Trotz Mittelhandbruch
Diese drei Oltner vertreten die Schweiz an der Lacrosse-Weltmeisterschaft in Israel

Drei Oltner vertreten die Schweiz an der WM in Israel – Jonathans Schreibers Einsatz steht nach dem Mittelhandknochenbruch auf der Kippe. Nicht das erste Drama im Vorfeld einer WM.

Jakob Weber
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Zwei Nati-Stars und ein Spitzenschiedsrichter: Jonathan Schreiber (links), Joel Fischer (Mitte) und Florian Bachmann posieren vor einem Lacrosse-Tor.

Zwei Nati-Stars und ein Spitzenschiedsrichter: Jonathan Schreiber (links), Joel Fischer (Mitte) und Florian Bachmann posieren vor einem Lacrosse-Tor.

Bruno Kissling

Das Röntgenbild zeigt es deutlich. Der äussere Mittelhandknochen der linken Hand ist gebrochen. Zugezogen hat sich Jonathan Schreiber (27) diese Verletzung im Halbfinale der Final Fours. Dort traten am 9. Juni 2018 die besten vier Schweizer Lacrosse-Teams an, um den Meister-Titel unter sich auszumachen. Schreibers Olten Saints hatten die Regular Season als Zweiter beendet. Besser war das 2008 gegründete Team nie. Auch ohne ihren verletzten Spielertrainer verloren sie das Finale gegen Serienmeister Zürich trotz Halbzeitführung noch knapp mit 8:10. Was wäre wohl gewesen, wenn die Hand Schreibers heil geblieben wäre?

Der Verletzte hat keine Zeit sich lange mit der Vergangenheit zu beschäftigen, denn das Jahres-Highlight steht vor der Tür. Nur 33 Tage nach dem Bruch will Schreiber mit der Schweizer Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft in Israel beim ersten Gruppenspiel gegen die Slowakei wieder mittun. «Jetzt muss ich eine superschnelle Heilung hinlegen», sagt er. Sein Arzt meint: «Es wird knapp und kritisch.»

Vier Schreibers für die Olten Saints (von links): Samuel, Jonathan, Daniel und Benjamin. Vier Schreibers für die Olten Saints (von links): Samuel, Jonathan, Daniel und Benjamin.

Vier Schreibers für die Olten Saints (von links): Samuel, Jonathan, Daniel und Benjamin. Vier Schreibers für die Olten Saints (von links): Samuel, Jonathan, Daniel und Benjamin.

Zur Verfügung gestellt

Bereits vor vier Jahren gab es im Hause Schreiber kurz vor der letzten Weltmeisterschaft ein Drama. Jonathans Zwillingsbruder Benjamin schaffte beim Ausleseprozess fürs Nationalteam den letzten Cut nicht und darf nicht mit nach Denver. Jonathan schon und das obwohl Benjamin länger Lacrosse spielt und zumindest in den Augen seines Bruders «der talentierteste Schweizer Spieler» ist. «Benjamin hat beim letzten Nati-Training vor der Entscheidung überragend gespielt und vier Tore gemacht. Deswegen war er nach der Entscheidung natürlich sehr enttäuscht. Ich habe mich über meine erste Nati-Nominierung gefreut und gleichzeitig sehr schlecht gefühlt», sagt Jonathan Schreiber heute. An der WM überzeugt die Schweiz. Am Ende wird sie auch wegen des starken Debütanten aus Olten 15.

Der Virus Lacrosse

Das Lacrosse-Fieber verdanken die Schreibers ihrem älteren Bruder Samuel. Nach einem Sprachaufenthalt in Kanada begeistert er sich für den Nationalsport Lacrosse und fängt bei den kurz vorher gegründeten Olten Saints mit dem Spielen an. Zunächst versucht Samuel vergeblich, seine drei jüngeren Brüder mit ins Boot zu holen. Doch einer nach dem anderen lässt sich überreden. Im Herbst 2011 gibt kurz nach Benjamin auch Jonathan nach. Nach dem ersten Training verliebt er sich sofort in das von den Indianern erfundene Spiel.

Zehn Spieler versuchen dabei, einen Hartgummiball mithilfe des Lacrosseschlägers, einem Stock mit einem taschenartigen Netz am Kopfende, möglichst viele Tore zu schiessen. Funfact am Rande: Die Ureinwohner Nordamerikas haben auch heute noch ihre eigene Nationalmannschaft. «Physisch, technisch, taktisch und mental. Dieser Sport bringt alles mit», erklärt Berufsschullehrer Schreiber seine Faszination.

Wenig später steckt sich auch der jüngste Bruder Daniel mit dem Lacrosse-Virus an. Der vierte Schreiber bei den Olten Saints stellt sich ins Tor und damit Geschossen von bis zu 150 km/h in den Weg. Kein Sportgerät ist schneller als der Hartgummiball, der aus den Netzen eines Lacrosse-Schlägers geschossen wird. Zur WM nach Denver 2014 reist ein Grossteil der Familie Schreiber mit. Ein Jahr später, bei der Hallen-WM in Syracuse (USA), spielen Jonathan, Benjamin und Daniel gemeinsam für die Schweiz, der Papa und der verletzte Bruder Samuel schauen auf den Tribünen zu. Auch an der EM 2016 in Budapest – die Schweiz wird
6. von 24 Teams – und der Hallen-EM 2017 (9. Rang) im finnischen Turku ist Jonathan Schreiber mit dabei. Die jährlich rund 8000 Franken für Reisen und Material und die 20 Wochenenden, an denen er für seinen Sport unterwegs ist, nimmt er gerne in Kauf.

Seit 2013 gehören die Olten Saints zu den drei besten Schweizer Lacrosse-Teams. Mittlerweile sind sie ein richtig verschworener Haufen geworden. «Wir haben ein sehr cooles Team, die Wertschätzung ist gross und auch abseits des Platzes gibt es bei uns viele Freundschaften», sagt Schreiber. Zwei weitere Oltner begleiten den Routinier nach
Israel. Saints-Präsident Joel Fischer spielt zwar nicht für die Nati, hat es aber zum ersten Mal als einer von zwei Schweizern in den erlesenen Kreis der WM-Schiedsrichter geschafft. Dazu sitzt auch Florian Bachmann Anfang Juli im Flieger nach Israel. Der 27-Jährige gehört zu Schreibers besten Kollegen und wird während der kommenden Weltmeisterschaft erstmals das Schweizer Nati-Trikot tragen.

Nati-Spieler in nur drei Jahren

Schreiber und Bachmann kennen sich bestens. Die beiden gingen gemeinsam in Olten in die Kanti und sind seitdem beste Freunde. Auch Bachmann, der heute Projektleiter bei einer Softwarefirma ist, hat Sport studiert. Allerdings in Bern, wo er heute noch wohnt und mittlerweile Informatik studiert. Erst seit 2015 spielt er für die Olten Saints Lacrosse. Drei Jahre nach dem Einstieg in die neue Sportart freut sich Bachmann jetzt «wie ne Moore» auf sein Nati-Debüt. «Flo ist wahnsinnig talentiert und hat schnell gelernt», lobt Schreiber seinen Teamkollegen. Bachmann rückte als einer der letzten in das WM-Aufgebot und würde am liebsten an der Seite seines besten Freundes für die Schweiz auflaufen. «Wenn es einer schafft, seine Hand in nur vier Wochen heilen zu lassen, dann Joni», sagt Bachmann. «Wenn es nur irgendwie geht, wird er spielen.»

Noch nicht genug? So feiern die Olten Saints: