Olten
Die ironische Rache einer Fledermaus eroberte die Bühne

Das Operettenmeisterwerk von Johann Strauss als Musikkomödie mit Klamauk; so jedenfalls kam die Inszenierung für da Theater Orchester Biel Solothurn rüber.

Peter Kaufmann
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Fledermaus: Die Theater-Unterhosen sind nun also auch in der Provinz angekommen.

Fledermaus: Die Theater-Unterhosen sind nun also auch in der Provinz angekommen.

Bruno Kissling

Der beste Regieeinfall gleich zu Beginn: Gefängniswärter Frosch ist entlassen worden und fragt sich und das Publikum konsterniert: «Warum bloss?» Der kleine Beamte muss gehen, die gute Gesellschaft feiert weiter – dies der Sinn der Szene, die in die Ouvertüre der «Fledermaus» eingefügt ist. Günter Baumann brilliert in der Komikerrolle des Frosch. Wie nebenbei verniedlicht er Grausamkeiten, die im Gefängnis geschehen können. Ungeniert erzählt er davon, dass mit ein bisschen Papiergeld alles wieder anders aussieht, während er die Hosen wechselt und kurz in weissen Unterhosen dasteht.

Allzu viel der Ironie

Nun gut, die Theater-Unterhosen sind nun also auch in der Provinz angekommen: Lange grüngraue beim Frühturnen der Häftlinge, gross karierte beim Rechtsanwalt, geblümte Shorts bei den Partygästen und beim Gefängnisdirektor – ein Running Gag, der leider jeweils allzulang ausgespielt wird genauso wie das verspielte Treiben mit den Hirschköpfen und -geweihen. Regisseur Paul Suter, Inspizient am Opernhaus Zürich, inszenierte «Die Fledermaus» für das Theater Orchester Biel Solothurn. Die Handlung verlegte er in die Mitte des letzten Jahrhunderts und peppte sie mit ironischen Gags auf. Suter zeigt deutlich, vielleicht sogar allzu deutlich, dass jeder und jede den andern betrügt, belügt, düpiert und hintergeht, vor allem aber auch zu verführen versucht und dabei kläglich scheitert. Besonders schlecht weg kommen die Männer, die möglicherweise auch deshalb immer wieder ohne Hosen dastehen.

Die raffiniert eingefädelte Rache einer Fledermaus ist vor 140 Jahren im kaiserlichen Wien uraufgeführt worden.

Das Meisterwerk von Johann Strauss ist im Libretto und in der walzerseligen Musik ironisch gebrochen. Ironie von damals plus Ironie von heute – für meinen Geschmack war dies ein bisschen allzu viel von jeder Sorte. Zugegeben, «Die Fledermaus» ist nicht leicht zu inszenieren. Statt einer eleganten, gesellschaftskritischen Operette blieb aber diesmal bloss eine Musikkomödie mit viel Klamauk übrig. Der letzte Akt, der im Gefängnis spielt und am ehesten als Schwank taugt, ist denn auch dank neuer Textbearbeitung und Froschs Couplet am besten geglückt. Doch immerhin gab es auf der Bühne im Party-Akt Champagner und Wodka im Überfluss und beim Kapellmeister Aspirin.

Musikalisch bezaubernd

Bleiben die unvergängliche Musik von Johann Straus, die schönen Melodien und Ohrwürmer, aber nicht zuletzt auch die gesanglichen Qualitäten und die Spielfreude des Ensembles. Das Sinfonieorchester Biel Solothurn spielte unter dem Dirigat von Harald Siegel überzeugend und ohne Süsslichkeit. Gelungen auch die gesanglichen und schauspielerischen Leistungen des Chores mit Leiter Valentin Vassilev. Ein Genuss war es, die Sopranistin Tatjana Gazdik als untreue Gattin Rosalinde und temperamentvolle ungarische Cardasz-Fürstin zu hören. Nicht minder faszinierten die reinen Koloraturen der Sopranistin Christa Fleischmann in der Rolle des Dienstmädchens Adele, das künstlerische Ambitionen hat. Tenor Peter Bernhard als nervöser Möchtegernverführer Eisenstein, Enrico Marucci als rachegieriger Studienfreund, Ulrich S. Eggimann als Gefängnisdirektor, Ján Rusko als verliebter Gesangslehrer mit schmalzigem Tenor und Violetta Radomirska in der Hosenrolle des Partygastgebers Orlofsky trugen viel zum musikalischen Erfolg des Abends bei.

Alles in allem aber blieb es der nicht völlig geglückte Versuch, «Die Fledermaus» modern zu erzählen.