Draussen geht es zuweilen hektisch zu und her: Menschen steigen aus, steigen um, hasten vorbei, warten ungeduldig auf dem Perron. Drinnen, im Vital Punkt zwischen den Gleisen 4 und 7, lässt sich die Hektik ausblenden. Ausser ein Kunde vergisst wieder einmal die Zeit und springt mitten im Beratungsgespräch davon auf den Zug. «Dann stehst du da mit den Produkten in der Hand», sagt Melanie Schwyzer lachend.

Schwyzer ist tageweise als Aushilfe im Vital Punkt tätig. Zuvor führte sie das Geschäft ein halbes Jahr lang als stellvertretende Geschäftsführerin; es ist Drogerie und Reformhaus in einem. Sie schätzt die Atmosphäre hier: Morgens kommen die Pendler, um sich zum Einstieg in den Tag einen Kaffee und ein Brötchen zu gönnen. Sie sind im Schnitt um die 30, wirken urban und alternativ.

Oder sind Bürolisten, die es sich nicht erlauben können, krank zu sein. Und vor Arbeitsbeginn noch schnell ein Neocitran einwerfen. «Wir müssen die Leute aber nicht so oft wegen Krankheiten beraten», sagt Schwyzer. Anders als in einer Dorfdrogerie, wo der Altersdurchschnitt bei etwa 60 liege. Und es in der Regel heisse: «Grüezi, ich habe ein Problem ...»

Ein bisschen auch Seelsorger

Auch die 15 Mitarbeitenden der Drogerie stehen den Pendlern mit Rat zur Seite. Er muss aber knapp gehalten sein, denn die Kunden sind meist auf dem Sprung. Dafür haben die Drogistinnen und Drogisten Verständnis: Die meisten im Team pendeln selbst von den Kantonen Basel, Bern, Aargau nach Olten. Die Arbeitszeiten sind so geregelt, dass sie alle jeweils ihren Zug erwischen. Der Rat, den sie verteilen, beschränkt sich oft nicht nur auf Arzneiprodukte oder Inhaltsstoffe von Lebensmitteln.

Ein bisschen sind sie auch Seelsorger. «Das könnte am weissen Kittel liegen», meint Schwyzer. Manche Kunden erzählten aus ihrem Leben, wo sie herkämen, wo sie hingingen.

Die Leute, die auf die Insel zwischen Gleis 4 und 7 finden, scheinen sich wohlzufühlen hier. Es gibt solche, die sich morgens hier Kaffee holen, bloss weil er mit einem freundlichen Lächeln und guten Wünschen für den Tag überreicht wird. «Ab und zu bringen uns Kunden auch Blumen vorbei», erzählt Schwyzer. Von vielen Leuten kenne man irgendwann die Eigenheiten. «Einer möchte immer einen Kaffee mit Rahm und ein Feigenbrötchen – und seit Jahren.» Mit vielen Kunden käme man schliesslich irgendwann ins Gespräch, sagt sie. So habe sich kürzlich einer verabschiedet, als er in Pension ging und das Pendeln damit aufgab. «Das ist herzig», findet Schwyzer. «Die Leute fühlen sich wahrgenommen.»

Für ein Bahnhofsgeschäft, findet Schwyzer, habe die Drogerie erstaunlich viele Stammkunden. «Das sind oft gar nicht Oltner selber, sondern beispielsweise Berner oder Basler, die hier umsteigen.»

Etwa sieben von zehn kämen der Lebensmittel wegen. Und viele von ihnen seien anspruchsvoll. Veganer, Rohköstler, Glutenintolerante. «Wir sind ein Fachgeschäft und nehmen ihre Anliegen auch ernst.» Etwa bei der Dame heute Morgen, die wissen wollte, woher das Kokosfett im Brötchen stamme. Oder wenn der Deckel auf dem Kaffee-Pappbecher entsetzt zurückgewiesen werde mit dem Ausruf: «Der hat eine Halbwertzeit von 30 Sekunden!» «Manche Kunden haben sehr starke Überzeugungen», meint Schwyzer lächelnd.

Speziell seien die Sonntage. «Dann sind wir so etwas wie die Notfallapotheke. Und Babymilchpulver ist jeweils auch begehrt», sagt Schwyzer. Bis vor Kurzem stand in unmittelbarer Nähe auch das Bahnhofsklavier. «Am Sonntag war das jeweils, als würde die immer gleiche CD abgespielt, mit Variationen», wirft Schwyzers Kollegin Tanja Meister ein. Viele hätten gut gespielt, hätten manchmal ganze Konzerte gegeben. Aber das eine Lied aus dem Film «Die fabelhafte Welt der Amélie», das hätte sich doch sehr häufig wiederholt. Jazz sei mit der Zeit auch sehr anstrengend geworden.

Schwankungen im Pendlerstrom

Da die Ferienzeit in den verschiedenen Kantonen unterschiedlich geregelt sei, sei der Pendlerstrom unberechenbar. «Wir bemerken im Herbst und während der Fasnachtszeit Schwankungen», sagt Schwyzer. Und so schnell wie die Leute auftauchen, seien sie oft wieder weg. Wenn der Fahrplan wechsle, kämen plötzlich andere Leute oder dieselben zu anderen Zeiten.

Immer wieder werde auch nach Zigaretten gefragt. «In einem Gesundheitsgeschäft», meint Schwyzer lachend. Auch Klebeband, Blumen und Postkarten wurden schon verlangt. Als Mischung aus Drogerie und Reformhaus sei das Geschäftsprofil wohl etwas aussergewöhnlich, ist sich Schwyzer bewusst. Als jedoch einmal ein klatschnasser Mann, den Velohelm noch auf dem Kopf, nach Socken fragte, hätten sie behilflich sein können. Er habe den Laden mit einem Strahlen verlassen.