Der Begriff «Olten SüdWest» ist schon fast ein Schimpfwort. Die bisherige Überbauung wird in der Stadt als Plattenbau oder Getto verschrien. Das neue Oltner Quartier, in dem dereinst bis zu 4000 Einwohner leben und 1300 Beschäftige arbeiten sollen, hat in diesem Jahr besonders für Schlagzeilen gesorgt.

Die Stadt hat offiziell zugegeben, dass die bisherige Überbauung zu eintönig ausfällt, auch der Arealbesitzer Sigmund Bachmann von der Terrana AG Rüschlikon spricht nun von einem «Einheitsbrei». Bis anhin sind in den 1½- bis 4½-Zimmer-Wohnungen vor allem Singles und Paare eingezogen, Familien mit Kindern sind selten.

Mit einer Gestaltungsplanänderung will die Stadt nun Gegensteuer geben: Die Architektur soll künftig vielfältiger ausfallen und die Bevölkerung damit auch einen grösseren Mix aufweisen.

Diese Zeitung hat zwei Oltner Architekten, Massimo Hauswirth und Klaus Schmuziger, sowie Städteplaner und Soziologen Philippe Cabane aus Basel eingeladen, um grundsätzlich über das grösste Entwicklungsgebiet der Stadt zu diskutieren. Das zweistündige Gespräch fand direkt in Olten SüdWest statt, im Coffeehouse Bloomell.

Flug über Olten Südwest

Flug über Olten Südwest

   

Philippe Cabane, wie sehen Sie Olten SüdWest als Aussenstehender?

Philippe Cabane: Das Quartier ist ein beispielhafter Fall eines in der Schweiz zum Standard gewordenen Beispiels von verdichtetem Bauen in der städtischen Peripherie. Es ist das «Oerlikon-Glattpark-Modell», das die Stadtplaner nun unter dem Zauberwort Urbanität überall kopieren möchten. Zudem ist es ein interessanter Schulterschluss zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen, weil die an einen Würfel angelehnte Bauform in beiderlei Hinsicht das beste rausholt: Man hat eine hohe Rendite und braucht dafür am wenigsten Energie. Das ergibt diese «Kisten», wie wir sie jetzt hier in Olten SüdWest haben.

Was sagen die beiden Oltner Architekten zur jetzigen Überbauung?

Klaus Schmuziger: Der bestehende Gestaltungsplan ist grundsätzlich gut. Die bauliche Umsetzung ist aber lieblos, mit diesem riesigen Volumen sehr mächtig, und steht vorläufig noch isoliert da. Ich bin in den Wohnungen gewesen und oft während der Bauphase vor Ort. Es ist erkennbar, dass sehr günstig gebaut worden ist, aussen wie innen. Das ist allerdings bei diesem Bauherrn nichts Aussergewöhnliches. Zudem gibt es zu viele kleine Wohnungen, die oft nur auf eine Seite ausgerichtet sind. Das heisst, es fehlt an Querlicht und an einer gewissen Luftigkeit – all das, was gute Wohnungen ausmacht. Gar gar nicht gut war ausserdem, dass Übrigbleibsel der alten Industriekultur vernichtet wurden wie alte Hallen oder ein Bachlauf. Die wenigen Merkmale, die es von früher noch gab, hätte man erhalten sollen.

Massimo Hauswirth: So schlimm wie ein DDR-Plattenbau ist es nun auch wieder nicht. Wenn aber das gesamte Areal so überbaut würde, wäre es schlimm. Dazu kommt, dass für ein so grosses Areal nichts Besonderes vorgesehen ist wie etwa ein See oder eine Freizeitanlage.

Städteplaner Cabane erklärt, dass die Überbauung in Olten SüdWest dem Blockrandtypus aus dem 19 Jahrhundert nachempfunden ist: Wohngebäude sind geschlossen um einen Innenhof gebaut, der meist den Bewohnern zur Nutzung zur Verfügung stand. Doch trotz dieser eher monotonen Bauweise entwickelte sich ein guter Bevölkerungsmix, weil die einzelnen Gebäude verschiedenen Eigentümern gehörten mit unterschiedlicher Bewirtschaftungskultur. Die einen überliessen die Gebäude sich selbst, was billige Mieten zur Folge hatte. Andere erhöhten die Standards und zogen so besser gestellte Mieter an.

