Olten
Die «Fabrikk» produziert massenweise Wow-Effekte

Die Oltner Premiere von «Fabrikk» schlug ein wie eine Bombe. Karl’s kühne Gassenschau versetzte das Publikum mit seinen Special Effects, die in der Schokoladenfabrik am laufenden Band produziert wurden, das Publikum immer wieder in Staunen.

Adriana Gubler
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Zum Gesang der «Fabrikk»-Angestellten Giovanna kreiert Maître Chocolatier Ernesto Angelini ein neues Schokoladenrezept, das die Chinesen vom Hocker hauen soll.

Zum Gesang der «Fabrikk»-Angestellten Giovanna kreiert Maître Chocolatier Ernesto Angelini ein neues Schokoladenrezept, das die Chinesen vom Hocker hauen soll.

Bruno Kissling

Das Premierenpublikum – darunter bekannte Gesichter aus dem Showbusiness – erwartete Spektakel. Und es erhielt Spektakel. Eine ganze Menge sogar. Schon die Auftaktszene zu «Fabrikk», der neuesten Produktion von Karl’s kühner Gassenschau, ist ein Paukenschlag und damit ein Versprechen für die gut zwei Stunden des einzigartigen Freilichttheaters: Auf einer schwebenden Plattform sitzen die vier Mitglieder der Showband, allesamt im Gewand eines Maître Chocolatier, und sorgen für den musikalischen Startschuss in halsbrecherischer Höhe. In der Luft öffnet sich bei der Plattform eine Klappe und hervor kommt zur völligen Überraschung Victor Witschi, der es sich in einem Flugzeugsitz bequem gemacht hat, ein Cüpli trinkt und telefoniert.

Mit dieser Auftaktszene lassen die Gaukler von Karl’s kühner Gassenschau einerseits erahnen, welch technisches Feuerwerk, welch charmanter Witz und welch unermesslicher Ideenreichtum in ihnen steckt, und andererseits werfen sie die Zuschauer direkt mitten ins Geschehen hinein. Denn Witschi, geschniegelter CEO einer Schweizer Schokoladenfabrik, erhält im Flieger einen Anruf von einem chinesischen Investor, der seinen Besuch ankündigt. Der hohe Besuch lässt nicht lange auf sich warten. Ebenso wenig das Resultat des Treffens: Der chinesische Investor bestellt 50 Millionen «Rondoro»-Pralinen, und dies in zwei Wochen.

Gefühlswelt kommt nicht zu kurz

Wie man es von der Gassenschau kennt, gibt sich die Crew auch im neuesten Werk gesellschaftskritisch und hat sein Stück der Thematik der Globalisierung – mit all ihren negativen Begleiterscheinungen – verschrieben. So kommt auch in der «Fabrikk» der Maître Chocolatier Ernesto Angelini bei der grossen Bestellung arg unter Druck. CEO Witschis Lösungsansatz: Panschen. Er träumt vom grossen Geld und setzt Quantität vor Qualität. Das bringt den stolzen Berufsmann Angelini an den totalen Abgrund.

Die Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten kommt nicht zu kurz. Die Figuren – vom Maître Chocolatier über den deutschen Praktikanten Uwe bis zur fettleibigen und deswegen gemobbten Fabrikarbeiterin Ruth Meili – sind schön ausgearbeitet und erhalten von ihren überzeugenden Darstellern einen eigenen Charakter. Ein wirklich liebenswertes Team, das sich für die Pralinen-Produktion verantwortlich fühlt. Auch die Schokoladenfabrik an sich weckt Sympathien – aber nur bis zu jenem Zeitpunkt, da die rotbehelmten und im Gleichschritt marschierenden Chinesen Einzug halten. In der «Fabrikk» gehts nicht nur munter zu und her.

Technik ist unerreicht

Auch wenn die Geschichte und die Schauspielkunst gefallen, so ist es doch die Technik in «Fabrikk», die für Ausrufe der Begeisterung sorgt. Manch ein Zuschauer brachte gar vor Staunen kaum mehr den Mund zu. Wenn herkömmliche Produktionen einen innigen Moment in Zweisamkeit auf einer Hollywoodschaukel darstellen, bedienen sich die Macher von Karl’s kühner Gassenschau viel lieber eines fliegenden Bänkli und nützen die Vorteile ihrer Freilichtbühne räumlich vollumfänglich aus. Waghalsige Stunts, etwa auf einem Förderband, sind an der Tagesordnung. Auch knallt und kracht es schon mal richtig heftig in der «Fabrikk». Und wenn die haarsträubenden Gefährte auf der Bühne rasant ihre Runden drehen, riecht es ordentlich nach Treibstoff. «Fabrikk» ist ein Kunstwerk für alle Sinne. Karl’s kühne Gassenschau ist damit in ihrem Wirken unerreicht.

Obwohl die Kühnen in Sachen Technik mit der ganz grossen Kelle anrichten, verlieren sie den Sinn für die kleinen, aber ausserordentlich feinen Details nicht. Jederzeit ist spürbar, dass da eine Produktion gezeigt wird, in die viel Zeit, aber auch Liebe zum Detail investiert wurde. Den Darstellern bleibt nun nur zu wünschen, dass bald wärmere Temperaturen vorherrschen, denn einige von ihnen gehen am Ende wortwörtlich baden. Mit ihrer Premierenleistung hat sich die gesamte Crew jedenfalls schönstes Sommerwetter verdient.

Dank der unerschöpflichen Kreativität und des technischen Geschicks der «Fabrikk»-Macher wird das SüdWest-Areal nun also doch noch zur Schokoladenseite Oltens – zumindest bis zum voraussichtlichen Ende der dritten Spielzeit von «Fabrikk» Ende August.