Theatergruppe Olten
Dieses Theater-Trio liess sich durch nichts aufhalten

Vor 30 Jahren riefen Daniel Hoch, Daniel Tröhler und Mike Müller die Theatergruppe Olten ins Leben. Heute bezeichnen die drei Theaterfans ihr damaliges Riesenengagement für das Projekt als Selbstausbeutung. Ein Rückblick.

Adriana Gubler
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Daniel Tröhler, Daniel Hoch und Mike Müller (vl) haben es mit der Theatergruppe weit gebracht.

Daniel Tröhler, Daniel Hoch und Mike Müller (vl) haben es mit der Theatergruppe weit gebracht.

Bruno Kissling

«Machen wir halt unsere eigene Theatergruppe» – dachten sich 1983 die drei guten Freunde und Schauspielfans Daniel Hoch (damals 23 Jahre alt), Daniel Tröhler (24) und Mike Müller (20), nachdem sie an der Kanti Olten zusammen Theater gespielt hatten und danach studierten.

Die spontane Idee vereinnahmte die Drei in den darauffolgenden Jahren komplett. Sie brachten eigene Stücke auf die Bühne und produzierten später erfolgreich Werke wie «Warte uf e Godot» oder «Pestalozzi», Regie führte immer Daniel Tröhler. Mit letzterer Freilichtaufführung gingen sie 1991 auf grosse Tournee und spielten gar in Berlin. Die Theatergruppe erhielt viel Aufmerksamkeit und war hin und wieder Stadtgespräch. Aus ihr ist später der Verein Theaterstudio Olten entstanden, der dem Oltner Theaterpublikum noch heute regelmässig Leckerbissen aus der Kleinkunstszene bietet.

Eine lange Proberaum-Odyssee

Die drei Gründerväter der Theatergruppe wussten allerdings zu Beginn ihrer Geschichte 1983 noch nicht, was sie mit ihrer Idee alles auf sich luden. Schnell einmal lancierte das Trio, das sich von Theaterprojekten an der Kantonsschule Olten her kannte, ein Inserat im Oltner Tagblatt und suchte nach Theaterbegeisterten jungen Leuten. «Wir haben einfach losgelegt. Wir waren uns nicht bewusst, was alles auf uns zukommen würde», erinnert sich Müller an die Anfänge.

Bald begann auch die Suche nach einem geeigneten Probelokal, die sich zur nervenaufreibenden Odyssee entwickelte. Begonnen hat sie in einem Nebenraum der Mehrzweckhalle in Starrkirch-Wil. «Diesen Proberaum verliessen wir aber fluchtartig», erinnert sich Daniel Tröhler. Denn das autogene Training der Theatergruppe sei kaum möglich gewesen, da gleichzeitig in der Halle Handball gespielt wurde. «Ständig knallten Bälle gegen die Wand», schildert Tröhler mit ironischem Unterton, «das war nicht so richtig entspannend.»

Später durfte die Theatergruppe in einer Beiz in Dulliken proben. «Die Heizung lief nie, es war immer eiskalt», berichtet Daniel Hoch. Irgendwann fand die Theatergruppe Unterschlupf in der Pauluskirche in Olten. «Wir schätzen noch heute sehr, was die reformierte Kirche uns mit diesem Proberaum ermöglicht hat», sagt Tröhler.

Richtig heimisch wurde die Theatergruppe aber erst 1990, als sie erstmals über einen eigenen Raum verfügte, in der Industrie neben den SBB-Gleisen.

Die Rede ist von Selbstausbeutung

Nicht nur für diese Proberaum-Odyssee, sondern überhaupt für das ganze Projekt investierte das Trio eine Menge. «Zwischendurch kam es etwa einem 50-Prozent-Pensum gleich», erinnert sich Tröhler. Und Hoch ergänzt: «Bei den grösseren Produktionen haben wir an fünf Abenden in der Woche geprobt, das war schon enorm.»

Mike Müller spricht sogar von «Selbstausbeutung»: «Wir konnten uns nie etwas auszahlen, wir haben nur investiert», sagt der Kabarettist und Schauspieler, korrigiert sich aber sogleich: «Bei ‹Warte uf e Godot› zahlten wir uns zum ersten Mal eine Gage, 1500 Franken. Ich habe das ganze Geld in eine Schreibmaschine mit externem Bildschirm investiert.» Schmunzelnd fügt er an: «Ich rechnete nicht damit, dass der Computer so schnell kommen würde.»

Die Mittel der Theatergruppe waren tatsächlich bescheiden. Das Freilichttheater «Pestalozzi» etwa bestritten sie mit einer Lichtanlage, die nach Angaben der Gründerväter nicht wirklich für einen solchen Einsatz gedacht war.

Transportiert haben sie ihr Technikmaterial und die Bühnenbilder jeweils selber in einem Kleinbus. Erlebnisreiche Roadtrips standen mit diesem Gefährt an. Einmal waren Daniel Hoch und Mike Müller für den Rückweg von Braunschweig nach Olten 18,5 Stunden unterwegs. «Zweimal ist der Pneu geplatzt, im Abstand von zwei Stunden», erzählt Müller. «Und als ich Dani um drei Uhr morgens in Starrkirch absetzte, gab auch noch der Anlasser den Geist auf.» Das war zu viel für den übermüdeten Mike Müller. Stinksauer liess er den Kleinbus an Ort und Stelle stehen und machte sich zu Fuss auf den Heimweg.

Auch für anständige Unterkünfte an den Spielorten war kaum Geld übrig. So quartierte sich die Gruppe meist bei Freunden und Bekannten ein – oder stellte das Nachtlager halt auf der Bühne auf. «Mitte Zwanzig nimmt man solche Sachen noch auf sich», sagt Tröhler.

Den absoluten Tiefpunkt erlebte die Gruppe in Hannover. «Wir spielten in einem Saal mit 400 Plätzen vor nicht mehr als 12 Zuschauern, einer von ihnen litt an Hospitalismus», beschreibt Müller die Szenerie. Die Vorstellung, so erinnern sich alle Drei, war eine der schlechtesten. Am folgenden Abend, im Salzgitter Bad, war die Vorstellung dann aber ausverkauft – allerdings in einem kleinen Raum.

Wegbereiter für Schauspielkarriere

Längst erlebte die Truppe aber mehr Glanz- als Tiefpunkte. Die drei Gründerväter sprechen von einer prägenden Zeit mit vielen Highlights. «Für mich war es immer das Schönste», sagt Tröhler, der jeweils als Regisseur amtete, «wenn die Gruppe gut gespielt hat. Bei ‹Pestalozzi› waren alle Schauspieler derart überzeugend – das beeindruckt mich noch heute.» Es ist also nicht verwunderlich, dass die Drei mit der Theaterkunst und dem Theaterstudio noch heute eng verbunden sind. Und einer von ihnen verdient heute bekannterweise sogar seine Brötchen damit.