Olten

Die Geschichte des Geissfluhwegs: «Damals kannte man noch die ganze Strasse, heute leben wir in einer anderen Zeit»

Bis heute zieren die 1888 erbauten Bürogebäude der Centralbahn den Geissfluhweg in Olten. Bruno Ritter erinnert sich 79 Jahre nach seiner Geburt an die Geschichte dieser sechs Reihenhäuser.

Eine dicke Nebelschicht verhüllt die stadtumliegenden Hügel. Vom Bahnhof her hallt die unverkennbare SBB-Ansagestimme in den Oltner Geissfluhweg. Ein bittersüsser Duft dringt von der im Nordosten liegenden Schokoladenfabrik hinüber. Um an diesem kalten Morgen nicht zu frieren, ziehen die Passanten zügig durch das kleine Strässchen – vorbei an den Hausnummern 16 bis 26. Sechs Reihenhäuser, gebaut vor über einem Jahrhundert, stehen da.

Jedes Haus hat seine Merkmale, seinen Charakter. Und doch scheint es offensichtlich, dass sie wie Brüder und Schwestern durch die Jahre gegangen sind. Die Bewohner kamen und gingen. Gesichter und Fassaden änderten sich, die Geschichten blieben. Torbögen, Granitbalkone und -treppen sind Zeugen ursprünglich italienischer Einflüsse, die hinter den üppigen Vorgärten zum Vorschein kommen.

Hier ist ein Gartenzaun vergangener Tage geblieben, da eine in die Jahre gekommene Fensterfreske erhalten, dort haben die ursprünglichen Fensterläden Bestand. Nur bei einem der Häuser fiel der stattliche Vorgarten mit Birnbäumen einer Garagenzufahrt zum Opfer. Vergebens hatte sich die Nachbarschaft gegen den Eingriff gewehrt.

Sechs Reihenhäuser im Nichts

Niemand kennt die Geschichte dieser Häuserzeile besser als Bruno Ritter, blaues Hemd, Hosenträger, rundes Gesicht. Auf das Foto will er nicht. 1938 erblickt er hier am Geissfluhweg das Licht der Welt. In der warmen Stube des Reihenhauses mit der Nummer 20 kommt er als Sohn eines Bahnpost-Beamten und einer ehemaligen Angestellten der bekannten Altstadt-Confiserie Hermann zur Welt. Später erhält Bruno Ritter zwei jüngere Schwestern.

Sein Vater wächst mit sieben Brüdern zwischen den Bahngeleisen im Oltner Industriequartier Hasli auf, die Mutter stammt aus Rorschach SG. In der Eisenbahnerstadt geben sie sich das Jawort. Ein Jahr vor Bruno Ritters Geburt erwerben dessen Grosseltern das Reihenhaus von einer Familie Michel. Bereits fünfzig Jahre alt ist das Gebälk damals. Seit 1888 trägt es die Bürogebäude der privaten Centralbahn.

Durch einen im Hinterhof errichteten Annexbau mit zwei Küchen und einer Terrasse mit Ofen für die Kochwäsche sind die Häuser ab 1898 familiengängig. Zu jener Zeit existiert der Geissfluhweg noch nicht: Bis in die 1920er-Jahre führt bloss ein Weglein vom Personendurchlass des Bahnhofs durchs Feld, hin zu den isoliert dastehenden Häusern. An der Unteren und Oberen Hardegg säumen Lokomotivführerhäuschen die Strässchen.

Quelle: www.map.geo.admin.ch / swisstopo

«Chewing gum, please»

Olten hat als Eisenbahnerstadt während Ritters Kindheit Hochkonjunktur. Auf engstem Raum leben über 20 000 Einwohner in der Dreitannenstadt. «Die Häuser waren vollbepackt mit Leuten», erinnert sich Ritter an heute undenkbare Verhältnisse: «Wir vermieteten die Mansarden an Zimmerherren, Militär und Serviertöchter vom Bahnhofbuffet.» Die Bahn ist nicht bloss Nachbar und Mobilitätsgrundlage, sondern vielmehr die Garantie für das tägliche Brot, der wichtigste Arbeitgeber. In der Jugend verdient Ritter Sackgeld als PTT-Kurier.

