Mit dem Tanzstück «Pudique Acide & Extasis» erlebte das Oltner Publikum zur Eröffnung der 18. Oltner Tanztage eine dynamische und sinnlich geprägte Tanzaufführung, die begeisterte. Die Choreografen Mathilde Monnier und Jean-François Duroure aus Montpellier kreierten Tanzbilder von einmaliger Stärke.

Auf eine sehr persönliche und raffinierte Art liessen sie die 80er-Jahre im Tanz in Frankreich aufleben, wobei zu Brechts markanten Texten und Kurt Weills Musik, unterstützt von jener von Bernard Hermann, auch heutige Aspekte hineinflossen. Diese Mischung machte den Tanzabend so spannend. Im Mittelpunkt ihrer Inszenierung stand eine Zweierbeziehung, Mann und Frau im Dialog. Die grandiosen Tänzer Sonia Darbois und Jonathan Pranlas übernahmen diese faszinierenden Parts.

Explosionsartige Texteinwirkung

Zwei Figuren in Schottenröcken, Mann und Frau, beide gleich angezogen, und doch so unterschiedlich in ihrer Ausstrahlung, begannen ganz subtil im Bühnenraum mit ihrem Tanz. Fein abgestufte Bewegungen, bis in die Fussspitzen, erlebte man, Berührung und Annäherung in feinen Variationen, und dann plötzlich die explosionsartige Einwirkung des Textes von Brecht aus der Dreigroschenoper: Soldaten, McKeith oder die Hure Jenny, sie gingen einem unter die Haut.

«Ach, das wäre ja gelacht, wenn sich da einer aus dir was macht», und weiter ging es mit markanten Betonungen, mit Liedtexten, und im Mittelpunkt stand immer der Tanz, das tanzende Duo, Mann und Frau, einander zärtlich zugewandt, dann wieder voneinander abgehoben, und jeder auf sich konzentriert.

Wo beginnt das Erkennen der Unterschiede? Die beiden tanzenden Figuren, gleich angezogen, signalisierten deutlich, dass Mann und Frau, jeder für sich, eine Persönlichkeit ist und doch auch jeder angewiesen ist auf die Kommunikation mit dem anderen. In grandiosen Tanzschritten und -sprüngen, die bis ins kleinste Detail Emotionen hinüberbrachten, erlebte man eine Tanzperformance voller Schönheit und Ästhetik. Was ist männlich und was weiblich, wenn sich die Befindlichkeiten überschneiden, wenn sich das Männliche im Weiblichen auflöst und umgekehrt.

Diese Verschmelzung der beiden Komponenten machte den Ablauf der Tanzhandlung so ungemein spannend. Die Liedtexte erhöhten diese Zusammenhänge, weil sie vieles auf den Punkt brachten, nicht dominierend, sondern begleitend, so als wollte man signalisieren: In der Auseinandersetzung findet das weibliche Element zum männlichen und umgekehrt. Doch sicher ist das nicht, am Ende bleit alles offen. Im ersten Teil genoss man diese feinen Zusammenhänge, tauchte ein in die provokativeren Texte und Musikpassagen und erkannte, dass es in der Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau kein Ausruhen gibt, ständig ist man in Bewegung, auf Veränderung ausgerichtet.

Das Verletzliche kam zum Vorschein

Im zweiten Teil erlebte das Publikum eine völlig neue Situation. Zwei Tanzende, Mann und Frau, im gleichen Mantel, unten bestückt mit weissen Tülljupes. Tanzende Figuren, die verschieden und doch gleich waren, so als wollte man dokumentieren, wir sind unterschiedlich und doch gleich, weil das Effektive nicht an ein Geschlecht gebunden ist. Sie tanzten zart, berührend, leidenschaftlich und doch auch in sich geschlossen, auf eine Art, die den Betrachter mitnahm auf eine innere Reise. Augenblicke später fielen die Tüllhüllen zu Boden, etwas Verletzliches machte sich bemerkbar.

Das Verletzliche wurde immer deutlicher sowohl in der Musik als auch im Liedtext, und der Tanz verlor sich in feinen verwischten und abstrakt wirkenden Formen, schien sich manchmal im Bühnenraum fast aufzulösen. «Wo gehe ich hin, ich als Mann, du als Frau, wo finden wir uns auf einer gemeinsamen Ebene?» Fragen, die im Raume hängen blieben, die nicht unbedingt nach Antworten suchten, sondern einfach da waren, so wie das Kleid, die Lichtständer oder ansonst ein Requisit.

Und dann das Ende, zwei Gestalten, vom Leben und von der Auseinandersetzung gezeichnet, die sich immer noch suchten, irgendwo. Es war eine einmalige Tanzaufführung, die neue Dimensionen erschloss und aufzeigte, dass es im Tanz Befindlichkeiten gibt, die man nicht ausformulieren kann, weil sie eigentlich keiner Worte bedürfen.