Wings for Life
Die Hitze verlangte den Teilnehmern alles ab

Am Sonntag gingen 3'157 Läuferinnen und Läufer in Olten auf den Parcours. Über zwei Stunden läuft auch Redaktor Yann Schlegel durchs Gäu. Der Wings for Life World Run fand zeitgleich an 34 Orten auf der Welt mit insgesamt rund 90'000 Teilnehmenden statt.

Yann Schlegel
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Das warme Wetter verlangte den Wings for Life-Teilnehmerinnen und -teilnehmern, hier in der Oltner Kirchgasse, alles ab.

Das warme Wetter verlangte den Wings for Life-Teilnehmerinnen und -teilnehmern, hier in der Oltner Kirchgasse, alles ab.

Remo Fröhlicher

Die Haare sind salzig, die Beinmuskulatur beginnt Anzeichen von Krämpfen zu zeigen, als der Catcher Car nach 28,74 Kilometern an mir vorbeizieht und mein Widerstand endgültig gebrochen ist. Über zwei Stunden und 20 Minuten haben meine Füsse mich durchs Gäu getragen, ehe die fahrende Ziellinie und der ganze Tross mich zwischen Neuendorf und Härkingen einholt.

Yann Schlegel bei Kilometer 10.

Yann Schlegel bei Kilometer 10.

Remo Froehlicher

Plötzlich kehrt um mich herum vollständige Ruhe ein, derweil ein Mäusebussard den Acker zu meiner Linken nach Beute absucht. Ein Anblick, der es mir erlaubt, innezuhalten und die hinter mir liegenden Ereignisse Revue passieren zu lassen.

30 Kilometer sind das Ziel

Um 13 Uhr ist es so weit: 3157 Läuferinnen und Läufer begeben sich in Olten auf den Parcours. Für die Allermeisten zählt in diesem Wettbewerb nicht der Rang, sondern der gute Zweck für all jene zu laufen, die es nicht können. Entsprechend vielfältig sind die Vorstellungen, wo die bevorstehende Herausforderung enden soll.

Mein persönliches Ziel? «Heute will ich meine Grenzen ausloten», denke ich mir. Und obwohl kaum ein Laufwettkampf geringere Forderungen an einen Teilnehmenden stellt, setze ich mich sogleich selber unter Druck. Mein Wunsch: die 30-Kilometer-Marke zu knacken und dabei ans Limit zu gehen.

Unerbittlich brennt die Maisonne vom Himmel herab, was einem ein erstes Mal auf der kargen ERO-Umfahrungsstrasse bewusst wird. Und dennoch fühlt es sich auf den ersten Kilometern noch an, als würden mir die Dörfer entgegenfliegen. Der Rhythmus stimmt.

Langsam, aber sicher zieht sich der endlos scheinende Läuferstrahl im Gheid in die Länge. Und nach einem dutzend Kilometern passiere ich mit gutem Gefühl bereits wieder das Kleinholz-Areal, um auf den schönsten Abschnitt meines Tages einzubiegen. Der Ruttigerweg entpuppt sich als eine der wenigen Schatten spendenden Stellen und bildet mit der dahinfliessenden Aare die schönste Szenerie des Tages.

Das warme Wetter verlangte den Wings for Life-Teilnehmerinnen und -teinhehmern, hier im Oltner Gheid, alles ab.

Das warme Wetter verlangte den Wings for Life-Teilnehmerinnen und -teinhehmern, hier im Oltner Gheid, alles ab.

Remo Fröhlicher

Die Sonne brennt unerbittlich

Einziger Wermutstropfen ist, dass nach der Hälfte meiner Zieldistanz sich bereits Blasenbildung an den Fussballen abzeichnet. Doch noch sind meine Sinne vollständig intakt und ich nehme die wunderschöne Sicht auf die mächtige Festung von Aarburg wahr. Die folgenden Momente gehören allerdings zu den schwierigsten.

Der Asphalt auf der völlig ungeschützten Hauptstrasse in Richtung Boningen scheint unter meinen Füssen regelrecht zu glühen. Nur die feierliche Stimmung im Dorfkern von Boningen vermag mir den nötigen Schwung mit auf den Weg geben, die Gunzger Allmend zu meistern. Vergebens sucht mein Blick nach Schatten, als ich den offensichtlich ebenfalls leidenden Oltner Eishockeyaner Romano Pargätzi einhole.

Nur weil der vor mir laufende Läufer sich in Härkingen zu mir wendet und mit mir abklatscht, wird mir bewusst, dass soeben die Halbmarathondistanz hinter mir liegt. Der Wahrnehmungsverlust ist ein Indiz für meine schwindenden Kräfte. Längst bemerke ich das Brummen der GPS-Uhr am Handgelenk nicht mehr, wenn die gefühlsmässig immer länger werdenden Kilometer vollendet sind. Erste Zweifel, die angestrebten 30 Kilometer bewältigen zu können, überkommen mich.

Im sehnsüchtig erwarteten Waldstück zwischen Fulenbach und Neuendorf bin ich gezwungen, mein Tempo zu drosseln und in den Laufschritt überzugehen. Erst an der Verpflegungsstation nach 27 Kilometern kann ich nochmals letzte Kräfte freimachen, als der EHCO-Verteidiger Pargätzi wieder zu mir stösst und meint: «Jetzt ist fertig».

Im Abstieg zu Neuendorf hin dämpft erstmals eine Wolke die Wucht der prallen Sonne. «Zu spät», denke ich mir. Wenig später braust die Ziellinie von hinten heran. Meine persönliche Grenze habe ich gefunden, denn nun läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Das ist die Faszination am Laufen.

80-Kilometer-Marke geknackt

Am Sonntag fand die dritte Austragung des Wings for Life Worldrun zeitgleich an 34 Orten auf der Welt mit insgesamt rund 90 000 Teilnehmenden statt. Die Teilnahmegebühren kommen der gleichnamigen Stiftung zugute, die sich zum Ziel gesetzt hat, Querschnittlähmung heilbar zu machen.

Dieses Jahr knackten gleich zwei Läufer die 80-Kilometer-Marke: Der Italiener Giorgio Calcaterra schaffte in fünfeinhalb Stunden unglaubliche 88,8 Kilometer.

Pamela Veith (39,9 km) und Stefan Lüscher (57,6 km) gewannen den Wings for Life in Olten und können sich somit nächstes Jahr eine beliebige Startdestination aussuchen.

Am 7. Mai 2017 kehrt der Grossanlass nach Olten zurück.