Olten/Madagaskar
«Die Menschen hängen am Tropf der Entwicklungshilfe»

Der Oltner Stefan Frey setzt sich mit seinem Projekt Mad’ Eole für den Aufbau der Stromversorgung in Madagaskar ein. Im Interview erzählt er, warum sein Projekt nicht wie gewünscht vorankommt und weshalb die Entwicklungshilfe keine Erfolgsstory ist.

Von Fabio Baranzini
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Der Oltner Stefan Frey engagiert sich für die Elektrifizierung von Dörfern in Madagaskar. In der Hand hält er das Modell eines typisch madagassischen Holzhauses.

Der Oltner Stefan Frey engagiert sich für die Elektrifizierung von Dörfern in Madagaskar. In der Hand hält er das Modell eines typisch madagassischen Holzhauses.

Fabio Baranzini

Stefan Frey, Sie haben im Rahmen Ihres Projekts Mad’ Eole im letzten Jahrzehnt vier Dörfer in Madagaskar mit Wind- und Solarstrom versorgt. Das fünfte steht kurz vor der Inbetriebnahme des Systems. Sind Sie im Fahrplan?

Stefan Frey: Nein, eigentlich nicht. Wir hatten ursprünglich geplant, dass wir bis 2013/14 mit allen 15 Dörfern, die wir als Teil unseres Projekts mit Strom versorgen wollen, fertig sind. Davon sind wir aber noch weit entfernt und es wird auch noch viele Jahre dauern, bis wir so weit sind. In den Dörfern, die wir elektrifiziert haben, läuft das Projekt aber sehr gut und auch die Auswirkungen für die Bevölkerung sind spürbar.

Was sind denn die Gründe für die grossen Verzögerungen?

Zur Person

Stefan Frey ist 62 Jahre alt und lebt gemeinsam mit seiner Frau in Olten. Ursprünglich hatte Frey eine KV-Lehre absolviert, arbeitete danach als Journalist und landete schliesslich beim WWF, wo er bis zum Kommunikationschef und Geschäftsleitungsmitglied des WWF Schweiz aufstieg. Ab 1987 setzte er mehrere WWF-Projekte in Madagaskar um und lernte dort seine heutige Frau kennen. Vor rund 13 Jahren entstand die Idee, das Elektrifizierungsprojekt Mad’ Eole ins Leben zu rufen, das er bis 2012 selbst vor Ort betreut hat. Heute arbeitet Frey zu 80 Prozent als Mediensprecher für die Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH und ist daneben noch immer Chef des Mad’ Eole-Projekts und zuständig für die Finanzierung. Einmal im Jahr reist er nach Madagaskar und besucht das Projekt. (fba)

Haben Sie selbst auch Erfahrungen mit der Korruption gemacht?

Natürlich, wir haben immer wieder von Politikern und Ministern Anfragen erhalten, ob wir nicht Hilfe benötigten oder eine Bewilligung bräuchten. Darauf haben wir uns aber bewusst nicht eingelassen, auch wenn wir auf diesem Weg sicher schneller ans Ziel gekommen wären. So haben wir aber die Sicherheit, dass wir auch nach einem Regierungswechsel in Ruhe weiter arbeiten können.

Wie frustrierend ist es, zu wissen, dass man ein funktionierendes Projekt hat, das auch in grösserem Rahmen aufgezogen werden könnte, aber vonseiten der Regierung kein Interesse vorhanden ist, dieses umzusetzen?

Das Projekt Mad’ Eole

Seit gut zehn Jahren wird das Projekt Mad’ Eole in Madagaskar von Stefan Frey geführt. Das Ziel besteht darin, im Norden der Insel 15 Dörfer mit Elektrizität zu versorgen, damit sich die Lebenssituation für die Bewohner der Dörfer verbessert und die Landflucht gestoppt werden kann. Das Team besteht aus rund 20 Einheimischen, die permanent für Wind- und Solarenergie im Einsatz stehen. (fba)

Dieser Ansatz ginge dann aber wieder in Richtung Kolonialismus. Denn das würde bedeuten, dass man von aussen in das politische System eines Landes eingreifen und es nach den hiesigen Standards verändern würde.

Schauen Sie, heute heisst es, wir dürfen uns nicht einmischen. Die Leute sollen es selber lernen und umsetzen. In Madagaskar wird jedoch 70 Prozent des Staatshaushaltes von Entwicklungsgeldern bezahlt. Ist das keine Einmischung? Wir schulden es unseren Steuerzahlern und auch der Bevölkerung vor Ort, dass wir mit diesem Geld systemische Veränderungen herbeiführen können, damit das ganze Land davon profitiert. Das gilt nicht nur für Madagaskar sondern für ganz Schwarzafrika. In der Schweiz wird immer davon gesprochen, dass die Entwicklungshilfe eine Erfolgsstory sei. Das kann ich nicht mehr hören. In 40 von 45 schwarzafrikanischen Ländern geht es der Bevölkerung auf dem Land schlechter als vor der Unabhängigkeit. Wenn da nicht schnell etwas passiert und wir das aktuelle Entwicklungssystem grundsätzlich ändern, kommt es zu einer gigantischen Katastrophe. Allein aus Madagaskar kämen bereits heute zwei bis drei Millionen Flüchtlinge nach Europa, wenn das Land keine Insel wäre, von der man per Schiff kaum wegkommt.

Woher nehmen Sie denn die Motivation, sich diesem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die vorherrschende Situation zu stellen und das Projekt Mad’ Eole weiterzutreiben?

Mein Frust gilt der Politik und der Schönrederei der Entwicklungshilfe. Das hat aber nichts mit dem Projekt Mad’ Eole zu tun. Wenn ich sehe, wie sich das Leben in einem Dorf verändert, wenn wir die Elektrizität installiert haben, ist das Lohn genug. Zu sehen, wie die Leute plötzlich aufrecht gehen und etwas aus ihrem Leben machen wollen, ist sehr berührend.

Ein wichtiger Bestandteil ihres Projekts sieht vor, dass die lokale Bevölkerung selber aktiv mithelfen muss, die Elektrizität in ihrem Dorf zu installieren, und danach auch für den Strom bezahlen muss. Weshalb?

Das hat mit einem weiteren Effekt der falschen Entwicklungshilfe zu tun. Die Leute sind faul geworden. Sie hängen quasi am Tropf der Entwicklungshilfe. Sie warten nur darauf, dass jemand Mitleid mit ihnen hat und ihnen deswegen etwas gibt oder ihnen etwas bezahlt. Die Dörfer sind lebendig tot. Wir wollen mit unserem Ansatz dafür sorgen, dass mit der bestehenden Kultur, dass die Leute alles gratis bekommen und nichts dafür tun müssen, gebrochen wird. Die Leute sollen Mithelfen, die Veränderung herbeizuführen. Nur so kann es zu einer nachhaltigen Verbesserung kommen.