Mein Olten

Die Stadt lässt sich noch formen

Olten ist mehr als nur der Bahnhof. (Archivbild)

Olten ist mehr als nur der Bahnhof. (Archivbild)

«Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man nach Olten ziehen kann, wenn man nicht aus der Gegend ist.» So klingen noch heute die Worte meiner damaligen Vermieterin und Oltens Ureinwohnerin in meinem Ohr nach, als ich von St. Gallen nach Olten zugezogen bin. Es war ein sehr angenehmes Kennenlerngespräch vor drei Jahren, das über unsere Jobs bis hin zu den berühmten Oltner Schriftstellern handelte. Und dann – ganz beiläufig – fiel der eingangs erwähnte Satz, welcher auf mich eine ähnliche Wirkung wie der rote Strich in Joan Mirós Gemälde Bleu II hatte. Oh, oh, oh! Doch etwas alarmierend.

Dieses Bild ist übrigens auf meinem Schlüsselanhänger abgebildet. Den habe ich ganz bewusst ausgesucht. Ich sehe ihn schliesslich jeden Tag. Und wer möchte denn das Zuhause jeden Tag bei einem hässlichen Anblick verlassen? Blau, schwarz und rot. Ja, mein Schlüsselanhänger trägt die Farben des Bahnhofs. Das ist mir sofort ins Auge gesprungen.

Als Nicht-Einheimische(r) zieht man nach Olten wegen des Bahnhofs oder einem anderen Grund, hinter dem letztendlich doch die gute Verkehrsanbindung steckt.

Alle wissen das: Von Olten kommt man mit dem Zug in zehn Minuten nach Aarau; in 25 Minuten nach Basel; eine gute halbe Stunde braucht man nach Bern, Zürich oder Luzern; in zwei Stunden ist man in Genf oder in Chur. Somit ist Olten die Stadt der ewigen Pendlerinnen und Pendler, die hier aus pragmatischen Gründen hinziehen und vermutlich aus Gründen der Bequemlichkeit bleiben. Tatsächlich sieht man bei der Ankunft in Olten nur den Bahnhof. Na ja, davor eventuell auch das Atomkraftwerk. Und beide Dinge sind nicht gerade eine Augenweide.

Der Bahnhof teilt Olten zum zweiten Mal. Die erste Teilung vollzieht die Aare, die grüne Perle der Stadt. Das ist im Grunde ein Fluss, an dem man nicht entlang spazieren kann. Den kann man aber überqueren. Es gibt insgesamt mehrere Fusswege, auf denen die Reise von der Kantonsschule zur Altstadt länger dauert als die Zugfahrt nach Aarau. Und mit Kinderwagen gar länger als die nach Basel. Na ja, dann fahre ich halt Zug für den heutigen Spaziergang.

Irgendwann kommt aber die Coronazeit. Nun entflieht man dem Bahnhof und den Zügen noch eher als einem Spaziergang durch Olten. Den ganzen lieben Tag ist man im Homeoffice eingesperrt und versucht, dies dann wieder durch stundenlanges Kreuz- und Querlaufen in der Stadt auszugleichen. So enthüllt Olten eine Seite, die mir vorher nicht aufgefallen war. Der Wald ist in alle Richtungen so unglaublich nah. Anstelle des Bahnhofs und der Kabel sehe ich im Abendlicht das Gesicht des schlafenden Riesen, auf dessen Mundpartie irgendwo das Naturfreundehaus zu finden ist. Darunter fliesst die Aare, so kraftvoll und aufmunternd, inmitten einer Stadt, die ihr Potenzial und Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft hat. Olten wächst, auch wenn nur langsam und bescheiden. In Olten hat man noch das Gefühl, etwas bewegen zu können. Die Stadt lässt sich noch formen. Es ist noch nicht alles entschieden.

Jessica Foschini, Kantonsschullehrerin und Mutter

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1