dem Friaul oft aufgezogen wurde.

Ihr Arbeitsweg vom Wilerweg war nicht weit, sodass sie das Mittagessen zu Hause einnehmen konnte. Als die Firma Gemperle 1961 geschlossen wurde, wechselte Lea De Nobili-Gozzi zur Filztuchfabrik Munzinger und gab ein Jahr danach die Lohnarbeit zu Gunsten der Familie auf.