Bei der letzten Parteiversammlung Anfang September hat die SP Olten die Strategie für die Stadtratswahlen vom kommenden März bestimmt: Die Basis hat diskussionslos den Antrag der Geschäftsleitung angenommen, dass die Partei nur mit zwei Kandidaten antreten wird und keinen Angriff auf die anderen Parteien wagt. Die SP stellt mit Baudirektor und Vizestadtpräsident Thomas Marbet sowie Sozialdirektor Peter Schafer zwei der fünf Stadträte, die beide Mitte Juni gegenüber dieser Zeitung kommuniziert haben, dass sie wieder antreten wollen. Ein klarer Fall also: Zwei Stadtratssitze, zwei bisherige Kandidaten, die gute Wiederwahlchancen besitzen – der kommende März wäre für die SP eigentlich schon gegessen gewesen.

Doch so einfach wollte es sich die SP-Geschäftsleitung um Präsidentin Brigitte Kissling nicht machen. Anfang Mai bekam Marion Rauber, 50, Ex-Gemeinderätin, eine Anfrage von der SP-Spitze, ob sie sich ein Stadtratsamt vorstellen könnte. Sie überlegte sich die Sache gut, klärte den Zeitbedarf mit ihren beiden Arbeitgebern ab und entschied sich, dass sie das Amt reizen würde. Rauber: «Ich ging damals davon aus, dass es eine Vakanz bei uns geben würde.» Mit dem heutigen Wissen sagt sie: «Die Parteileitung hätte im Voraus regeln sollen, ob dem wirklich so ist.»

Als dann Mitte Juni offiziell bekannt wurde, dass die beiden bisherigen SP-Stadträte wieder antreten, sagte sich Rauber: «Jetzt ziehe ich meine interne Kandidatur nicht mehr zurück, da bin ich auch etwas bockig.» Die Geschäftsleitung hatte vor der Anfrage an Rauber nicht abgeklärt, ob die beiden bisherigen Stadträte wieder antreten. Präsidentin Kissling: «Das war dazumal noch kein Thema, wir gingen völlig unbedarft an mögliche Kandidaten heran.»

Das Vorgehen der Parteileitung ruft parteiinterne Kritiker hervor. Der ehemalige Parlamentspräsident Dieter Ulrich sagt: «Ich sehe keine Notwendigkeit, weitere Leute ins Rennen zu schicken.» Mit ihm selbst wurden auch Gespräche betreffs Stadtratswahlen geführt, doch Ulrich zeigte kein Interesse: «Solange es keine Vakanz gibt, ist das für mich kein Thema.»

Auch Gemeinderat Paul Dilitz sagt: «Das Vorgehen finde ich speziell.» Und Eugen Kiener ergänzt: «Vielleicht haben wir den Entscheid, nur mit einem Zweierticket bei den Stadtratswahlen anzutreten, zu leichtfertig gefällt.» In seinen Augen müsste die Partei nochmals darauf zurückkommen.

Was sagt Präsidentin Brigitte Kissling zur Kritik? Der Entscheid zum Zweierticket hätte die Parteiversammlung diskussionslos gefällt. Die Gegenwehr dazu sei ihr neu. Zudem sei es grundsätzlich allen Parteimitgliedern möglich, sich für ein Stadtratsmandat zu melden. «Wenn sich nebst den bisherigen Kandidaten auch andere Personen melden oder von uns angefragt werden, ist dies kein Misstrauensvotum an die bisherigen Stadträte.» Die Partei befinde sich in einem Wahlprozedere und es spricht für das Amt, wenn sich mehrere Kandidaten dafür interessieren.

Es gibt auch Befürworter dieser internen Ausmarchung. Der Oltner Kantonsrat Markus Ammann, der keine eigenen Stadtrats-Ambitionen mehr hegt, sagt: «Einfach die beiden Bisherigen aufzustellen, finde ich nicht richtig.» Amman macht sich für einen Wechsel stark und könnte sich gut vorstellen, dass das Zweierticket mit einem Bisherigen und einem Neuen besetzt wird. Er lässt durchblicken, dass für Peter Schafer mit seinen 15 Amtsjahren durchaus die Zeit gekommen wäre, sich Gedanken über einen Abgang zu machen.

Die beiden bisherigen Stadträte äussern sich zurückhaltend. Thomas Marbet: «Die SP ist eine sehr basisdemokratische Partei. Nun muss die Parteiversammlung entscheiden, wer auf das Zweierticket kommt.» Peter Schafer: «Wenn jemand nun Chancen sieht zu kandidieren, muss er sich jetzt melden, nachher ist es zu spät.» Zudem sieht er den Entscheid, nur mit einem Zweierticket anzutreten, noch nicht Stein gemeisselt.

So kommt es nun an der Parteiversammlung vom 10. November zu einem eigentlichen Showdown zwischen den vorerst drei Anwärtern auf zwei Sitze. Die Chance besteht, dass einer der beiden bisherigen Stadträte von der Basis nicht nominiert wird. Marion Rauber als aktive Fasnächtlerin und nicht ideologisch gesinnte Sozialdemokratin könnte bei einer allfälligen Kandidatur weit bis ins bürgerliche Lager Stimmen holen. Als Gemeinderätin wurde Rauber 2001 auf Anhieb mit dem zweitbesten Resultat und 2005 sogar mit dem besten Resultat aller Kandidaten gewählt.

Diese Parlamentarier interessieren sich ebenfalls nicht fürs Amt, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt: weder der letztmalige Stadtratskandidat Yabgu Ramazan Balkaç, noch Cultibo-Präsident Paul Dilitz, Amtsrichter Eugen Kiener, Jungparlamentarier Luc Nünlist, Fraktionspräsident Ruedi Moor oder die Parteipräsidentin Brigitte Kissling selbst.