Zwischen Bahnhof und Hauptpost führt er mit dem Fahrrad-Anhänger Waren durch einen heute nicht mehr ersichtlichen Tunnel. Im Hotel Merkur (heutiges «Coq d’Or»), einen Steinwurf von Ritters Elternhaus entfernt, erholen sich US-amerikanische Soldaten von den Strapazen des Zweiten Weltkriegs. «Chocolate» und «Chewing gum, please», sind neben «How do you do?» die ersten Englischwörter, die Ritter über die Lippen gehen.

Wo heute unterhalb des Hardwaldes Wohnblocks stehen, schlittelte der kleine Bruno einst bäuchlings die Böschung hinunter. «Damals kannte man noch die ganze Strasse, heute leben wir in einer anderen Zeit.» Die Erinnerungen sprudeln. Kein Jahrhundert ist es her, als das Leben am Geissfluhweg noch grundlegend anders war.

Ein Blick zurück: Nummer 26 ist das Zuhause des Gleisbauers Gerberich-Schaub. Gleich nebenan betreibt das Ostschweizer Ehepaar Fatzer ein Verteilzentrum zur Belieferung von «Hausierern». Die Zustellung der Kurzwaren (Nähzubehör) erfolgt mit Ross und Wagen. «Ich holte jeweils Rossbollen für die Rosenstöcke», berichtet Ritter. Die Geschwister Lina und Rosa Siegrist führen im Haus Nummer 22 ein Weissnäherinnen-Geschäft.

In derselben Reihe wohnt die Familie Kunz-Bossart, die bei den städtischen Strom- und Gasbetrieben involviert ist. Im letzten Haus lebt Felix Sommerhalder, Monteur bei der damaligen Atel, mit seiner Familie. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht eine Kesselschmiede. Als ob das Werkgeräusch bis heute nachhallen würde, erinnert sich Ritter an die «schampar lärmige» Fabrik Bauhofer. Erst in den 1970er-Jahren besiegelt eine Petition die Stilllegung und den Wegzug des Betriebs.

Lebensabend im Schneckenhaus

Wegen der Bahn bleibt Bruno Ritter nicht in Olten. Nein, die Bahn öffnet ihm vielmehr die Welt. Als 24-Jähriger zieht er weg nach London zum Englisch-Studium im Swiss Mercantile College. Der Zufall will es, dass er bei der Schweizer Botschaft eine temporäre Anstellung findet. Nach Bewerbung und erfolgreicher Prüfung für den botschaftlichen Karrieredienst führt ihn seine Laufbahn in die weite Welt.

Knapp vier Jahrzehnte und die Destinationen Abidjan, Wellington, Saigon, Singapur, Tripolis, Bern, Chicago, Berlin-West, Amman, Manchester, Damaskus und Düsseldorf liegen zwischen Ritters Wegzug in Richtung England und der Rückkehr an den Geissfluhweg. «Seit meiner Pensionierung habe ich mich ins Schneckenhaus zurückgezogen», sagt der ehemalige Generalkonsul. Nur sein persönlicher Mikrokosmos zeugt von Begegnungen mit Präsidenten und Königen. Jedes Souvenir, jedes Möbel erzählt eine Geschichte aus einer Ecke ferner Länder.

Einst träumte Ritter von einem Lebensabend in der Toskana. «Man kehrt immer zu den Wurzeln zurück», sagt er, dem die Heimkehr heute logisch erscheint. Als Ritter im Jahr 2000 in die Dreitannenstadt zurückkehrt, sind viele Spuren seiner Kindheit verwischt. Die Nachbarn haben gewechselt. Doch die Häuserzeile steht noch immer da, und die Bahn rauscht nun ihn höherer Frequenz vorbei, bildet aber nicht mehr die dominierende Lebensgrundlage. Und doch: Für den 79-Jährigen sind Olten und «sein» Geissfluhweg ein «Déjà-vu».

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