Ein giftgrünes Kostüm, eine Krone aus Gold und ein blumenförmiger Zauberstab: Das sind die Waffen, mit der die Liebesglücksfee jeden Mann rumkriegt. Nur ihren Exmann nicht. Der hat sie nämlich sitzen lassen wegen einer Brunetten. In solchen Fällen sucht sich die blonde Annette Postel Rat bei ihrem Psychologen, sprich ihrem Coiffeur. Der ist ihr eine Stütze, ihre einzige Lebenshilfe sozusagen. Und er legt ihr nahe, auf keinen Fall alleine zu bleiben. Ein Mann muss her, je schneller, desto besser. Da sich Pianist Klaus Webel ziert, sucht sich seine Mitstreiterin Ersatz in Form eines «Alleinherrschers». Wenn sie erst einmal ihre eigene Tagessendung bei ARD habe, werde sich bestimmt irgend so ein Alleinherrscher für sie interessieren, die gucken doch alle ARD, besonders die aus der östlichen Hemisphäre. Der Mann am Klavier ist sich der Sache nicht so sicher, was aber auch keine Rolle spielt. Seine Chefin hat sich nämlich entschieden, eine Art Eifersuchtsduett zu schmettern. Das Lied vom «Drecks-Ex» ist der Titel. Dabei übernimmt sie beide Rollen, die der betrogenen Ehefrau und die der Geliebten. Bei der Eifersuchtsnummer wird deutlich, dass sich Annette Postel von Klassikern wie der «Dreigroschenoper» inspirieren lässt. Kein Wunder, hat die Künstlerin aus der Pfalz den 1. Preis des Lotte Lenya Contests der Kurt Weill Foundation gewonnen.

Mit dem Klavier kamen Tränen

«Kann mir mal jemand ein Taschentuch geben?», schluchzt die Sängerin nach dem Stück, in dem sie ihre Nebenbuhlerin noch vergiften wollte. Sie kann sich einfach nicht damit abfinden, dass ihr Mann sie wegen einer anderen verlassen hat. Was fällt diesem Nichtsnutz auch nur ein? «Was hat die, was ich nicht habe?», fragt sie verzweifelt den Klaus, der still hinter seinem Flügel sitzt. «Braune Haare ...?», fragt er vorsichtig. Annette Postel braucht nun Trost. Den findet sie in einer Lobeshymne auf ihren Stylisten, den besten Coach seit Menschengedenken, ihren Friseur. Sie braucht kein Yoga, kein Fernsehen, nicht mal eine Zeitung oder Internet. Nein, eine Liebesglücksfee findet ihre Erfüllung im Coiffeursalon. Dazu hat sie den Text von Verdis «Figaro» umgeschrieben..

Augen wie Diamanten

In der Pause ist es passiert: Annette Postel hat sich unter das Publikum gemischt und ihn gefunden. Den richtigen Mann! Ein ganzer Kerl von einem feurigen Spanier! Voller Selbstvertrauen macht sich die Sängerin daran, ein vorgeblich improvisiertes Liebeslied zum Besten zu geben. Die Sache geht gründlich daneben, der Flirt mit dem Spanier ist damit beendet.

Zu allem Unglück trifft sie hinter der Bühne auf ihren «Schmutzengel», ein sarkastisches Federvieh, welches jeden noch so guten Vorsatz von Anfang an zunichtemacht. Der bösartige Vogel posaunt pikante Details aus dem Leben seiner Besitzerin in den Zuschauerraum hinaus, zum Beispiel, dass diese im Flugzeug Stützstrümpfe trage.

Der Versager in uns

Was wie ein harmloser Klamauk in Form einer Handpuppe daherkommt, kann als Metapher aufgefasst werden für die kleine innere Stimme, die für Demotivation sorgt, bevor man überhaupt versucht hat, ein Ziel zu erreichen. Annettte Postel versteht es, menschliche Abgründe aufzuzeigen, nicht unbedingt die ganz tiefen, aber doch diejenigen, die einem das Leben, gerade weil sie so unauffällig weil alltäglich daher kommen, schwerer machen können, als es ist. Nicht nur, dass sie sich von der inneren Stimme in Form des Schmutzengels fertigmachen lässt. Es gibt auch die andere Seite, die der masslosen Selbstüberschätzung, welche ebenso für ein klägliches Scheitern verantwortlich sein kann. Annette Postels Kabarett bewegt sich gekonnt zwischen diesen beiden Gegensätzen, deren Folge immer dieselbe ist: klägliches Versagen.

Ausziehn gehört zum Beruf

Wie eine Zwiebel schält man sich aus dem Kostüm, um dem Publikum, vorwiegend dem männlichen, zu gefallen. Dies sind die Zeilen, die Annette Postel zum Schluss singt. Sie verschwindet hinter einem überdimensionalen Paravent. Ihr Schatten lässt erkennen, dass sie ihre Hüllen fallen lässt. Ob sie tatsächlich im Evaskostüm dort stand, bleibt der Fantasie überlassen. Gelungen ist ihr der burleske Einschub allemal, das Publikum goutiert diesen mit lautem Applaus. Bei den Zugaben schlägt Annette Postel etwas versöhnlichere Töne an und brilliert noch einmal mit ihrer gewaltigen Stimme. Sie singt mit deutschem Text das «Stromae» aus «Carmen». Zu guter Letzt bringt sie ihre Botschaft noch einmal auf den Punkt, wenn sie singt: «Irgendwo tanzt immer jemand Tango.»