Selbstlosigkeit oder Egoismus, Leben oder Tod? Darüber galt es im interaktiven Spielfilm «Late Shift» zu entscheiden, der vergangenen Sonntag im Youcinema Oftringen und am Donnerstag im Youcinema Olten gezeigt wurde. Quasi zeitgleich also mit dem Fernsehexperiment «Terror – Ihr Urteil», das letzten Montag über die Schweizer Fernsehbildschirme lief.

Beiden Formaten gemein: Die Zuschauer konnten den Verlauf der Handlung beeinflussen. Per Telefonanruf und online in letztem, per Smartphone-App in erstem Fall.

«Your decisions are you», bescheidet mir die App «CtrlMovie», die ich kurz vor Beginn der schweizerisch-englischen Co-Produktion im Youcinema Olten aufs Handy geladen habe. Ich sei also, was ich entscheide. Das wage ich im Laufe der Geschichte noch anzuzweifeln. Aber hinein ins Geschehen: Der Mathematikstudent Matt jobbt als Wachmann in einer Autogarage in London, in der Luxuswagen parkiert sind. Als er den Diebstahl einer der Karossen verhindern will, wird er gekidnappt. Und genötigt, sich an einem Kunstraub zu beteiligen.

Mal bis hierher. Meine Mitgucker im Saal und ich hatten bereits einige Entscheidungen zu treffen: Alle paar Minuten muss in der App innerhalb von wenigen Sekunden zwischen zwei oder drei Handlungsmöglichkeiten gewählt werden. Als Matt von einem seiner Entführer kurzerhand zum Komplizen gemacht wird, wird er aufmüpfig: «Was bekomme ich dafür?» Sollen wir akzeptieren, dass er leer ausgeht? Damit möchte sich das Publikum nicht abfinden. Am Screen entscheiden wir: «Dränge ihn weiter.» Gut für Matt, er kriegt doch was vom Gewinn ab.

Dann nimmt die Story Fahrt auf: Die Bande raubt aus einem Auktionshaus eine wertvolle chinesische Porzellanschüssel. Und zieht damit den Zorn einer chinesischen Familie auf sich, die die Antiquität mit unzimperlichen Methoden in ihren Besitz zu bringen sucht. Wie die Geschichte ausgeht, ist ganz allein dem Publikum überlassen – der Film hat sieben mögliche Enden.

Der offizielle Trailer zum Film Late Shift

Der offizielle Trailer zum Film Late Shift

In unserem Fall endet dieser nach rund 70 von möglichen 80 Minuten mit einem Duell zwischen Matt und seinem chinesischen Peiniger. «Erschiesse ihn» oder «Lass ihn am Leben?»: Die Mehrheit ist für Erschiessen. Held Matt ist jetzt tot und der Film abrupt zu Ende.

Klingt zwar brutal, macht im Kino aber Spass. Weil hier zwei völlig gegensätzliche Ebenen aufeinandertreffen: Einerseits der Film, der allein schon von der düsteren Farbgebung und Handlung her Kälte ausstrahlt. Andererseits die Entscheidungsfragen, die einen ironischen Kontrast dazu bilden. Manchmal lassen wir Matt gute Dinge tun, dann wieder soll er einen unschuldigen Mitwisser würgen.

Nach erfolgter Entscheidung – der Film läuft jeweils nahtlos weiter – kichern die Zuschauer im Saal zuweilen vor sich hin. Weil es ganz lustig ist, den Protagonisten auch einfach mal voll reinlaufen zu lassen. Oder ihn egoistisch handeln zu lassen, etwa wenn er für einen Gefallen Geld verlangt. Und sich dann mit der genannten Summe nicht zufriedengibt, sondern gleich darauf noch mehr fordert.

Vergnüglich ist das, weil man sich in der Realität natürlich ganz anders verhalten würde. Auf der Leinwand kann man analog einem Videogame ausprobieren, was wäre wenn. Das Publikum in Olten war wohl zu übermütig: Das Ende befriedigte nach der spannungsgeladenen Handlung des wirklich gut gemachten Films nicht so richtig. Man müsste ihn wohl nochmals sehen.

Gemäss Koni Schibli, Betreiber des Youcinema, handelte es sich um einmalige Vorführungen in den beiden Kinos. Da die Produktionsfirma hinter «Late Shift» nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, wurde der Film kaum beworben. In Olten hatte er denn auch nur 25, in Oftringen gar nur 9 Zuschauer. Dennoch würde Schibli sich wieder auf ein solches Experiment einlassen: «Flexibilität und Experimentierfreudigkeit zeichnet das Kino aus.»