Olten

Die witzige, grausame Wahrheit

Gastkuratorin Clare Goodwin (zweite von rechts) im Gespräch mit Kuratorin Dorothee Messmer (rechts). Vor den Blumen Historiker André Schluchter.

Gastkuratorin Clare Goodwin (zweite von rechts) im Gespräch mit Kuratorin Dorothee Messmer (rechts). Vor den Blumen Historiker André Schluchter.

Ein persönlicher Abend an der Vernissage zur Ausstellung «The Museum of the Unwanted» im Kunstmuseum Olten.

Den Abend der Vernissage zu «The Museum of the Unwanted» im Kunstmuseum Olten widmete man dem Schweizer Künstler, Pascal Danz. Vor wenigen Tagen verunfallte er auf einer Wanderung in Island. Der Berner hatte den Sprung in den internationalen Kunstmarkt geschafft und hinterlässt zahlreiche Kunstwerke, darunter seine beiden Bilder «Voodoo Child» und «Exotic Vintage Dancer» die im «Museum of the Unwanted» zu sehen sind.

Hier soll erläutert werden, welche drei Dinge der Vernissage des «Museum of the Unwanted» letzten Freitagabend an mir haften blieben: Erstens die Überlegungen zum materiellen Überfluss, zweitens, die leckere Resten-Suppe und drittens, the wonderful british accent.

Zum materiellen Überfluss

André Schluchter, Leiter der Abteilung Kulturpflege des Kanton Solothurns, stellte die essenzielle Frage: «Wir leben in einer Welt des materiellen Überflusses. Wie gehen wir damit um?» Manche Leute geben ihre alten oder ungenutzten Dinge weg, verkaufen oder verschenken sie, andere lassen sie dort stehen, wo sie sind. So füllen sich langsam aber sicher Wohnungen, Büros, Ateliers, Handtaschen oder Autos. Wohin wir auch blicken, der Überfluss schreit uns förmlich an.

Zu gewissen Gegenständen baut man eine emotionale Bindung auf. Aber wie auch der Mensch, altern diese Gegenstände ebenfalls und werden ersetzt durch neue und modernere. Es sind ja nur Gegenstände, also kann man sie gnadenlos abservieren. Wir besitzen ständig mehr, ohne ein Sättigkeitsgefühl zu erreichen. So viel Materielles, ohne Verwendung.

Die weisse Tischlampe die einst unsere nächtlichen Lernstunden erhellt hat, die goldene Tisch-, und Drehpendeluhr unter der Kuppel, die wir als Kind nicht anfassen durften, der gekreuzigte Jesus, der neben dem alten Kabeltelefon rumlag, die leeren Zigarettenpackungen, die sich in der Handtasche sammelten; All das nahmen Clare Goodwin und ihr Künstlerteam in ihre Ausstellung auf. Sie setzten solche «wertlose Objekte» künstlerisch in Szene. Die Besucher sollen mit «verrosteten Seelen» konfrontiert werden.

Die Idee, aus ungewollten Dingen, Kunst zu erschaffen ist nicht neu. Bereits Kindergartenkinder bedienen sich beispielsweise der WC-Papier-Rollen oder alten Socken, um zu basteln. Da die Idee aber auf spielerische Art und Weise von renommierten Schweizern, britischen, amerikanischen und belgischen Künstlern umgesetzt wird, erhält sie eine witzige Essenz, die sehr ernst genommen wird. «Ich finde die Videoinstallation sehr witzig umgesetzt. So frisch! Die Arbeit verliert aber trotzdem keinerlei Ernsthaftigkeit.», sagt die Zürcher Künstlerin Judith Ditzel.

Ich weiss genau, was sie meint. Die Videoinstallation begleitet durch Partymusik, zeigt tanzende Objekte wie gelbe Putzhandschuhe, Kabeltelefone, Teddybären, Bügeleisen, Tier-Stickers, oder Schlüssel und verleitet auch mich zum Tanzen. Die Ansammlung der eher klassisch gemalten Gemälde, die einen 9GAG- Prozess hinter sich haben (Schriftzüge zieren die Leinwand), Zeichnungen die aus Handtuch-Anlagen heraushängen, farbig ansprühte Hosen und Türen, Fotografien von Krügen denen Gesichter verpasst wurden oder das Porträt eines Lineals erwecken in mir Heiterkeit. Das Thema des Überflusses ist aber ernst.

Täglich neue Kunst

Schluchter spricht konkret den materiellen Überfluss in der Kunstszene an: «Täglich entstehen neue Werke. Wie räumen wir diesen Platz ein?» Vielleicht indem man zunächst alte Werke in neue Kreationen verwandelt (wie Goodwin und Co.), indem man sich zuerst von Werken bedient die bereits im Depositum herumliegen, bevor Neue zum Zug kommen (ebenfalls wie Goodwin und Co.) oder indem man sich als Künstler die Frage stellt, ob das Werk für die Ewigkeit gedacht ist oder nur für eine bestimmte Zeit.

So lassen sich Materialien an die geplante Dauer anpassen, damit sie je nach Wartezeit im Depositum nicht beschädigt werden. Kuratoren wüssten auch, welche Werke, aufgrund ihrer Materialwahl, möglichst bald präsentiert werden müssten. «Den Kunstschaffenden gelingt es, uns zum Nachdenken zu bringen», sagt Schluchter zum Schluss. Das kann ich bestätigen.

Reste sind lecker, right?

An diesem Abend wurde viel British -English gesprochen. Viele Engländer sassen mit mir am Tisch, als es ein feines z’Nacht gab. Ganz nach dem Motto Recycling gab es eine Resten-Suppe.

Unter ihnen sass Shaan Syed aus London, der nach Zürich kam um seine Ausstellung vorzubereiten und extra wegen Goodwin nach Olten gereist ist. Viele waren Künstler-Kollegen von Goodwin, die entweder von England eingereist sind oder bereits in der Schweiz, aufgrund von eigenen Projekten waren. Man bedenke dass 7 von 13 Künstler des «Museum of the Unwanted», Briten sind, da erstaunt das englische Ambiente nicht.

Die drei beteiligten Schweizer Künstler sind Zürcher. Deshalb hörte man auch überwiegend viel Züri-Dütsch innerhalb des Kunstmuseums. Der Künstler Roman Keller kam extra aus Zürich wegen der Künstlerin, konnte aber bisher noch nicht viel sehen, da er viele seiner Kollegen dort antraf, die er länger nicht mehr gesehen hatte. Egal ob wegen den ausgestellten Resten oder den Resten im Topf, beide waren einen Besuch wert.

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