Was Daniel Kissling anfasst, wird nicht zu Gold. Aber immerhin zu Rock ’n’ Roll. Will heissen: Was er anpackt, ist manchmal genial und dann auch mal wieder grottenschlecht, man kann ja auch nicht immer nur Gutes abliefern. Was er anpackt, das bürstet er gegen den Strich. Und Spass muss es ihm machen.

All diese Faktoren fliessen zusammen im Lokal Coq d’Or, das Kissling als Geschäftsführer betreibt. Dann ist da aber noch sein zweites Baby, und das dürfte nicht jeder kennen: Das «Narr», das «narrativistische Literaturmagazin», das er vor fünf Jahren mit René Frauchiger und Lukas Gloor gegründet hat.

Die drei ehemaligen Germanistik-Studenten schrieben damals schon Texte – für die Schublade. Das wollten sie ändern. Sie erdachten sich den «Narrativismus», den sie nicht so genau definierten, der aber vor allem für eines stehen sollte: für die Lust am Erzählen. Auf die Idee folgte das Magazin. Die «Narr»-Ausgabe Nummer eins erschien im Juni 2011.

Stetiger Wandel und Experimente

«Als wir anfingen, hatten wir keine Ahnung, wie man ein Magazin macht oder wie die Schweizer Literaturszene aussieht. Wir machten einfach mal», erzählt Daniel Kissling. Er steckt sich eine Zigarette an, stellt eine Flasche Weisswein auf den Tisch und setzt sich neben Grafiker David Lüthi auf ein heruntergekommenes Sofa im Coq d’Or.

Am Anfang sei es ihnen vor allem darum gegangen, Texte abzudrucken. Ihre eigenen und solche anderer junger Autoren. Nach und nach bemerkten die drei Redaktoren aber, dass auch die Grafik eine Rolle spielt. «Wir haben gecheckt, dass ein Buch mehr sein kann als nur Text», meint Kissling. Sie holten die Grafiker David Lüthi und Mirko Leuenberger mit ins Boot, die dem «Narr» nach 13 Ausgaben ein neues Erscheinungsbild verpassten.

Der stetige Wandel ist Programm. Schon nach den ersten sechs Ausgaben erschien eine thematische Sonderausgabe – einfach, damit keine Routine aufkommt. Diese wäre den Machern zu langweilig. Vier Sonderausgaben sind bisher erschienen, darunter ein literarischer Stadtführer für Basel und ein Koch-Lesebuch. «Experimente, um den Leuten junge Literatur unterzujubeln», wie Kissling sagt.

«Ein bisschen pubertär»

Das Magazin sehen die Macher als Plattform für Schreibende, welche die Lücke füllt zwischen «Schreiben für die Schublade» und «Schreiben für den Verlag». In den vergangenen fünf Jahren hat das Magazin einen Stamm an Autoren gebildet. Manche von ihnen, wie die inzwischen für den Schweizer Buchpreis nominierte Michelle Steinbeck, haben sich schweizweit einen Namen gemacht. «Aber es sind in jeder Ausgabe auch wieder neue Autoren dabei, die uns ihre Texte schicken», sagt Kissling. Die meisten von ihnen sind zwischen 24 und 30 Jahren alt und stammen aus der ganzen Deutschschweiz, einige auch aus Deutschland und Österreich.

Die Meinungen der vier Redaktoren – vergangenes Jahr stiess Florian Oegerli zum Team dazu – gehen jeweils stark auseinander, was die eingesandten Texte betrifft. «Mir geht es um den Sound, um eine Dringlichkeit. Der Autor muss etwas bezwecken mit seinem Text», beschreibt Kissling sein Auswahlkriterium.

Von der Schweizer Literaturszene seien sie wohlwollend aufgenommen worden, sagt David Lüthi. Und er schiebt nach: «Wir sind die Teenies der Literaturszene, wir sind ein bisschen pubertär.» Diese Rolle gefalle ihnen aber ganz gut. Sie geniessen die Freiheit, sich ihre Regeln selbst zu setzen.

Nach fünf Jahren erscheint nun die 20. «Narr»-Ausgabe, und darüber ist Kissling selbst erstaunt. Zu diesem Geburtstag wollten sich die Macher selbst ein Geschenk machen. Für die grossformatige Jubiläumsausgabe trommelten sie alle Autoren zusammen, die bisher im «Narr» veröffentlicht haben, und baten sie erneut um eine Geschichte. Ausserdem fragten sie grosse Namen wie Franz Hohler oder Hans Magnus Enzensberger an, von ihren schriftstellerischen Anfängen zu erzählen. Der Jubiläumsausgabe verpassten sie den programmatischen Titel «Anfang».