So argumentiert müsste Arealbesitzer Sigmund Bachmann gewisse Baufelder an andere Investoren verkaufen?

Hauswirth: Das wäre der Idealfall. Ob er das aber macht, dahinter muss ein grosses Fragezeichen gesetzt werden.

Cabane: Vielleicht könnte er die Baufelder selbst überbauen, müsste dann aber dafür besorgt sein, dass die Bewirtschaftung und Vermietung der Wohnungen von verschiedenen Immobilienfirmen oder Baugruppen ausgeführt wird. Er könnte aber auch die einzelnen Baufelder von unterschiedlichen Architekten bauen lassen, um Vielfalt zuzulassen. Das Quartier verträgt durchaus einen Anteil von standardisierten Bauten, aber wichtig sind die spezifischen Überbauungen, welche dem Quartier eine gewisse Identität geben. Eine Siedlung ist langfristig wertvoller, wenn eine Differenzierung und Individualisierung möglich ist. Das schafft auch ein Zugehörigkeitsgefühl. Der eine kann dann sagen, er wohne dort hinten bei den lustigen bunten Häusern, der andere, er bei den Wohnblöcken.

Cabane zeigt anhand des von den Holländer Architekten MVRDV entworfenen Quartiers Feldbreite in Emmen LU auf, wie ein Baufeld in Olten SüdWest dereinst aussehen könnte. Es lässt eine verschachtelte Anordnung von Wohnblöcken, Reihen- und Einfamilienhäusern zu. Im Inneren des Komplexes gibt es zusätzlich Wege, Gärten, Plätze und Wasserflächen, die teils privat, teils öffentlich zugänglich sein werden. In Olten sei man beim banalen Setzen von uniformen Blocks stehen geblieben, so Cabane. Für die Feldhäuser in Emmen ist man ebenfalls vom Blockrandtypus ausgegangen und hat diesen dann kontinuierlich abgeändert bis zu den 16 unterschiedlichen Haustypen, die verschiedene Wohnformen zulassen für Familien, Paare, Singles oder WGs.

Gefällt Ihnen dieser Wohnkomplex?

Cabane: Als jemand, der sich ein Einfamilienhaus wünscht, würde ich durch die Architektur angesprochen und könnte mich darin wohlfühlen. Das ist ja die Schwierigkeit heute: Wir müssen die Menschen mit dem Wunsch nach einem Einfamilienhaus in verdichtete Wohnformen bringen. Der meist schlecht nutzbare Garten wird zum Beispiel durch einen Hof oder eine grosszügige Terrasse ersetzt. Die bisherige Überbauung in Olten SüdWest liefert das nicht. Sie gibt sich urban, wo niemals Urbanität einkehren wird. Das ist trostlos.

Hauswirth: Das in Emmen sind Ansätze, wie man es machen sollte.

Schmuziger: Die Einheitlichkeit muss spürbar sein. Die Vielfalt kann sich ausdrücken, aber wäre so doch in einem bestimmen Rahmen.

Hauswirth: Zu so einem Komplex wie in Emmen würde ich sofort Ja sagen. Die Frage ist nur, ob man das mit dem bestehenden Gestaltungsplan hinkriegt.

Cabane: Vielleicht wäre dies auch nur mit einer Flexibilisierung möglich, ohne dass eine Neuauflage nötig ist.

Hauswirth: Wenn der Gestaltungsplan abgeändert werden soll, so wie es von der Stadt angedacht ist, sind wir vielleicht in drei Jahren noch hier. Es muss dann nur eine Einsprache geben.

Cabane: Die Sache ist die, dass eine Neuauflage des Gestaltungsplans nur Sinn machen würde, wenn Bachmann vom Mehrwert überzeugt werden kann.

Schmuziger: Es könnte aber auch sein, dass der Gestaltungsplan so bleibt, wie er ist, weil der Arealbesitzer am Schluss nicht mitmacht.

Cabane: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ins Gut-Böse-Schema geraten: die gute Stadt und der böse Bachmann. Es würde viel mehr bringen, wenn wir nun nicht polarisieren, sondern aufeinander zugehen.

