Jubiläum
Die Volkshochschule Olten feiert ihren 70. Geburtstag

Rund 70000 Studierende durchliefen die Volkshochschule Olten seit seiner Gründung. Den Anfang im Winter 1944/1945 machten sechs Kurse; vom Flugwesen übers Wochenbett bis hin zur Psychologie.

Thomas Kellerhals
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Die Gründergeneration, fotografiert anlässlich des 50-jährigen Jubiläums mit v.l. Ernst Uhlmann, Hans Roth, Walter Kamber, Gottfried Moser und Lotte Künzli (nicht im Bild Richard Müller)

Die Gründergeneration, fotografiert anlässlich des 50-jährigen Jubiläums mit v.l. Ernst Uhlmann, Hans Roth, Walter Kamber, Gottfried Moser und Lotte Künzli (nicht im Bild Richard Müller)

zvg

Am 23. Oktober 1944 gründete eine Gruppe von tatkräftigen Oltnern die Volkshochschule. Das Wesen dieser Schule und ihre jeweiligen Ziele haben sich im Laufe der Zeit verändert. Geblieben ist ihre starke Verankerung in der Region.

Bereits 1919 wurden unter dem Eindruck der damaligen politischen Krise, die sich im Landesgeneralstreik von 1918 manifestiert hatte, in den drei Universitätsstädten Basel, Bern und Zürich die ersten Volkshochschulen ins Leben gerufen.1944 schossen dann die Volkshochschulen wie Pilze aus dem Boden. Von Dänemark über Deutschland schwappte die Idee auch auf die Schweiz über und konnte Private und Behörden überzeugen, dass die Erwachsenenbildung einem grösseren Bedürfnis entsprach. In Deutschland wurde die Philosophie der Volkshochschulen schnell von den Politikern übernommen. Sie sind dort denn auch weitgehend staatlich geführt. Nicht so in der Schweiz. Hier blieb die Erwachsenenbildung weitgehend Sache privater Organisationen. Der Staat beschränkte sich darauf, in begrenztem Masse Beiträge zu gewähren. Ohne das grosse Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter hätten diese Schulen in der Schweiz nie überleben können.

Zwei Männer

Die Initianten der Volkshochschule Olten waren der Architekt Walter Kamber und der Sprachwissenschafter und Kunsthistoriker Richard Müller. In einem Artikel in den «Neujahrsblättern» von 1948 haben sie die Ziele der Volkshochschule sehr prägnant umschrieben: «Die Volkshochschule soll als Gegensatz zu unserem üblichen Kunst- und Kulturbetrieb, welcher sein Publikum in einen Konzert- oder Vortragssaal verpackt, ihm ein gewisses Quantum Musik oder einen Vortrag an den Kopf wirft, verstanden werden. Erwachsenenbildung darf nicht einfach eine Verlängerung der Schulstube sein; Bildung kann nur erwerben, wer an sich selbst arbeitet.»

Dieses Programm war eine Absage an einen blossen Kulturkonsum und betonte bereits damals die aktive Teilnahme der Kursteilnehmer.

Nach dem Wegzug von Walter Kamber übernahm Richard Müller die Leitung der Volkshochschule und befasste sich primär mit der Organisation und Auswahl der Kurse. Lotte Künzli als Sekretärin und Hans Roth aus Zofingen als Betreuer der Sprachkurse standen ihm zur Seite. Richard Müller führte und prägte die Schule von 1957 bis zu seinem Tod im Jahre 1976. Unter seiner Leitung, immer noch weitgehend ehrenamtlich, wurde die Schule leicht redimensioniert, weil, besonders im Zeitalter der wirtschaftlichen Hochkonjunktur und unter dem Einfluss des Fernsehens, die Erwachsenenbildung anderen Bedürfnissen gerecht werden musste. Schon fast legendär waren seine mit grossem Fachwissen geleiteten Kunstexkursionen.

Nach dem Tod von Richard Müller führte Lotte Künzli die Volkshochschule allein weiter. Ihr ist es zu verdanken, dass die Schule mit geschickter Auswahl von pädagogisch geeigneten Dozenten und hochstehender Kurse ihren Stand und ihren hervorragenden Ruf beibehalten konnte. 500 bis 700 Teilnehmer pro Jahr besuchten in jener Zeit die Kurse. Generalversammlungen wurden mangels Interesse keine mehr abgehalten. Nach ihrem 75. Geburtstag begann sich Lotte Künzli Gedanken über ihre Nachfolge zu machen. In Urs B. Zwick, Gymnasiallehrer für Wirtschaft und Recht, der sich schon früher für die VHS eingesetzt hatte, fand sie endlich einen neuen Präsidenten. Er übernahm die Volkshochschule 1986 zusammen mit seiner Frau, Marlis Born Zwick. Da die Zeit für die Erwachsenenbildung besonders günstig war, leiteten die beiden verschiedene Änderungen ein:

ein festes Sekretariat wurde eingerichtet und damit eine Teilprofessionalisierung eingeleitet

Das Kursangebot wurde systematisch auf neue Themenbereiche ausgeweitet

Die Vortragskurse wurden grösstenteils durch Arbeitskurse ersetzt

Die Volkshochschule wurde durch Kanton und Gemeinden mit der Übernahme von ca. 20 Prozent der Gesamtkosten finanziell unterstützt.

Im Oltner Anwalt Rolf Liniger konnte anfangs der 90-er Jahre ein neuer, motivierter Präsident gefunden werden, Urs B. Zwick übernahm weiterhin die Geschäftsleitung, der Gymnasiallehrer Gaetano Serrago war für die pädagogische Leitung der Sprachkurse verantwortlich, und Annemarie Grossenbacher betreute das Sekretariat mit Buchhaltung und Kursbetreuung.

