In quasi jeder Ecke des Raums stehen, sitzen oder hängen Handpuppen. Jede mit einem eigenen Gesicht, eigener Kleidung. Prinzessinnen, Teufel, Pferde und unzählige andere Figuren. Das ist das Reich von Corinne Michel-Kundt.

An der Solothurnerstrasse 140 in Olten leitet die Therapeutin die Höhere Fachschule für Figurenspieltherapie. Rund zwölf Studierende pro Jahrgang absolvieren die Ausbildung. Und es werden seit der Schulgründung im 2009 immer mehr.

Wirkung ohne Ritalin

«Bis vor wenigen Jahren wurde unsere Therapieform nicht wirklich wahrgenommen. Bis wir die Erfolge zeigen konnten, die wir damit erreichen», sagt die 52-Jährige.

Die mittlerweile fast 100 beim Fachverband Figurenspieltherapie angemeldeten Therapeuten behandeln vor allem Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Schlaf- und Entwicklungsstörungen oder diffusen Ängsten. «Heutzutage werden viele Störungen immer öfter einfach und schnell mit Ritalin gelöst» sagt sie. «Wir hingegen verzichten vollständig auf den Einsatz von Medikamenten und erzielen oft die gleichen Resultate», sagt sie. «Wir brauchen einfach ein bisschen mehr Zeit.»

Gearbeitet wird mit den «gegebenen Ressourcen». Konkret funktioniert es in der Regel so: Das Kind bastelt sich in Begleitung der Therapeutin eine Handpuppe. «In dieser Phase können wir grundlegende Fertigkeiten des Kindes abklären, zum Beispiel die Motorik.» Mit der fertigen Puppe spielt das Kind dann mit der Therapeutin, die mit einer anderen Handpuppe – oder manchmal mit einer ganzen Schar von Figuren– zur Spielgefährtin wird.

Kind findet eigener Lösungsweg

«Beim Spielen drücken die Kinder unbewusst Sorgen und Ängste aus. Sie versinken im Spiel und lassen die Puppe sprechen und vergessen auch, dass hinter der anderen Puppe eine Person steht», sagt Michel. Jede Handlung im Spiel, jede ausgewählte Kulisse ist Symbol für etwas. 

Darauf kann die Therapeutin, die diese Symbole deuten kann, reagieren und mit dem Kind die Blockade lösen. Ist die Prinzessin zum Beispiel im Käfig gefangen, zeigt ihr die Spielgefährtin, wie sie rauskommen kann und wo sie sicher ist. Die Kinder lösen das Problem im Spiel dann mit Unterstützung der Spielgefährtin. Die Prinzessin kommt aber schliesslich alleine aus dem Käfig. So findet das Kind seinen eigenen Lösungsweg.

Wunder-Wirkung?

Während bei einigen Betroffenen das Problem in wenigen Sitzungen gelöst wird, brauchen andere eine längere Betreuung. Unter den kleinen Patienten sind aktuell zum Beispiel auch einige Flüchtlingskinder mit Traumata. «Glücklicherweise drückt man sich im Spiel vor allem mit einer Zeichensprache, einer inneren Sprache, aus», sagt Corinne Michel. Sprachbarrieren kenne man da nicht. Fremdsprachige Kinder würden dabei sogar Deutsch lernen. «Unglaublich schnell spricht das Kind dann deutsche Wörter und Sätze.»

Die Figurenspieltherapie wird aber nicht nur bei Kindern eingesetzt. Ganze Gruppen, zum Beispiel Schulklassen aber auch Erwachsene, etwa ein ganzes Managementteam, haben in einer Sitzung schon ihre Streite ausgetragen. Ein neues Feld sind Demenzkranke und geistig Behinderte, mit denen die Therapeuten laut Corinne Michel schon erste vielversprechende Erfahrungen machen konnten.

Das Figurenspiel erziele sogar Resultate, die wissenschaftlich nicht erklärbar seien. Eine Patientin, zum Beispiel, die nach einem Schlaganfall nur noch Ja sagen konnte, redete, wenn sie über die Handpuppe sprach, auf einmal in ganzen Sätzen. Auch stotternde Menschen sprechen laut Michel fliessend, wenn sie in der Sitzung eine Handpuppe aufsetzen. «Theoretisch ist das gar nicht möglich. Und dennoch. Es funktioniert.»

Wirkung mit Grenzen

Die Figurenspieltherapie kenne aber auch Grenzen. «Sobald wir eine schwere psychische Störung erkennen, übergeben wir den Fall an Fachärzte», sagt Michel. «Äussert zum Beispiel ein fünfjähriges Mädchen mehrfach Suizidgedanken, leiten wir sie über die Eltern einem Psychiater weiter. In solchen Fällen können wir die Verantwortung nicht mehr alleine tragen.» In anderen Fällen, wo hingegen Handlungsbedarf vorhanden wäre, sind den Therapeuten teilweise die Hände gebunden. Zum Beispiel bei Missbrauchsfällen.

«Wenn ein Kind im Spiel plötzlich darüber spricht, dass es zum Beispiel ein Geheimnis hat, das sein Papa nicht verraten haben will, dann läuten bei mir natürlich die Alarmglocken», sagt Michel. «Häufen sich die Hinweise, wird es immer heikler.» Das Kind müsse bereit sein, um Änderungen zuzulassen. Im Spiel werden ihm die Möglichkeiten erklärt. Es muss schliesslich aber selber entscheiden, ob es Hilfe zulässt oder nicht. «Es bringt nämlich nichts, wenn das Kind dann nicht aussagen will und alles abstreitet», sagt Michel. Das seien frustrierende Erlebnisse. «Man weiss dann zum Teil ganz genau, wenn das Kind die Praxis verlässt und dann zu Hause ist, passiert es vielleicht gleich.»

Irgendwann kippt es

Oftmals würden Kinder den Vater in Schutz nehmen, «weil es ja immer noch der Papa ist, den sie lieb haben.» Meistens würde die Situation aber irgendwann glücklicherweise kippen. Sind genug Beweise da, wird der andere Elternteil informiert, die Kinderschutzbehörde. Die ganze Rechtsmaschinerie kommt in Gang.

«Für viele Opfer gab es schliesslich ein Happy End – das heisst nicht, dass einfach alles gut ist, aber der Lebensweg ist wieder gangbar.» Zu einigen ehemaligen Patienten habe sie heute noch Kontakt. Nicht mehr als Therapeutin, sondern als Freundin.