Schmuziger: Das wird nun gemacht. Von der Stadt darf man, wie man bisher gesehen hat, nicht zuviel erwarten. Aber sie muss den Rahmen abstecken.

Die Stadt will in Olten SüdWest neben 4000 Einwohnern auch 1300 Arbeitsplätze ansiedeln. Ist dies realistisch?

Cabane: Natürlich kann man sagen, es bräuchte einen lebendigen Detailhandel. Doch was nützt das, wenn trotzdem alle in die Einkaufscenter fahren. In jedem Mitwirkungsprozess sagen die Leute, sie wollen einen Laden um die Ecke, wo sie dann aber trotzdem nicht einkaufen gehen und dieser vor sich hin serbelt. Im Prinzip ist die Frage bei solchen Quartieren eigentlich: Wie schaffen wir es, Erdgeschosswohnungen zu bauen, die nicht mit den belebten Freiräumen in Konflikt geraten? Denn beim heutigen Konsumverhalten mit Online-Shopping und Wocheneinkauf im Einkaufszentrum bekommen wir die Läden einfach nicht mehr dort rein.

Hauswirth: Zudem ist die Innenstadt nur wenige Minuten von Olten SüdWest entfernt.

Schmuziger: Gäbe es aber nicht die Möglichkeit, dass die Bewohner ihre eigenen Ateliers, Büros und Gewerbebetriebe einrichten? An anderen Orten haben wir das auch so gemacht. Es funktionierte, ging einfach bis zu fünf Jahre, bis alles vermietet war.

Cabane: Das ist die klassische städtische Wohnblockarchitektur: im Erdgeschoss Gewerbe, in den Obergeschossen Wohnen. Leider ist die Nachfrage nach Gewerbeflächen an solchen Standorten nicht all zu gross.

Schmuziger: Das Problem ist bei solchen Erdgeschossnutzungen für einen Vermieter doch einfach, dass es sehr lange geht, bis sie genutzt werden von den Bewohnern. In Olten SüdWest ist es im Vergleich zu den anderen neuen Quartieren in Olten wie Bornfeld oder Chlyholz sinnvoll, eine solche Mischnutzung zu schaffen.

Cabane: Ich muss jetzt hier etwas den Advocatus Diaboli spielen: Kann man nicht den Mut haben zu einer fast reinen Wohnsiedlung? Muss man in Olten SüdWest wirklich einen neuen Teil der Stadt hinstellen?

Schmuziger: Die Mischung von Wohnen und Arbeiten am gleichen Ort ist doch zukunftsfähig und ökologisch sinnvoll.

Im Glattpark in Opfikon ZH funktioniert das doch auch: Da gibts Läden, Praxen, Schule, einen See. Es soll dort dereinst bis zu 7000 Einwohner und gleich viele Arbeitsplätze geben.

Cabane: Drei Einwände: Erstens sind es von dort mit dem öV wenige Minuten bis in die Stadt Zürich. Zweitens hat man den Glattpark nur mit ganz viel Mühe hingekriegt. Drittens gibts dort ein professionalisiertes Quartiermanagement, um die Gewerbler in die Siedlung zu bekommen. Die Frage ist einfach, wie lange das so funktioniert. Heute sagen die Städteplaner ja überall, dass man ein gut durchmischtes und lebendiges Stadtquartier will und versucht so einfach, ein bisheriges Quartier zu kopieren.

Schmuziger: Da drüben ist die Innenstadt, hier in Olten SüdWest könnte doch auch noch etwas Innenstadt sein. Da vorne beim Platz ist doch eine Art Stadt möglich. Der Rest weiter Richtung Gheidebene können wir dann immer noch dem reinen Wohnen überlassen.

Cabane: Aber es gibt heutzutage doch schon jetzt zu viele leere Ladenflächen in den Innenstädten. Wie soll man dann die in Olten SüdWest noch vermieten können? Das heisst, in einem neuen Quartier wie diesem bekommen wir eigentlich nur die Geschäftsflächen für den Bedarf der Bewohner hin.

Schmuziger: Aber das Coffeehouse Bloomell, wo wir jetzt diskutieren, ist doch der Beweis dafür, dass die Leute aus der Stadt hierherkommen?

