Die Pflichtlager der Eidgenossen

Réservesuisse verwaltet Bestände, welche die Lebensmittelversorgung der Schweiz im Ernstfall sichern sollen – unter anderem in Olten. Jocelyn Daloz

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Das Silo Olten ist ebenfalls in die Pflichtlager der Genossenschaft Réservesuisse eingebunden und hat ein Fassungsvermögen von 54000 Tonnen.

Das Silo Olten ist ebenfalls in die Pflichtlager der Genossenschaft Réservesuisse eingebunden und hat ein Fassungsvermögen von 54000 Tonnen.

Bild: Bruno Kissling

«Kluger Rat – Notvorrat» war eine bekannte Parole der Nachkriegszeit. Dabei hatten die Schweizer Sicherheitsverantwortlichen vor allem die Gefahr eines Atomkriegs während des Kalten Krieges im Blick. In Zeiten der Corona-Pandemie manifestiert sich die Gefahr in Form von Hamstereinkäufen und leeren Regalen bei den Detailhändlern.

In den letzten Wochen wurde bereits viel darüber geschrieben, dass dieses Verhalten, seine eigenen Vorräte aufzustocken, im aktuellen Kontext nichts nützt. Die Lebensmittelversorgung ist gesichert; die Lagerbestände der grossen Detailhändler Migros, Coop, Aldi oder Lidl sind weiterhin genügend gross, um die Schweizer Bevölkerung zu ernähren.

Der As im Ärmel des Bundes

Und selbst, wenn plötzlich diese Versorgungskette abbrechen sollte, hat der Bund noch ein As im Ärmel: Die Réservesuisse, eine privatwirtschaftliche Genossenschaft, die im Auftrag des Bundesrats Pflichtlager an notwendigen Rohstoffen für die Herstellung von Lebensmitteln hält. Heinz Eng, Oltner FDP-Gemeindeparlamentarier, ist deren stellvertretender Vorsitzender und Bereichsleiter für die Pflichtlager Getreide. Er gibt sich beruhigend: «Im Moment ist alles im grünen Bereich, was die Ernährungsversorgung betrifft.» Die Genossenschaft Réservesuisse hat nämlich Vorrat an Zucker, Getreide, Reis oder Speiseöle- und fette für mehrere Monate (siehe Box). Die gesetzliche Grundlage dazu steht im Landesversorgungsgesetz und in mehreren Verordnungen, die das Halten von Pflichtlagern an die Genossenschaft abgeben. Diese wird von mehreren Unternehmen gebildet, die sich verpflichten, eine gewisse Menge an den oben genannten Produkten zu lagern. Eingebunden in die Pflichtlager ist auch das Silo Olten im Industriegebiet. Es hat einen Notvorrat von 3600 Tonnen an Getreide, hat aber einen Gesamtbestand an Getreide von 20000 Tonnen. Der Silo hat ein Bahnanschlussgeleis für Ein- und Auslagerungen. Ein eigenes Rangierfahrzeug garantiert die tägliche Zustellung und den Abzug der Silowagen. Die Be- und Entladeleistung beträgt dabei bis zu 100 Tonnen pro Stunde.

Im Moment noch kein Bedarf an Reserven

Darüber hinaus kontrolliert die Réservesuisse die Einfuhr der versorgungsrelevanten Waren in die Schweiz: «Jegliches Importieren von Zucker, Kaffee oder Getreide, das 20 Kilogramm übersteigt, bedarf einer Einfuhrbewilligung», erklärt Eng. Diese ist kostenpflichtig: Anhand dieser Garantiefondbeiträge finanziert sich die Genossenschaft. «Die meisten Schweizer sind im Unwissen darüber, dass der Bund durch uns faktisch eine Lebensmittelversicherung für die Bevölkerung gewährleistet», sagt Eng. In Zeiten der Corona-Pandemie arbeitet er im Homeoffice, wie viele andere auch, bleibt im Kontakt mit seinen Arbeitskolleginnen und -kollegen über Mail, Telefon und Videochats. Ansonsten hat sich jedoch sein Alltag kaum verändert: «Wir sind täglich mit dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesvorsorge in Kontakt. Sollte es notwendig werden, gewisse Güter aus den Pflichtlagern freizugeben, dann würden wir benachrichtigt werden. Aber im Moment läuft der internationale Warentransport von Lebensmitteln normal.» Also besteht noch kein Bedarf, auf die Lagervorräte zurückzugreifen. «Falls die Krise weitergeht und der Rheinverkehr oder Lastwagentransport in Europa eingeschränkt werden, ist es schon so, dass wir uns Fragen stellen müssen», sagt Eng.

Im Moment herrsche zwar kein Grund zur Sorge, aber das gesamte System sei fragil. «Die Vorräte halten nicht ewig.» Darüber hinaus müsse der Warentransport nach wie vor möglich sein. Am wichtigsten sei die Stromversorgung. «Ohne Strom kann man kein Kilo Mehl verarbeiten.» Den Titel des Retters im Schatten weist Heinz Eng von sich ab. «Wir erfüllen den Job, für den wir angestellt sind. Das machen wir völlig emotionslos.»

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