Wahlen 2015
Die Rückkehr der Ursula Ulrich

Die Oltner Sozialdemokratin Ursula Ulrich hat als Politikerin und Spitzen-Beamtin viel erreicht. Jetzt, mit 67 Jahren, will sie ein zweites Mal in den Nationalrat. Warum nur?

Sven Altermatt
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Ursula Ulrich schneidet die Äste ihres Rosenapfelbaums zurück. Den Baum besitzt die Oltnerin seit 1991 – dem Jahr ihrer Abwahl aus dem Nationalrat. Bruno Kissling

Ursula Ulrich schneidet die Äste ihres Rosenapfelbaums zurück. Den Baum besitzt die Oltnerin seit 1991 – dem Jahr ihrer Abwahl aus dem Nationalrat. Bruno Kissling

BRUNO KISSLING

Es ist Wahljahr, und es klingt erst mal nach den üblichen Phrasen: Sollte sie im Oktober in den Nationalrat gewählt werden, sagt Ursula Ulrich, will sie eine «wirklich nachhaltige Politik gestalten, bei der Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichermassen zur Geltung kommen». Nachhaltige Politik? Eine abgegriffene Floskel, das weiss auch Ulrich. «Trotzdem», sagt sie. «Politik muss man langfristig andenken. Ohne Schnellschüsse.» Und vielleicht ist sie ja der fleischgewordene Beweis für diese Maxime. Zumindest scheint da vieles stimmig.

Ulrich, 67, seit 40 Jahren in der Partei, war lange eine Instanz der Solothurner Sozialdemokraten. Sie war Verfassungsrätin, Kantonsrätin und die erste Frau im Oltner Gemeinderat. Diesen präsidierte sie 1983 auch als erste Frau.

Ende der 1980er-Jahre sass Ulrich, die symphatische Biologin mit dem weichen Gesicht, für eine Legislaturperiode im Nationalrat. Jetzt wagt sie sich also noch einmal an einen Sturm auf die grosse Kammer. Eine ganz schöne Herausforderung für eine, die seit 24 Jahren nicht mehr im Geschäft ist. Unter all den Ex-Nationalräten, die in diesem Jahr ihr Comeback versuchen, ist niemand solange weg wie Ulrich. Das zeigt eine schweizweite Umfrage der Zeitung «Blick».

Kandidatur gegen Bodenmann

Als Ursula Ulrich im Oktober 1987 in den Nationalrat gewählt wurde, hing der Eiserne Vorhang noch schwer über allem. Und ein anderer Solothurner Genosse, der Dornacher Otto Stich, wurde kurz darauf zum Bundespräsidenten gewählt. Im Parlament profilierte sich Ulrich in Umweltfragen. Bald genoss sie den Ruf «einer zur Konzilianz neigenden Pragmatikerin», wie der «Tages-Anzeiger» schrieb. Sie wurde Vizepräsidentin der SP Schweiz, bewarb sich 1990 als Frauen-Kandidatin für den Parteivorsitz – und verlor gegen den Walliser Haudegen Peter Bodenmann.

Ursula Ulrich suche gern den Kompromiss, sagen Wegbegleiter. Kühne Experimente möge sie nicht. Dies widerspiegelt sich vielleicht auch in ihrer Politkarriere. Mit ihrer sachlichen Art hat die Oltnerin viel erreicht. Mehrmals wurde sie für hohe Ämter gehandelt. Sie stand vor dem ganz grossen Durchbruch, schaffte ihn aber nicht. Noch schlimmer: Ulrich erlitt herbe Rückschläge. Auch das Ende im Nationalrat kam abrupt. 1991 verlor die SP einen ihrer zwei Nationalratssitze, Ulrich verpasste ihre Wiederwahl. Einmal noch, 1997, schien ihr Rückkehr in die Politik zum Greifen nah. Doch die Solothurner Genossen gaben ihr einen Korb. An ihrer Stelle wurde die damals 31-jährige Doris Aebi für die Regierungsratswahlen nominiert. Diese verpasste die Wahl. Viele Sozialdemokraten bedauerten später, dass nicht Ulrich ins Rennen geschickt wurde.

Diese dürfte die Niederlage da längst verschmerzt haben. Denn ihre Karriere in Bundesbern ging weiter. Ulrich wechselte ins Bundesamt für Gesundheit (BAG), wurde Abteilungsleiterin, Vizedirektorin und errichtete die Fachstelle «Gesundheit und Umwelt». 20 Jahre arbeitete sie für die Behörde, die sich oft mit unbequemen Themen herumschlägt.