Cabane: Für eine lebendige Entwicklung ist das Quartier rund um die Fachhochschule mit seinen Schülern und Studenten doch viel prädestinierter als Olten SüdWest. Und dass bekommt die Stadt schon fast nicht hin. Daher sage ich, dass sich die 4000 Einwohner besser in die Innenstadt orientieren, als dass man die bestehenden Läden mit neuen Angeboten in Olten SüdWest noch konkurrenziert. Die Stadt Olten ist zu klein dafür, ausserhalb der Innenstadt nochmals ein weiteres Zentrum aufzubauen. Natürlich braucht es Quartierinfrastrukturen und gewerbliche Flächen, aber mit dem Schwerpunkt Wohnen ist man hier besser bedient.

Schmuziger: Okay, da sind wir uns einig. Es soll kein gänzlich neuer Stadtteil entstehen, sondern nur einen Ansatzpunkt davon, vor allem im vorderen Bereich in der Nähe des Bahnhofs Hammer.

Hauswirth: Zu bemerken ist zudem, dass über 60 Prozent der rund 18 000 Oltner rechts der Aare wohnen.

Cabane: Einen neuen Glattpark mit Schule, Gewerbe und grossem Boulevard können wir in Olten SüdWest vergessen. Aber in der Nähe des Bahnhofs Hammer sind gewerbliche Nutzungen sinnvoll.

Hauswirth: Das finde ich einen guten Vorschlag. Statt einfach einen neuen Stadtteil aufzubauen, reicht ein Wohnquartier. Dies soll meiner Meinung nach aber mit dem bestehenden, leicht angepassten Gestaltungsplan möglich sein. Mit einer Neuauflage verliert die Stadt zu viel Zeit. Und: Die besten Ideen nützen nichts, wenn Arealbesitzer Bachmann nicht zustimmt.

Einig sind sich die drei Herren, dass die Verbindung zur Stadt via geplanter Stadtteilverbindung Hammer geschehen muss. Das Oltner Gemeindeparlament hat den Kredit zum Vorprojekt an der Sitzung Mitte Dezember allerdings zurückgewiesen. «Ohne diese Anbindung ist das Quartier wie abgeschnitten», sagt Schmuziger. Der Bahnhof Hammer mit der Hammerallee sei so nahe. Das seien nur 100 bis 200 Meter. Und Hauswirth ergänzt: «Diese Verbindung ist dringend nötig, sonst ist das Quartier wirklich isoliert von der Stadt.»

Olten SüdWest soll also kein neuer Stadtteil werden mit einem neuen Zentrum, sondern eher ein Wohnquartier. Sollte die Überbauung dann aber zumindest in ökologischer Hinsicht eine Vorbildfunktion erfüllen, etwa mit einem 2000-Watt-Standard?

Cabane: Das ist grundsätzlich eine gute Idee, aber Energiestandards reichen nicht aus. Wir haben heute das Problem, dass wir zwar ökologisch vorbildlich bauen können, das Verhalten der Menschen sich aber nicht wesentlich bessert. Zudem will niemand in Gebäuden wohnen, in denen die Fenster wegen der Minergie-Lüftung nicht geöffnet werden können.

Schmuziger: Da hat Herr Cabane Recht. Vieles ist heute baulich und technisch möglich, wird dann aber wieder durch das Verhalten der Bewohner unterlaufen.

Cabane: Die Frage ist daher eher, was bringt die Menschen dazu, ein besseres Umweltverhalten an den Tag zu legen. Kaum dadurch, dass wir sie in gut isolierten «Kisten» wohnen lassen und sie dadurch abgeschottet von der Umwelt ökologisch unbewusster leben.

Was ist es dann?

Cabane: Ein mögliches Beispiel: Für die Gestaltung der Freiräume haben wir im Ökoquartier Les Vergers in Meyrin GE einen Studienauftrag gewonnen. Dort schlugen wir eine produktive Landschaft vor, an der die Bewohner aktiv teilhaben und so eine direkte Beziehung zur persönlichen Umwelt aufbauen können. Face to Face ist das Schlüsselwort und nicht Isolation und Regulierung. Das Projekt wird realisiert. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.