Olten
Die Gewerbler leiden wegen des Strassenstrichs an der Oltner Haslistrasse

Gebrauchte Kondome und wildes Urinieren– was die Kleingewerbler an der Haslistrasse in Olten am Morgen nach dem nächtlichen Strassenstrich vorfinden, belastet sie. Die Situation erträglich machen könnte wenig.

Deborah Onnis
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Kondomverpackungen und Abfall am Morgen danach an der Haslistrasse. DO
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Am Montagmorgen sind die Abfalleimer überfüllt. Der Rest bleibt am Boden. DO
Der Strassenstrich in Olten
Es gibt ein klares Halteverbot zwischen 20 und 5 Uhr, aber es wird nicht eingehalten.
Ein Toitoi-WC für die Sexarbeiterinnen würde die Situation schon ein bisschen entschärfen.
Stigmatisiert: Der Strassenstrich an der Haslistrasse in Olten.

Kondomverpackungen und Abfall am Morgen danach an der Haslistrasse. DO

Deborah Onnis

Montagmorgen an der Haslistrasse in Olten: Zerdrückte Zigarettenstummel mit pinkfarbenen Lippenstiftspuren markieren den Arbeitsort der Sexarbeiterinnen.

Dem Strassenrand entlang sind leere Red Bull Dosen und gebrauchte Taschentücher verteilt. Gleich hinter einem Anhänger sind die Überreste des nächtlichen Strassenstrichs noch deutlicher zu sehen und zu riechen: Kondomverpackungen und Uringestank.

Dieses Szenario finden die Kleingewerbler an der Haslistrasse fast jeden Morgen vor. «Am schlimmsten ist es nach dem Zahltag und generell am Wochenende», sagt ein Gewerbler, der anonym bleiben möchte. Er zeigt auf den fremden Abfall vor seinem Betrieb. «So kann es einfach nicht weitergehen», sagt er entschlossen.

Ähnlich geht es Roland Wittich von Wittich Weine und Biere AG. «Auf dem gesamten Areal vor dem Ladeneingang finden wir regelmässig Abfall, oftmals sogar gebrauchte Kondome, was insbesondere für Familien mit kleinen Kindern ausserordentlich unangenehm ist.»

Christian Steck, Fahrer des Carunternehmens Born Reisen AG, kennt die Situation an der Haslistrasse schon seit 30 Jahren.

Die Gegend sei schon immer von Sexarbeiterinnen aufgesucht worden. Seit die Stadt eine Barriere zum Privatgelände des «Born»-Parkplatzes installiert habe, werde zumindest das Privatareal weniger in Beschlag genommen. «Die Verschmutzung ist aber nach wie vor gross.»

Abfall als kleineres Problem

Auch Kurt Mirer, Geschäftsführer des Carunternehmens Goldstern-Reisen AG an der Haslistrasse, hat vor seiner Garage einiges erlebt.

Sein Garagentor auf einem Privatareal werde regelmässig von eher jungen Männern versperrt. «Das letzte Mal, als ich sie aufgefordert habe wegzugehen, wurde ich angegriffen.»

Ein junger Mann habe ihn an der Gurgel gepackt und ihm mit der Krawatte die Luft zugedreht. Dank einem Pfefferspray konnte er sich schliesslich befreien. Den Vorfall habe er gleich der Polizei gemeldet. Geändert habe sich die Situation aber nicht. Er habe oft irgendwelche Probleme an der Haslistrasse.

Das sagt Stadtpräsident Martin Wey zum Strassenstrich

«Die Stadt nimmt die Anliegen der Gewerbebetriebe ernst. Wir wollen diese nicht hängen lassen. Wir haben aber auch festgestellt, dass bei uns in letzter Zeit keine Beschwerden wegen des Abfalls gemeldet wurden. Wir versuchen, die Abfall-Situation mit den Polizeikontrollen und dem Werkhof im Griff zu behalten und bleiben mit beiden im Gespräch. Grundsätzlich haben wir aber nicht vor, Massnahmen zu ergreifen, um den Strassenstrich zu fördern.»

«Jedes Mal, wenn wir abends oder nachts mit dem Car zurückkehren, befürchten wir angepöbelt, beschimpft oder gar bedroht zu werden.» Freier würden mit ihren Autos auf dem Privatareal anhalten und Dienste von Sexarbeiterinnen in Anspruch nehmen. Wenige Meter vor seiner Garagen-Einfahrt. Der Abfall, den er jeweils am Morgen vor dem Garagen-Eingang auf dem Privatareal vorfindet, scheint noch das Harmloseste zu sein. «Hier gibt es nichts, was es nicht gibt», sagt Kurt Mirer. «Es sind Zustände, die fast gar nicht mehr auszuhalten sind.» Seine Frau habe mittlerweile Angst alleine an die Haslistrasse zu gehen. «Es bleibt halt immer dieses Gefühl der Unsicherheit.»

