Sie habe nicht verstanden, warum sie als Frau nun diejenige sei, die etwas falsch gemacht habe. Ruth Knorr, ehemalige Seelsorgerin in der römisch-katholischen Pfarrei Gretzenbach, schien für einige Leute die Schuldige zu sein, als sie sich zu Beginn der Siebzigerjahre mit einem katholischen Priester liierte. «Warum haben Sie den jungen Vikar verführen müssen?», habe sie sich beispielsweise anhören müssen, nebst auch vorhandenen positiven Reaktionen. Dennoch: Die Frauen hätten in der katholischen Tradition immer eine untergeordnete Funktion gehabt.

Die Frage, welches Rollenbild die Frau in verschiedenen Religionen einnimmt, diskutierte Knorr diese Woche zusammen mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen im Oltner Tattarletti unter der Leitung von «Sternstunde Religion»-Moderatorin und Islamwissenschafterin Amira Hafner-Al Jabaji. Organisiert wurde die Runde von der städtischen Gleichstellungskommission.

Unter den Diskutanten befand sich in der Person von Werner Menzi auch ein Angehöriger eines bei uns eher exotischen Glaubens – jenem des Bahaitum, einer aus dem Iran stammenden, relativ jungen Religion.

Für ihn ist die Ungleichberechtigung von Mann und Frau erst durch die Kirchen entstanden: «Kein Religionsstifter hat die Frauen diskriminiert.» Baha’ullah, Begründer des Bahaitum habe die Gleichstellung ebenfalls extrem betont.

Auch im Islam sei eine Unterscheidung der Geschlechter erst später sichtbar geworden, warf Al Jabaji ein. Beispielsweise habe es in altarabischen Moscheen noch keine räumliche Trennung von Frau und Mann gegeben, wie man sie heute in islamischen Gotteshäusern kennt. Dies werde von kritischen Kreisen zwar oft als Benachteiligung ausgelegt, könne aber auch ein Schutz für die Frau sein.

Er empfinde diese Trennung ebenfalls nicht als Benachteiligung, stimmte SP-Gemeinderat Gökhan Karabas zu, der sich selbst als «leicht religiös erzogenen» Muslim bezeichnet. Im Gegenteil: «Wenn ich in einer Moschee bin, möchte ich mich konzentrieren können.» Eine Frau habe eben schon das Potenzial, ihn dabei abzulenken.

Handlungsmöglichkeit beschränkt

In der reformierten Kirche sei die Stellung der Frau eigentlich gut, sagte Katharina Fuhrer, die zunächst als Primarlehrerin tätig war, dann ein Theologiestudium absolvierte und heute Pfarrerin in der Oltner Pauluskirche ist. In ihrer Kirchgemeinde sei zum Beispiel ein Drittel der Führungspositionen von Frauen besetzt.

«Wenn ich katholisch gewesen wäre, hätte ich aber nicht Theologie studiert.» Denn in der katholischen Kirche wären ihre Handlungsmöglichkeiten als Frau beschränkt gewesen, hat sie das Gefühl. Hierbei käme es in der Schweiz aber auch darauf an, in welchem Bistum man tätig werden möchte, so Antonia Hasler, Seelsorgerin der katholischen Pfarreien Olten. Die Bistümer Basel und St. Gallen etwa seien relativ frauenfreundlich.

Eine Erfahrung, die auch Knorr gemacht hat. Als sie und ihr Mann sich dazu entschieden, gemeinsam eine Pfarrei leiten zu wollen, habe es beim Bistum Chur geheissen: «Das können Sie vergessen.» Ganz anders habe es dann beim Bistum Basel geklungen, das dem Paar gleich acht mögliche Stellen angeboten habe.

Hier sei sie als Frau auch zuvorkommend behandelt worden – und nicht als «Verführerin». Solange sich die oberste Leitung aber auf die Traditionen berufe, werde in der katholischen Kirche weiterhin eine gewisse Ungleichbehandlung herrschen. Ein baldiges Umschwenken sei nicht in Sicht: «Wenn die oberste Kirchenleitung endlich in der Gegenwart angekommen ist, ist die Basis längst in der Zukunft angekommen», so Knorr.