Seit 1999 ist Susanne Liniger für das Sekretariat verantwortlich.

Kantonale Bildungspolitik

Das Kantonale Bildungsgesetz verlangte vom Kanton in einem speziellen Artikel auch Massnahmen in der Erwachsenenbildung. Eine Studie des Bildungsspezialisten Federer forderte eine Teilprofessionalisierung der Schulen und wesentlich höhere Beiträge des Kantons. Aus dieser Studie entstand der Antrag an die Finanzkommission und den Kantonsrat, die Volkshochschulen finanziell zu unterstützen. Der Antrag wurde wegen der guten finanziellen Verhältnisse des Kantons gutgeheissen, und der VHS Olten flossen jährlich Fr. 70 000.- kantonale Gelder zu. 1998 wurde wegen der Finanzkrise im Kanton der Erwachsenenbildungsartikel von den kantonalen Behörden neu definiert. Anstelle der finanziellen trat nun die moralische Unterstützung. Trotz vieler Sitzungen mit Parteivertretern wurde der Beitrag nicht nur reduziert, sondern im Jahre 2000 wieder ersatzlos gestrichen. Mit vielen Massnahmen und harten Kalkulationen gelang es Urs B. Zwick, die Finanzen ausgeglichen zu halten. An einer Ammännerkonferenz der Regionen Olten, Gösgen, Gäu konnte er das Anliegen der VHS vorstellen. Diese Konferenz beschloss darauf, mit einem «Bildungsfranken» pro Einwohner die Kosten für die Professionalisierung zu decken. Fast alle Gemeinden der Region folgten dem Antrag und unterstützen die Volkshochschule noch heute.

Die Boomjahre

Nachdem die Finanzen gesichert waren, konnte das Kursangebot gemäss den Statuten deutlich erweitert werden. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Kurszahl von 40 auf 200 und die Teilnehmerzahl von 500 auf 2500 pro Jahr. 1992 und 1993 waren die regelrechten «Boomjahre» der Schule. Aufgrund des grossen Interesses an Sprachkursen konnten verschiedene Anfängerkurse gleich vierfach durchgeführt werden. Diavorträge oder die Kurse «Aus Gesichtern lesen», die Vorträge des Schriftstellers Rudolf Passian zum Thema Parapsychologie und die Kursabende mit der Klosterschwester und Kräuterfrau Pauline Felder lockten bis zu hundert Teilnehmer in den Frohheimsingsaal. Computerkurse für Anfänger wurden richtiggehend überrannt, und auch die später folgenden Kurse für Senioren erfreuten sich grosser Beliebtheit, da auf die Bedürfnisse der ältern Kursbesucher eingegangen wurde. Frauen wurde in speziellen, von Dozentinnen geleiteten Kursen die Angst vor dem Computer genommen! Es war das Verdienst von Urs B. Zwick, dass er es immer wieder verstand, neue Bedürfnisse frühzeitig zu entdecken und ins Angebot aufzunehmen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Leitung der Volkshochschule im Jahr 2004 schweren Herzens abgeben.

Sein Nachfolger Urs Liniger amtete bis Ende 2010 als Geschäftsführer. In dieser Zeit realisierte er viele neue Projekte wie die Inbetriebnahme eigener Schulräume an der Aarauerstrasse, die Erstellung und Betreuung der Homepage, die Erarbeitung einer Marktforschungsstudie in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule FHNW sowie die Erstellung einer VHS-Business-Linie, welche jedoch mangels Nachfrage wieder eingestellt wurde.

Persönlich - flexibel - kompetent

Die beiden Gymnasiallehrer Theo Tschopp als neuer Präsident und Thomas Kellerhals als Geschäftsführer übernahmen die Leitung in einer schwierigen Zeit. Die Konkurrenz auf dem Platz Olten ist enorm angestiegen, berufliche Weiterbildung wird zunehmend firmenintern angeboten.

Die wachsende Hektik des modernen Lebens und die Härte der Arbeitswelt haben zu einem Denken geführt, welches wenig Raum für nicht zweckorientierte Tätigkeiten lässt. Im Internet findet man zu jedem Thema Anleitungen und Erklärungen, und bereits Kinder lernen in der Schule, wie man mit dem Computer umgeht. Es wird immer schwieriger, für einen Kurs genügend Leute zu motivieren. Trotzdem versucht die Leitung der VHS, ein attraktives Programm aufrecht zu erhalten. Nach wie vor umfassen die Kurse ein breites Angebot zu den Themen EDV und moderne Kommunikation, Sprachen, Gesundheit und Lebenskunde, Musik, Kultur und Gestalten. Kleinkurse fördern eine persönliche Atmosphäre und das Eingehen auf jeden einzelnen Teilnehmer. Bei der Rekrutierung der Dozentinnen und Dozenten steht weiterhin hohe Qualität im Vordergrund. Die Organisation der Kurse wird so flexibel wie möglich gestaltet.

Gewisse Abstriche waren aber unumgänglich. Das Kursprogramm erscheint in gedruckter Form nur noch einmal pro Jahr. Das Team – Dozenten, Sekretariat und Geschäftsführung – war bereit, finanzielle Einbussen in Kauf zu nehmen, um das Grundanliegen der Volkshochschule – Bildung für alle – weiterhin zu erfüllen und um die erfolgreiche Geschichte einer Institution, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und in schwierigen Zeiten gegründet wurde, noch möglichst lange weiter zu schreiben.

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