Eine Lanze für die Senioren

Der Wechsel in die Verwaltung, sagt Ulrich, habe sich in jeder Hinsicht gelohnt. «Ich konnte im BAG mehr bewirken, als ich es als Politikerin je hätte tun können.» Manche Entwicklung im Ratsbetrieb verfolgte sie dabei mit Besorgnis – die Flut an Vorstössen etwa. Eingaben von Parlamentariern hielten ihre Behörde auf Trab, jede tagespolitische Zuckung sei bisweilen in einen Vorstoss umgemünzt worden. «Dabei hätte ein Anruf bei der Verwaltung oft schon Klarheit geschaffen», so Ulrich. Das spare nicht nur Zeit, sondern auch Geld.

Die entscheidende Frage ist damit noch nicht beantwortet, dabei stellt sie sich nun umso drängender: Warum will Ulrich nach zwei Jahrzehnten zurück in die Politik? Auf ihr Comeback hat ja kaum jemand gewartet. Und man sollte auch noch erwähnen, dass ihre Wahlchancen gering sind. Der Kanton Solothurn verliert einen seiner Sitze im Nationalrat, sieben Bisherige werden im Herbst um sechs Mandate kämpfen. Darunter auch die beiden SP-Vertreter Bea Heim und Philipp Hadorn. Kann es Ursula Ulrich einfach nicht lassen? Sie hält inne, als denke sie zum ersten Mal darüber nach, verneint dann jedoch entschieden: Natürlich kenne sie ihre Erfolgsaussichten.

Tatsächlich ist die Kandidatur so etwas wie der Ausdruck einer Mission. Die
67-Jährige hat sich vor allem einem Thema verschrieben: Sie will für die Anliegen der Senioren kämpfen und wünscht sich «die Vertretung aller Generationen im Nationalrat». Da ist es wenig erstaunlich, dass Ulrich als Vorstandsmitglied von «SP 60+» eine eigene Senioren-Liste forderte. Wenn sie davon erzählt, weicht ihre Gelassenheit der Kampflust: «Der Anteil der Älteren an der Bevölkerung wird grösser», sagt sie. «Gleichzeitig werden die Senioren verschmäht.»

Jung und dynamisch müsse ein Politiker sein, heisst es gern. Falten und gebeugte Rücken scheinen zu wenig zukunftsträchtig. Ein Denken, das ältere Menschen nur zu gerne in den Ruhestand abschiebt, wirkt in vielen Köpfen nach. Dabei müssten Alt und Jung doch zusammenspannen, sagt Ulrich: «In meinem Alter muss man politische Aktivitäten in ihrer Wirkung auf die Urenkel ausrichten.» Die bedächtigere Generation als Gewissen in unserer schnelllebigen Welt?

«Bea Heim gehört auf Stammliste»

Vertreter aus allen Lagern berichten Gutes über Ursula Ulrich. Eine gute Zuhörerin sei die Sozialdemokratin, sagt man etwa. Geduldig versuche sie, eine Lösung zu finden, wo andere die Nerven verloren haben. Manchen dauert das dann jedoch zu lange. Nun will sie im Herbst mit dem Vorsatz antreten, überholte Altersbilder zu durchbrechen. Auch ihre Parteikollegin Bea Heim muss sich immer wieder Fragen zu ihrem Alter stellen lassen. Sie gehört mit 68 Jahren schon heute zu den ältesten Parlamentariern, will im Oktober aber wieder kandidieren. Allerdings auf einer der SP-Stammlisten. Hinter vorgehaltener Hand frotzeln manche Genossen, die «60+»-Liste sei nur geschaffen worden, um Heim darauf abzuschieben.

Die Seniorenliste als Alibiübung? Quatsch, sagt Ulrich und weist entsprechende Gerüchte zurück. «Als Bisherige gehört Heim auf eine Stammliste.» Wenig hält sie auch von einer Alterslimite für Parlamentarier, wie sie etwa SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin gefordert hat. «Das Problem ist nicht das Alter», findet Ulrich, «sondern die Amtsdauer.»

In der Politik brauche es regelmässig eine Blutauffrischung. Deshalb würde sie die Amtszeitbeschränkung der Altersguillotine vorziehen. «Wer seit einem Vierteljahrhundert im Parlament sitzt, entfernt sich vom realen Leben.» Ein dezenter, aber unmissverständlicher Seitenhieb. Natürlich richtet sie diesen auch an SVP-Nationalrat Roland Borer. Der Kestenholzer wurde 1991 ins Parlament gewählt – just dann, als Ulrich ihren Sitz verlor. Die Ironie der Geschichte, sie ist kaum zu übersehen.