Stellenabbau
Die «orange» Aufsicht verschwindet von den Perrons

Die SBB reduziert auf den 1. April die Präsenz der Perronaufsichten in den grossen Knotenbahnhöfen Olten, Basel, Bern, Luzern und Zürich. Insgesamt fallen 24 Stellen weg - in Olten sind es deren drei.

Christian von Arx
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Ab 1. April nicht mehr auf den Perrons der grossen Bahnhöfe zu sehen: Betriebliche Aufsicht der SBB-Division Infrastruktur, in Orange.

Ab 1. April nicht mehr auf den Perrons der grossen Bahnhöfe zu sehen: Betriebliche Aufsicht der SBB-Division Infrastruktur, in Orange.

zvg

«SBB spart am falschen Ort», titelte «kontakt.sev», die Zeitung der Gewerkschaft des Verkehrspersonals, und «Aufhebung der ‹Aufsichten Betrieb› der Infrastruktur macht keinen Sinn». Dass die Eisenbahner-Gewerkschaft an einem Stellenabbau keine Freude hat, überrascht nicht.

In diesem Fall macht sich der SEV aber auch zum Sprecher der Bahnkunden: «Obwohl Reisende immer wieder beklagen, dass auf den Bahnhöfen kein Personal mehr präsent sei, an das man sich bei Problemen oder Fragen wenden könne, will SBB Infrastruktur ihre Perronaufsichten in grossen Bahnhöfen streichen.»

Abbau von 24 Stellen ab 1. April

SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi bestätigt auf Anfrage den Abbau. Demnach hebt die SBB auf den 1. April in den Knotenbahnhöfen Basel, Bern, Olten, Luzern und Zürich die Funktion «betriebliche Aufsicht» der Division Infrastruktur auf; im Bahnhof Chur sind noch Absprachen mit der Rhätischen Bahn zu treffen. Insgesamt fallen 24 Stellen weg, im Bahnhof Olten sind es deren drei.

Das Aufsichtspersonal der Division Infrastruktur – die SBB-spezifische Berufsbezeichnung heisst «Ereignismanager» – ist auf den Perrons an den orangefarbenen Leuchtjacken erkennbar (siehe Bild). In den grössten Bahnhöfen wie Zürich und Bern sind sie während der ganzen Betriebszeit im Einsatz, im Bahnhof Olten während der Stosszeiten von 6.30 bis 9 Uhr und von 16 bis 22 Uhr.

Ein Schritt zu Geisterbahnhöfen?

Die SBB begründet den Abbau damit, dass die Automatisierung diese Stellen überflüssig mache: «Die Hauptaufgabe der ‹betrieblichen Aufsicht› ist es, während den Hauptverkehrszeiten und bei Grossanlässen zur Beschleunigung des Abfahrtsprozesses beizutragen», so Mediensprecher Pallecchi.

Heute seien die Betriebsprozesse auf einen automatisierten Betrieb ausgerichtet: «Für die Verkehrsabwicklung braucht es die Funktion ‹betriebliche Aufsicht› an den Bahnhöfen nicht mehr.»

«Aufsicht Personenverkehr bleibt»

Zudem betont der SBB-Sprecher, dass die Bahnkunden in den grossen Bahnhöfen nicht allein gelassen würden: «Die ‹Aufsicht Personenverkehr› der Division Personenverkehr, die den Kundinnen und Kunden für Anschluss- und Fahrplanauskünfte zur Verfügung steht, bleibt weiterhin bestehen.» Im Unterschied zu den «orangen» der Infrastruktur sind diese Ansprechpartner an ihren gelben Leuchtjacken zu erkennen.

Die «orange» und die «gelbe» Aufsicht haben unterschiedliche Aufgaben, stehen aber miteinander in Kontakt – sie funken auf dem gleichen Kanal – und unterstützen sich bei Bedarf. Am Bahnhof Olten sind die Einsatzzeiten der «gelben» Aufsicht am Abend kürzer als diejenigen ihrer «orangen» Kollegen. Den Bahnkunden dürfte die Farbe der Jacken egal sein, sie suchen einfach kompetente Auskunft, besonders bei Störungen.

Der SEV sieht seine Kritik mit dem Hinweis auf die Aufsicht Personenverkehr nicht entkräftet: «24 Mitarbeitende weniger auf den Perrons sind und bleiben 24 weniger», so das Gewerkschaftsorgan «kontakt.sev». Im Bahnhof Olten sei ab 19.30 Uhr der Billettschalter geschlossen, ergänzt Urs Huber, auf dem SEV-Sekretariat für den Bereich Infrastruktur zuständiger Teamleiter. «Man muss sich das vorstellen», nervt sich Huber auch privat, «in einem Bahnhof von der Bedeutung Oltens ist ab 19.30 Uhr schlicht kein SBB-Angestellter mehr für das Publikum vorhanden.»

«Pünktlichkeit wird leiden»

Huber sieht den Grund für den Abbau der betrieblichen Aufsicht im Spardruck: «Im Bereich Instandhaltung kämpft die SBB mit massiven Defiziten.» Doch der Gewerkschafter befürchtet auch eine Verschlechterung hinsichtlich Pünktlichkeit und Betriebsstabilität. «Automatisierung und Fernsteuerung sind gut, wenn alles problemlos läuft. Sobald ungeplante Störungen auftreten, braucht es persönliche Präsenz vor Ort.»

Die betriebliche Aufsicht gilt laut Huber auch beim Personal der Betriebszentralen als das «Auge der SBB». Die Perronaufsicht stelle zum Beispiel fest, wenn ein Lokführer verspätet oder gar nicht erscheine.

Solange die Zugverkehrsleitung nicht wisse, aus welchem Grund ein Zug nicht ausfahre, bleibe das entsprechende Gleis frei, sodass die Ein- und Ausfahrt anderer Züge unnötig lange blockiert bleibe. «Da sorge ich mich um die Anschlüsse», meint Urs Huber. Angesichts der Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit sei die Abbaumassnahme unverständlich und – wie der Verspätungs-Malus von 1,8 Mio. Franken an den Zürcher Verkehrsverbund zeige – auch teuer.