Olten
Dieser Künstler schläft freiwillig vier Tage in einem Schaufenster

Nikolai Hodel übernachtet hinter Glas: In der Bahnhofsunterführung im Schaufenster von art i.g., der «Plattform für Kunst & Kultur» in Olten.

Isabel Hempen
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Im art i.g.-Schaufenster in der Bahnhofsunterführung hat sich Nikolai Hodel temporär eingerichtet.

Im art i.g.-Schaufenster in der Bahnhofsunterführung hat sich Nikolai Hodel temporär eingerichtet.

Bruno Kissling

Schaufensterkunst? Nikolai Hodel ist sich schon bewusst: Das ist nicht die neuste aller Ideen. Trotzdem wird er zwischen dem 21. und 25. August hinter einer Glasscheibe übernachten. In der Bahnhofsunterführung im Schaufenster von art i.g., der «Plattform für Kunst & Kultur» in Olten. Herr Hodel, das müssen Sie erklären.

Klein wohnen: Zukunftsmodell?

«Es ist ein Selbstexperiment», sagt der 34-Jährige. Er ist in Olten aufgewachsen und lebt und arbeitet in Basel. Kunst macht er schon seit Jahren. Seine Gemälde und Fotografien hat er etwa schon im Coq d’Or und im Schauraum ausgestellt. «Aber das ist das erste wirkliche Aktionskunstprojekt», sagt er.

Die Idee dazu entstand, als ihm angeboten wurde, das art i.g.-Fenster als Ausstellungsraum zu nutzen. «Wenn ich selber reinsitzen würde – das wäre richtig abgefahren», dachte er sich. Und wusste, die Aktion müsste was zu tun haben mit dem Gedanken der japanischen Kapselhotels, der ihn schon länger beschäftigte.

Eine Frage treibt ihn nämlich um: Brauchen wir alle so viel Platz? «Das Schweizer Mittelland ist überzogen mit Büroflächen und Lagerhallen. Sie sind unsere Kultur geworden – das möchte ich hinterfragen», sagt er. In Tokio etwa werde gezwungenermassen auf kleinstem Raum gewohnt und gearbeitet. Und aus der Notwendigkeit sei Trend geworden. Im 1972 erbauten Tokioter Kapselhotel von Kisho Kurokawa etwa betrage die Dimension einer Kapsel 2,3 × 3,8 × 2,1 Meter. Jedes dieser «Hotelzimmer» beinhalte Nasszelle, Kochnische, Wohn- und Stauräume. In Japan gebe es Menschen, die nur noch in solchen Kapselhotels leben, ihr Hab und Gut bewahrten sie in Schliessfächern auf. «Ich glaube, ich würde mich eine Zeit lang sehr wohl fühlen in einer Welt, wo du bloss eine Metrokarte, einen Laptop, eine Einnahmequelle und ein Schliessfach hast und dafür die Metropole um dich», sagt Hodel.

Auf kleinster Fläche wohnen: Muss uns so etwas in der Schweiz interessieren? Hodel meint: ja. Die Zersiedlung habe einen enormen Einfluss auf Ökosysteme und diese wiederum auf die Gesundheit von Mensch und Tier. «Die Fähigkeit des Menschen, sich mittels Kultur schnell an die Umweltverhältnisse anzupassen, macht ihn zu einer Superspezies. Daher konnte sie sich global ausbreiten», weiss der studierte Biologe mit einem Abschluss in Epidemiologie. «Also muss auch die Fähigkeit vorhanden sein, mit der Zersiedelung umzugehen.»

Nun möchte er am eigenen Leib erfahren, wie sich ein physisches Zusammenrücken anfühlt. Ob es auch ein Aufeinanderzugehen bedeutet. Vier Nächte lang wird er im Schaufenster übernachten, das mit einer Matratze, Bettzeug, einer Nachttischlampe und wenig mehr ausgestattet ist. Er wird morgens aus dem Fenster steigen, den Zug nach Basel nehmen, zu Hause in seiner Wohnung duschen und anschliessend zur Arbeit fahren. Abends kommt er wieder nach Olten, wo seine temporäre Bleibe auf ihn wartet. Er hat allerdings nicht vor, sehr viel Zeit darin zu verbringen. Nur schlafen möchte er darin. Während dieser Zeit wird er den Vorhang ziehen.

Ein Skizzenbuch und einen persönlichen Fragenkatalog nimmt er mit in die Vitrine. Wie wird es sich anfühlen, so nahe an den Leuten zu leben? So ausgeliefert? Mit einer ungewohnten Geräuschkulisse, ungewohnten Lichtverhältnissen? Und das in unmittelbarer Nähe des berüchtigten Ländiwegs? Der bereitet ihm keine Sorgen: «Ich habe keine Angst. Es ist Olten», meint er lachend. Die Ergebnisse seiner Studie wird er später in einem Büchlein publizieren.

Einen Testlauf hat er bereits in der Nacht vom 17. auf den 18. August absolviert. Schaufensterkunst? «Hat man definitiv schon gesehen», sagt er. Sein künstlerischer Ansatz: «Es geht nicht allein darum, mich auszustellen.» Als Wissenschaftler ist ihm das Zusammenfügen von Forschung und Kunst wichtig. Deshalb arbeitet er einen Fragenkatalog ab. Die Kunst liegt seiner Meinung auch darin, den Mut haben, «es zu tun». Sich zu exponieren. Und ein solches Experiment durchzuführen.