Fasnachtsstart
Die Kinder klingeln bei jedem Haus - unser Redaktor an der Hägendörfer Chesslete

Ein Fasnachtsflüchtling wagte sich in aller Herrgottsfrüh nach Hägendorf und half ein wenig mit, die Fasnacht einzuläuten. Und ass brav seine Mehlsuppe.

Philipp Felber
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Chesslete in Hägendorf
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Chesslete in Hägendorf

Bruno Kissling

Etwas früh wars schon am Donnerstagmorgen, als mich um 4.15 Uhr der Wecker aus dem Schlaf riss. Interessanterweise weckt um diese Zeit die Morgendusche nicht − und Kaffee trinke ich nicht.

So blieb nur eins: Gute Miene zum bösen Spiel und ab nach Hägendorf; die Chesslete ruft. Um die Peinlichkeit zu vertuschen, dass ich als Alt-Obernarr (oder für Egerkinger Fasnachtspuristen: Altchräievatter) gar kein Chesslerhemd besitze, habe ich mich im Vorfeld darum bemüht, dass mir eins zur Verfügung gestellt wird.

Und der Hägendörfer Root-Rat war so nett, auch für einen Egerkinger Fasnachtsflüchtling ein weisses Gewand aufzutreiben. Angst, dass sich die Maskenraub-Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert wiederholen könnte, war wohl keine mehr da. Richtig gekleidet gings dann punkt 5 Uhr los, ein Böllerknall und dann vorwärts marsch! Das Fasnachtsoberhaupt, der Root XXXIX voraus, in der Hand ein nigelnagelneuer Regierungsbesen. Der alte ging im letzten Jahr verloren, wurde mir berichtet, was an einer Fasnacht auch mal passieren kann.

Gegen Schlaf und Winter

Die Route ist jedes Jahr dieselbe, einige der altgedienten Fasnächtlerinnen und Fasnächtler würden den richtigen Weg wohl im Schlaf finden. Doch an Schlaf ist nicht zu denken, schliesslich ist es ja Ziel der Chesslete, die noch friedlich Schlafenden aus den Federn zu holen. Oder ist das Ziel doch das Winteraustreiben? Viel auszutreiben gibts in diesem Jahr ohnehin nicht, darum bleibt wohl nur das Schlafaustreiben. Und vor allem kann ich mir nur schwer vorstellen, dass bei der ersten Chesslete auch nur einer an das Ammenmärchen vom Winteraustreiben geglaubt hat. Da gehts wohl eher darum, möglichst früh mit der Fasnacht zu beginnen, die Zeit vor der Fastenzeit muss schliesslich genutzt werden.

Und in Hägendorf scheint man diesem Credo zu folgen. Zwar sind beim Start nur gut 30 Leute anwesend, doch nach und nach wächst der Umzug an. An jeder Ecke steht ein Grüppchen, es wird gewinkt, geküsst, umarmt und sich dem Umzug angeschlossen. Die Kinder machen sich einen Spass daraus, bei jedem, aber wirklich bei jedem Haus entlang der Route zu läuten.

Bei der ersten Bergpassage merke ich dann auch, dass ich den gut gemeinten Rat von Root-Rats-Präsident Renato Hirrlinger zu fest beherzigt habe. Hat er mir doch gesagt, ich solle mich dann warm anziehen. Was mir als nicht Fasnachtsanfänger durchaus bewusst war, doch eine Schicht an Thermowäsche hätte dann auch gereicht. Andere brauchten gar keine lange Unterwäsche (so hiess die früher, bevor sie als Funktionswäsche verkauft wurde). Kamen sie doch vom Ziehen der Wagen oder dem Glockenläuten gehörig ins Schwitzen.

5 Kilometer vor dem Zmorge

Apropos Wagen: Anschliessend an die Chesslete prämiert der Root traditionellerweise die drei kreativsten Lärmwagen. An diesem Morgen habe ich drei Wagen gezählt. Das sei so etwa der Durchschnitt in den letzten Jahren, wurde mir während des Umzugs freimütig erzählt. Aber seis drum, kreativ waren die drei Wagen allemal und der Siegerwagen hat verdient gewonnen. Der zweitplatzierte Wagen gab jedoch ein solch nervtötendes und lautes Hupen von sich, dass er selbst an der sehr lauten Hägendörfer Fasnacht hervorstach.

Nun aber zurück zur Route. Besonders der «Geech» liess mich schwitzen, auch wenn das Tempo den Berg rauf jeweils spürbar sank. Mir war dies indes recht. Insgesamt legten wir in den rund eineinhalb Stunden gut fünf Kilometer zurück. Von meinen 10 000 Schritten pro Tag habe ich also noch vor der ersten Portion Mehlsuppe mehr als die Hälfte geschafft. Allein dafür lohnte sich das Aufstehen schon fast.

Drei Cliquen für eine Fasnacht

Wofür es sich noch mehr lohnte: die Stimmung zu erleben. In Hägendorf ist die Chesslete-Tradition fest verankert, das war deutlich zu spüren. Beim anschliessenden Mehlsuppe-Essen waren gut 250 Fasnächtlerinnen und Fasnächtler zugegen. Meine Portion habe ich, trotz jahrelanger Abneigung gegen die braune Brühe, aufgegessen. Und für gut befunden.

Der Umstand, dass nur noch drei Cliquen aktiv dabei sind, liess neben aller Fasnachtsfreude auch wehmütige Stimmen aufkommen. Die Hägageri-Gugge, die Höckeler-Zunft und die Schlumpf-Zunft stellen abwechslungsweise den Root, in diesem Jahr war die Reihe an der Schlumpf-Zunft. Die wissen übrigens «wie man richtig Fasnacht macht», wie nach der Chesslete am Tisch zu vernehmen war. Die Frotzeleien unter den Cliquen gehören wohl genauso zur Hägendörfer Fasnacht, wie der Umstand, dass die drei Gruppen die Fasnacht gemeinsam tragen.

Um halb acht hatte mein Tisch Lust auf Thonbrötchen und machte sich auf Richtung Dorfplatz. Dort steht während der Fasnachtszeit das «Roothuus». Die Fasnächtler lassen sich vom Vögeli Beck und der Raiffeisen-Bank verköstigen. Um 9.30 Uhr gings dann zum Schulhaus, wo der Root traditionellerweise den Kindern schulfrei gibt.