Olten
Die Frau als Sextouristin und der Mann als Prostituierter im Cinema Lysistrada

Dass auch Frauen für Sex bezahlen, zeigt die Filmreihe Cinema Lysistrada der gleichnamigen Fachstelle nächste Woche im Kino Lichtspiele.

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Am nächsten Montag läuft im Kino Lichtspiele der Dokumentationsfilm «Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben».

Am nächsten Montag läuft im Kino Lichtspiele der Dokumentationsfilm «Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben».

Bruno Kissling

Niemand kann bestreiten, dass Eva-Marree alias Petite Jasmine ein Opfer ist: Ihr gewalttätiger Ehemann hat sie vor den Augen ihrer Kinder ermordet. Sie war aber gerade kein Opfer, als sie als Sexarbeiterin tätig war: Ihr gefiel die Arbeit, sie konnte für ihre Kinder aufkommen, sie war unabhängig.

Trotzdem haben die schwedische Gesellschaft und das schwedische Sozialsystem sie als Opfer sehen wollen. Schliesslich besagt das schwedische Gesetz, dass Sexarbeiterinnen stets Opfer sexuellen Missbrauchs sind, wenn sie gegen Geld Sex haben.

Cinema Lysistrada

Montag, 22. Oktober, 20.30 Uhr: «Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben» (F, 2017), Dokumentarfilm von Ovidie (55 Minuten mit anschliessender Diskussion; Eintritt frei, Kollekte); Dienstag, 23. Oktober, 20.30 Uhr: «Paradies: Liebe» (Ö, D, F, 2012), Film von Ulrich Seidl (120 Minuten).

Der Dokumentarfilm der ehemaligen Pornodarstellerin und Filmemacherin Ovidie über Eva-Marrees Schicksal zeigt eindrücklich auf, wie das für viele Politiker und Feministinnen attraktive «Schwedenmodell» der Freierbestrafung zu einer noch grösseren Stigmatisierung der Sexarbeiterinnen führt, ihnen alle Rechte nimmt und sie erst recht zu Opfern macht.

«Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben» ist ein höchst aktuelles und aufwühlendes Plädoyer für die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung von Sexarbeit, dem sich die Fachstelle Lysistrada voll und ganz anschliessen kann. Für dieses Ziel – mehr Rechte für Sexarbeitende – setzt sie sich seit ihrem Bestehen auf allen Ebenen ein.

Weiblicher Sextourismus

Neben Prostituierten, die sich wie Eva-Marree aus einer relativ selbstbewussten und privilegierten Position heraus für die Sexarbeit entscheiden, kennt Lysistrada auch die Realitäten anderer Sexarbeitenden. Aus grosser ökonomischer Not heraus arbeiten sie weniger mit Vergnügen als schlicht, um ihre Familien zu ernähren. Sie tun das hier in der Schweiz und sie tun das in ihren Heimatländern.

Ulrich Seidl zeigt uns in «Paradies: Liebe» Männer, die dasselbe tun, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, um für ihre Familien aufzukommen. Und er überführt uns dabei unseren doppelten Standards: Dass wir nämlich grundsätzlich geneigt sind, Frauen als Opfer zu sehen und Männer als Täter, selbst wenn hier die Frau die Sextouristin ist. Mit Teresa, einer älteren Österreicherin, haben wir zunächst Mitleid, wenn sie auf der Suche nach etwas Zärtlichkeit im Urlaub in Kenia an einen jungen Mann gerät, der ihre Gutgläubigkeit schamlos ausnutzt.

Zwar stellt Seidl die Frage nicht selbst, aber sie drängt sich auf: Warum begegnen wir weiblichen Sextouristen und Freiern insgesamt nicht in demselben Mass moralisch abwertend wie den Männern? Warum müssen in der gesellschaftlichen Vorstellung Prostituierte zwangsläufig Opfer und Freier Täter sein? Weil wir Frauen grundsätzlich in der Opferrolle sehen wollen? Diese Vorurteile werden mit den beiden Filmen in der Reihe Cinema Lysistrada hinterfragt. (mgt/otr)

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