Gegend abgestempelt

Obwohl es tagsüber bis 20 Uhr an der Haslistrasse relativ ruhig ist, bleibt sie offenbar stigmatisiert. «Es ist schwierig, in einem solchen Quartier zu arbeiten», sagt der Gewerbler, der nicht mit Namen erwähnt werden will. Das Gewerbe leide unter dem schlechten Ruf des Quartiers.

Von der Stadt erwartet er mehr Unterstützung. «Wir fühlen uns im Stich gelassen», sagt der Gewerbler und spricht offensichtlich gleich für einige Kleingewerbler an der Haslistrasse. Seit vor einigen Jahren der Strassenstrich von der Industriestrasse ganz in die Haslistrasse gedrängt wurde, scheint es für einige nicht mehr erträglich. Die Situation erscheint ihnen gar hoffnungslos. Aus seiner Sicht könne man schon mit Wenigem einiges verbessern. Zum Beispiel mit mehr Abfallkübeln. Bei einem Augenschein finden sich auf dem zentralen Abschnitt der Haslistrasse zwei Abfallkübel. «Wir hatten eine Zeit lang auch einen weiteren», sagt ein Gewerbler. Dann sei offenbar ein Freier reingefahren. Seither sei der Kübel weggenommen und nicht mehr ersetzt worden. Auch ein Toitoi-WC könne vielleicht zur Besserung der Situation beitragen.

«Mehr Kübel bringen nichts»

Beim Werkhof Olten sind die von Littering stark betroffenen Gegenden wie die Haslistrasse bekannt. Werkhofleiter René Wernli betont, dass er klar zwischen öffentlichem und privatem Grundstück unterscheidet. Montags, mittwochs und freitags reinigt der Werkhof an der Haslistrasse den öffentlichen Grund. Jeweils am Nachmittag. Morgens haben die Innenstadt und die anliegenden Quartiere den Vorrang. «Was auf privatem Grund ist, putzen wir nicht», sagt Wernli. Laut ihm braucht es an der Haslistrasse keine weiteren Abfallkübel. «Sie würden nichts bringen», sagt er. Die Erfahrung am Ländiweg habe gezeigt, dass diese nicht benutzt werden, der Abfall bleibe am Ort des Gebrauchs liegen. «Dies wäre an der Haslistrasse genauso.»

Als einzige sinnvolle Option, um den Abfall in den Griff zu bekommen, sieht er Verrichtungsboxen mit integrierten Toiletten wie in Zürich-Alt-stetten. Ob solche aber jemals auf Oltner Boden installiert werden, sei aber ein politischer Entscheid.

Junge Gaffer sorgen für Stress

Melanie Muñoz, Koordinatorin von der Fachstelle Lysistrada, welche die Interessen der Sexarbeiterinnen vertritt, zeigt sich auf das Abfallproblem angesprochen überrascht. Einmal in der Woche besuchen Lysistrada-Vertreterinnen die Frauen, die sich laut Muñoz für ihre Arbeitseinsätze oft in überteuerte Zimmer an der Haslistrasse einmieten. Von Lysistrada erhalten sie Kondome und Abfalltüten. Gemeldet wurde der Fachstelle seit einiger Zeit das Problem von jungen Gaffern, die keine Dienste entgegen nehmen, aber die Sexarbeiterinnen bei der Arbeit beschimpfen und schikanieren. Wie stark diese Männer zum Abfallproblem beitragen, ist offen. Dass Sexarbeiterinnen manchmal draussen urinieren, ist Muñoz bekannt. «Viele wollen keine Kunden verpassen.» Deshalb würde ihrer Meinung nach ein Toitoi-WC sehr helfen.

Undurchsetzbares Halteverbot

Grundsätzlich im Widerspruch zum mittlerweile etablierten Strassenstrich an der Haslistrasse ist das Halteverbot zwischen 20 Uhr abends und 5 Uhr morgens. Warum setzt die Polizei das Verbot nicht einfach durch? Gemäss Harry Niggli, Regionenchef Olten der Kantonspolizei Solothurn, wird die Haslistrasse im Rahmen der Patrouillentätigkeit kontrolliert. Es finden allerdings nur Stichkontrollen statt. Niggli: «Da wir noch andere Hotspots in der Stadt und in der Region haben, können wir uns nicht nur auf die Haslistrasse konzentrieren.» Also eine Frage der Priorität. Um die Situation an der Haslistrasse zu ändern, reichen laut Niggli Kontrollen allein aber nicht. «Eine Lösung müsste gemeinsam mit anderen Partnern gefunden werden.» Konkret denkt er zum Beispiel an die Stadt, an das Amt für Umwelt und an die Grundstückbesitzer.

Laut Niggli wird die Problemzone Haslistrasse bereits seit Januar von der Polizei genauer analysiert. Sobald der Bericht steht, würden die Ergebnisse mit den politischen Amtsträgern und den anderen Partnern besprochen. Dann wird also entschieden, was, wie und ob sich überhaupt etwas an der Haslistrasse ändern wird.

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